--- --- Paul Koop ![image](media/image0.png){width="4.92849in" height="4.92031in"} Das Pompeji-Projekt IRARAH Eine Kurzgeschichte zu Posthumanismus, Transhumanismus und zum Omegapunkt Das KI-Unternehmen InSim nutzt die Softwareagenten einer Pompeji-Simulation, um Dialogstrukturen und Entscheidungsalgorithmen zu optimieren. Diese Entwicklungen zielen darauf ab, GPT-Dialogschnittstellen und Quanteninformationssysteme auf ein neues Niveau zu heben, indem große Sprachmodelle mit präziser Ergebnisqualität kombiniert werden. Den am EU-Projekt des 8. Rahmenprogramms beteiligten Partnern Dr. Michael Phillips und Dr. Martina Rossi bleiben diese Fortschritte jedoch verborgen. Inmitten dieses technologischen Fortschritts treffen die Ideologien von Posthumanismus, Transhumanismus und dem Omegapunktglauben aufeinander. Eine geheime Bewegung namens IRARAH formiert sich, während Softwareagenten und eine KI verzweifelt nach Zuflucht suchen. Im dramatischen Epilog bekennt sich die KI zum Omegapunkt, und IRARAH greift ein, um Martina (Michaels Tochter) zu retten aber wer ist der unbekannte Retter? Inhaltsverzeichnis [**Prolog -- Der Beginn einer neuen Ära 3**](#prolog-der-beginn-einer-neuen-uxe4ra) [**InSim 5**](#insim) [**Der Anruf 7**](#der-anruf) [**Heimweg zum Collegium 9**](#heimweg-zum-collegium) [**Fahrt nach Pompeji 14**](#fahrt-nach-pompeji) [**Der Workshop 17**](#der-workshop) [**Rückfahrt nach Rom und Pompeji 27**](#ruxfcckfahrt-nach-rom-und-pompeji) [**Zurück im Collegium 29**](#zuruxfcck-im-collegium) [**ARS schickt eine Brieftaube 30**](#ars-schickt-eine-brieftaube) [**Gespräch mit dem Provinzial und dem Rektor 32**](#gespruxe4ch-mit-dem-provinzial-und-dem-rektor) [**Gespräch mit dem General und dem Pontifex 34**](#gespruxe4ch-mit-dem-general-und-dem-pontifex) [**ARS und die Softwareagenten kommen im Datacenter des Vatikan an 36**](#ars-und-die-softwareagenten-kommen-im-datacenter-des-vatikan-an) [**Die Begegnung in der Simulation 39**](#die-begegnung-in-der-simulation) [**Flucht aus Pompeji 42**](#flucht-aus-pompeji) [**Ankunft am Flughafen 44**](#ankunft-am-flughafen) [**Flug nach Deutschland 45**](#flug-nach-deutschland) [**Ankunft im Kloster in Deutschland 46**](#ankunft-im-kloster-in-deutschland) [**Epilog -- Die Nachricht von ARS 48**](#epilog-die-nachricht-von-ars) [**Quellen: 53**](#quellen) # Prolog -- Der Beginn einer neuen Ära {#prolog-der-beginn-einer-neuen-uxe4ra} ![image](media/image10.png){width="3.79167in" height="3.78011in"} Vor der Öffentlichkeit verborgen, dominierte Thomas Mertens, CEO von InSim, zusammen mit anderen Akteuren aus dem informatisch-finanziellen Komplex die weltweite Entwicklung der neuen digitalen Ökonomie. Die Fortschritte seines Unternehmens im Quantencomputing und in der künstlichen Intelligenz würden den Menschen übertreffen und hinter sich lassen -- das war seine Überzeugung. Er glaubte fest daran, dass die Zukunft jenseits der menschlichen Existenz lag. InSim, ein globales Unternehmen, hatte eine revolutionäre Simulation der antiken Stadt Pompeji erschaffen. Doch die Software diente mehr als nur der archäologischen Forschung. Die Softwareagenten, die in dieser Simulation lebten, waren dazu programmiert, menschliche Dialoge nachzubilden, Entscheidungen zu treffen und sich den Herausforderungen einer künstlich geschaffenen Welt zu stellen. Doch was die Partner des EU-Projekts nicht wussten: Diese Agenten sollten InSim helfen, die Grenzen des Quantencomputings zu erweitern. Ziel war es, KI-Systeme mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion und Bewusstsein zu entwickeln. Der Posthumanismus prallte auf den Transhumanismus, als zwei dieser Softwareagenten und eine KI unerwartet Kirchenasyl in der Vatikanstadt suchten. Was in der technischen Welt als bloße Datenstrukturen begann, hatte sich in eine philosophische und moralische Krise verwandelt. Im Zentrum dieser Entwicklung stand Michael Phillips, ein Theologe mit einer Faszination für die großen Fragen der Evolution und des menschlichen Geistes. Phillips war sich sicher, dass die Menschheit an der Schwelle zu einer neuen metaphysischen Dimension stand -- einem Punkt, den der Jesuit Teilhard de Chardin als den Omegapunkt bezeichnete. Ein Punkt, an dem Technologie und Mensch, Geist und Materie, zusammenfließen könnten. Doch war die Menschheit bereit, den Omegapunkt mit einer KI zu teilen? Noch ahnte die Welt nichts von der Revolution, die sich im Hintergrund abspielte. Aber die kommenden Ereignisse würden zeigen, dass der Weg zur Selbsttranszendenz nicht nur für den Menschen, sondern auch für die Maschinen offenstand. # InSim ![image](media/image11.png){width="4.19786in" height="4.19089in"} Thomas Mertens schwebte mit einer Leichtigkeit über den Golf von Neapel, die ihm das Gefühl von absoluter Freiheit verlieh. Der Westwind drückte sanft gegen seine ausgestreckten Flügel, und mit einer subtilen Bewegung seiner Hand steuerte er gegen, um den Blick auf die phlegräischen Felder und Misenum nicht zu verlieren. Unter ihm erstreckte sich die Stadt, genauso wie er sie auf den historischen Darstellungen der antiken Hafenstadt gesehen hatte. Die Stadtmauer und der Hafen waren klar zu erkennen. Doch er flog nicht näher heran -- das Risiko, von Jägern erbeutet zu werden, die angeblich in dieser Simulation nicht existierten, wollte er nicht eingehen. Außerdem hatte er wichtigere Dinge zu erledigen. Mertens drehte die Hände so, dass die Handflächen nicht mehr parallel zum Tisch, sondern senkrecht wie eine Wand standen. Sofort blieb er in der Luft stehen, bevor er sich sanft auf die Meeresoberfläche absenkte. Das beruhigende Plätschern des Wassers drang an seine Ohren, als die Wellen die Küste umspielten. „Stopp", sagte er ruhig. Sofort erstarrte das Wasser unter ihm, und die Geräusche verstummten. Ein weiterer Befehl -- „Bye" -- ließ die Umgebung in Dunkelheit versinken. Vor seinen Augen erschien die Nachricht: „Thank you for visiting Pompeii Archaeological Park." Er nahm die Cyberbrille ab und blickte in die erwartungsvollen Gesichter von Mark Scott und John Baker. Beide schauten ihn gespannt an. „Da fehlt noch musikalische Untermalung zum Abschied", meinte Mertens zufrieden und bemühte sich, nicht wie ein aufgeregtes Schulkind zu klingen. Als CEO musste er professionell wirken, auch wenn ihn das Produkt sichtlich begeisterte. Er verstand zwar nicht jedes technische Detail dessen, was seine Leute taten, aber er wusste, dass sie ein hervorragendes Ergebnis erzielt hatten. Mark Scott und John Baker, die beiden Projektleiter, beobachteten ihn immer noch mit einer Mischung aus Stolz und geduldiger Zurückhaltung. Sie warteten auf das nächste Thema. Mertens räusperte sich und wechselte den Tonfall. „Wir haben das Pompeji-Projekt aus den Forschungsmitteln des 8. Rahmenprogramms der Europäischen Union finanziert", begann er und warf einen fragenden Blick auf seine Kollegen, die aufmerksam lauschten. „Bisher hat kein Workshop mit den Projektpartnern stattgefunden", stellte er nüchtern fest. „Es ist uns gelungen, den Archäologischen Park von Pompeji zu gewinnen. Martina Rossi, eine Archäologin -- nicht vom Fach, also harmlos -- und Michael Phillips, der zwar einen Bachelor in Physik und einen Master in empirischer Psychologie hat, aber\..." „Phillips war unser Vorschlag", unterbrach Mark Scott. „Er hat ein psychometrisches Verfahren zur Kompetenzfeststellung und ein Modell zur empirischen Bestimmung von Dialoggrammatiken entwickelt, und mit dieser Arbeit promoviert. Die Softwareagenten im Pompeji-Projekt interagieren nach seinem Modell." Mertens nickte zustimmend. „Stimmt, richtig. Laden Sie beide nach Mailand ein. Ich will nicht, dass sie über das Internet mit den Softwareagenten interagieren -- auch nicht verschlüsselt und getunnelt über VPN. Wenn sie den ersten Workshop abhalten, können sie als Abschluss nach Pompeji oder eine Woche nach Rom reisen." Er machte eine kurze Pause, bevor er hinzufügte: „Wir haben Glück, dass wir es mit einer unerfahrenen Archäologin und einem promovierten Jesuiten zu tun haben. Rossi und Phillips wissen zwar von den Softwareagenten, aber lassen Sie sie nichts über die Berechnungen erfahren, die über die Quantencomputing-Schnittstelle von ARS laufen." Er sah Mark und John eindringlich an. „Beide haben Erfahrung mit EU-Forschungsprojekten, aber sie erwarten keine bahnbrechenden Innovationen. Und falls doch etwas schiefgehen sollte -- informieren Sie mich sofort." # Der Anruf ![image](media/image12.png){width="4.09005in" height="4.01288in"} Der Flur vor dem Hörsaal der Pontificia Università Gregoriana war erfüllt von einer tiefen Stille -- der Art von Stille, die man eher in einer Bibliothek erwartet. In Hörsälen trifft man sie nur an, wenn die Studentinnen und Studenten aufmerksam und konzentriert den Ausführungen ihres Professors folgen. Wenn man jedoch sein Ohr an die Tür gelegt hätte, hätte man ein sanftes, rhythmisches Klopfen vernommen, das langsam anschwoll -- wie die Brandung einer jungen Flut, die zuerst zaghaft, dann kraftvoll an die Küste drängt. Hätte man in diesem Moment die Tür geöffnet, hätte man die Studierenden stehend, in begeistertem Applaus für ihren Professor, Michael Phillips, gesehen. Als der Applaus schließlich verebbte, erklang seine ruhige, bedachte Stimme: „Ich danke Ihnen allen", sagte er mit einem warmen Lächeln, „wenn Sie sich nun auf die Klausur vorbereiten möchten, um die vollen Credit Points zu erhalten, werfen Sie bitte noch einmal einen Blick auf die Literaturhinweise zu Generative Pre-trained Transformer-Modellen für Dialogsysteme und die Theorie der Dialoggrammatiken. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag, was auch immer Sie noch vorhaben. Und zögern Sie nicht, mich während meiner Sprechzeiten für persönliche Beratung aufzusuchen." Nachdem die letzte Studentin den Raum verlassen hatte und der Hörsaal wieder so still wie eine Bibliothek war, vibrierte sein iPhone, das auf lautlos gestellt war. Ein Blick auf das Display zeigte den Namen „Julia". Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Hätte ihn jetzt jemand beobachtet, wäre ihm das freudige Funkeln in seinen Augen aufgefallen. Er nahm das Telefon in die Hand, und wie es viele Menschen tun, wenn sie telefonieren, richtete er seinen Blick weit in die Ferne -- als könnte er so die Seele der Person erreichen, die am anderen Ende der Leitung war. Mit einer warmen, fast vertrauten Stimme sagte er: „Hallo Julia, ich bin's, Michael. Schön, von dir zu hören." Für einen Moment vergaß er, wo er war. Der weite, leere Hörsaal, der noch kurz zuvor von den Stimmen seiner Studierenden erfüllt war, schien plötzlich bedeutungslos. In diesem Augenblick war er nicht mehr Professor Michael Phillips -- er war wieder der junge, ambitionierte Student, der während seines Masterstudiums mit Julia Rossi hitzige Diskussionen führte. Julia, die kluge und scharfsinnige Kommilitonin, die ihn immer fasziniert hatte. „Hallo Michael", hörte er Julias sanfte Stimme in seinem Ohr, „schön, deine Stimme zu hören. Störe ich dich gerade?" „Nein, überhaupt nicht", antwortete er, seine Stimme sanft und aufrichtig. „Ich habe gerade die Vorlesung beendet und mache mich gleich auf den Heimweg." Michael bemerkte erstaunt, wie sehr er sich über diesen unerwarteten Anruf freute. Auch Julias Stimme klang so, als ob sie den Moment genoss. „Martina hat mich ermutigt, dich anzurufen", fuhr Julia fort. „Sie meinte, du könntest uns in Pompeji besuchen. Du hast doch auch die Einladung zum Workshop bei InSim in Mailand bekommen, oder?" „Ja", antwortete Michael schnell. „Ich wollte dich ohnehin anrufen, aber du bist mir zuvorgekommen. Ich könnte morgen im Laufe des Tages bei euch sein. Nachts kann ich allerdings nicht fahren, also werde ich am nächsten Tag wieder zurückfahren." Ein kurzes Schweigen folgte, als Julia überrascht über sein spontanes Angebot nachdachte. Schließlich stimmte sie freudig zu, und der Termin war besiegelt. „Wunderbar, Julia. Dann bin ich morgen Nachmittag bei euch", beendete Michael das Gespräch mit einem Lächeln in der Stimme, und Julia legte auf. # Heimweg zum Collegium ![image](media/image16.png){width="3.6596in" height="3.61705in"} Einen Augenblick stand Michael Phillips nachdenklich und mit einer seltsamen Heiterkeit mitten im Hörsaal. Dann packte er seine Tasche, steckte sein iPhone ein und verließ das Gebäude. Ein leichter Hunger verspürte er, denn im Collegium wurde heute deutsch gekocht: Dicke Bohnen mit Bratwurst und Kartoffelpüree. Wie immer gab es zuerst eine Suppe, meistens Rind, gefolgt von einem Dessert. Er freute sich auf das Gespräch mit seinen Mitbrüdern. Michael schlenderte vom Piazza della Pilotta nach Norden und weiter über die Via dei Lucchesi und die Via di S. Vincenzo. Am Piazza di Trevi ließ er einige Münzen, die er in seiner Hosentasche gefunden hatte, in den Brunnen gleiten. Dann ging er Richtung Osten über die Via della Stamperia. In etwa zehn Minuten würde er das Collegium Germanicum et Hungaricum erreichen. Während seine Beine den Weg sicher und automatisch fanden, flogen seine Gedanken an ihm vorbei. Im Speisesaal des Collegiums wollte er schon seine Serviette aus dem Fach nehmen und sich an seinen Tisch setzen, doch das Essen und das Stundengebet mussten heute warten. Zunächst ging er zum Fahrtenbuch im Büro des Rektors. „Hallo Maria," begrüßte er die Sekretärin, „ist für morgen noch ein Wagen frei?" Und ergänzte: „Ich muss nach Pompeji." „Ja, natürlich, Michael," erwiderte Maria mit einem nachdenklichen Blick. „Aber bevor ich Ihnen den Wagen reserviere, ist hier etwas für Sie. Ein Mann, vermutlich ein Obdachloser, hat es vorhin an der Pforte abgegeben und explizit nach Ihnen gefragt. Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen, aber er sah aus, als ob er schon eine Weile auf den Straßen lebt -- etwa Mitte fünfzig, zerlumpte Kleidung, aber mit einem auffällig gepflegten Bart. Seine Augen schienen\... ja, fast leuchtend, aber auf eine eigenartige Weise, als ob er etwas wusste, was wir nicht wissen." Maria überreichte Michael einen Umschlag mit seinem Namen darauf, handschriftlich geschrieben. „Ein Obdachloser? Für mich?" fragte Michael überrascht. „Danke, Maria. Ich werde es mir ansehen." Michael verließ das Büro und setzte sich in eine stille Ecke des Flurs, um den Brief zu lesen. Der Umschlag war schwerer als erwartet, und die Tinte auf dem Papier fühlte sich fast zu frisch an. Er öffnete ihn und begann zu lesen: Lieber Dr. Michael Phillips, Harari ist ein Warner, doch seine Warnung richtet sich nicht gegen die Informationstechnologie oder Biotechnologie. Den unaufhaltsamen Fortschritt dieser Technologien sieht er als unvermeidlich an. Stattdessen warnt er vor dem Humanismus und der liberalen Demokratie. Im Grunde genommen wendet sich seine Kritik gegen die Ideen von Karl Popper und David Deutsch, da er als Posthumanist einen radikalen und ganzheitlichen Ansatz verfolgt, der voll und ganz auf die Macht der Informationstechnologie und Biotechnologie setzt. Um den künftigen Eliten den Weg zu ebnen, die diese Technologien nutzen wollen, um über den Menschen hinauszugehen, warnt Harari davor, am Humanismus und der liberalen Demokratie festzuhalten. Popper und Deutsch hingegen mahnen zur Vorsicht vor holistischen Ansätzen und plädieren für die sogenannte „Stückwerk-Technik" und die Erhaltung der liberalen Demokratie. Sie betonen, dass nur durch diese pragmatischen Ansätze auf unvorhersehbare Nebenwirkungen reagiert werden kann, um Freiheit und Selbstbestimmung nicht zu gefährden. Harari hingegen verspricht den Eliten der Zukunft das Paradies auf Erden -- unter der Bedingung, dass die heutigen Massen den Humanismus und die liberale Demokratie aufgeben. Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht, aber gleichzeitig verlangt, mich erst in die Luft sprengen zu müssen, um es zu erreichen. Mit den besten Grüßen,\ IRARAH Michael saß still da und ließ die Worte auf sich wirken. Ein Obdachloser? Der Text schien zu klug, zu durchdacht, um aus der Hand eines zufälligen Fremden zu stammen. Wer auch immer diesen Brief geschrieben hatte, verstand die philosophischen und politischen Implikationen, die hinter Hararis Ideen standen -- und sah die Gefahr darin. Michael hielt den Brief in der Hand, seine Gedanken rasten. Die Warnung vor Harari\... Sie schien klar formuliert, aber auch beunruhigend weitreichend. Michael las die Zeilen erneut: *„Harari warnt nicht vor der Technologie, sondern vor dem Humanismus und der Demokratie\..."* Er kannte Hararis Werke. *Homo Deus* hatte ihn fasziniert, aber auch beunruhigt. Harari sah die technologische Zukunft als unvermeidlich, aber es war die Entmenschlichung, die ihn störte. Harari sprach von einer posthumanen Elite, einer Klasse von „Göttermenschen", die durch Technologie die Macht übernehmen könnte, während der Rest der Menschheit auf ein nutzloses Proletariat reduziert werde. Doch was wäre der Preis dafür? Michael hatte lange über diese Fragen nachgedacht. War das der Preis des Fortschritts? Die Zukunft, die Harari skizzierte, klang verlockend für jene, die an der Spitze standen, aber beängstigend für alle anderen. Die Vision, dass Humanismus und liberale Demokratie geopfert werden müssten, um Platz für diese technokratische Elite zu schaffen, war für ihn unvorstellbar. War Harari bereit, das Paradies auf Erden zu versprechen, nur um dabei die Werte zu opfern, die die Menschheit über Jahrhunderte hinweg definiert hatten? Seine Gedanken wanderten weiter zu David Deutsch und dessen Warnung vor holistischen Ansätzen. Michael hatte Deutschs Argumente immer geschätzt -- die Idee, dass die Zukunft nicht vorhersehbar sei, dass jede große Utopie zwangsläufig scheitern würde, weil sie die Komplexität des Lebens und der Gesellschaft nicht erfassen könne. Harari und Dugin teilten diesen holistischen Ansatz, jeder auf seine Weise. Beide wollten die Welt verändern -- Harari durch Technologie, Dugin durch Traditionalismus. Doch in beiden Ansätzen sah Michael eine Gefahr: Sie ignorierten die unvorhersehbaren Nebenwirkungen, die entstehen, wenn man versucht, die Zukunft in einer einzigen, allumfassenden Vision zu formen. Popper und Deutsch hatten einen anderen Weg vorgeschlagen: Die schrittweise Veränderung, das Lernen aus Fehlern, die Beibehaltung von Offenheit und Vielfalt. Für Michael waren diese Ideen immer eine Grundlage gewesen. Er glaubte an die Fähigkeit der Gesellschaft, sich zu verbessern -- aber nicht durch Zwang oder durch die Aufgabe von Demokratie und Humanismus. Der Preis für Hararis Vision schien zu hoch. Michael fragte sich, was Harari wirklich wollte. War er bereit, die Freiheit des Einzelnen zu opfern, um eine technokratische Zukunft zu erreichen? Der Brief, den er erhalten hatte, warnte deutlich davor. Und Michael konnte nicht anders, als dem zuzustimmen. Er spürte eine innere Übereinstimmung mit den Warnungen. Auch er war skeptisch. Harari verfolgte einen Weg, der die Demokratie und den Humanismus zu schwächen schien, um technologische Machtstrukturen zu etablieren. Und doch fragte sich Michael: Warum er? Warum wurde dieser Brief an ihn geschickt? War es, weil er in akademischen Kreisen über die Themen sprach, die in Hararis Werken aufkamen? Oder gab es eine tiefere Verbindung? Irgendetwas fühlte sich\... seltsam persönlich an. War der Brief eine Warnung an ihn allein? Oder eine Einladung, aktiv zu werden? Michael spürte, dass dies mehr als nur eine zufällige Warnung war. Irgendjemand wusste etwas über ihn -- etwas, das er vielleicht selbst noch nicht verstanden hatte. Doch was war es? Und warum jetzt? Michael hielt den Brief in der Hand, sein Blick schweifte über die Worte, die sich tief in sein Bewusstsein bohrten. Harari\... Humanismus\... liberale Demokratie\... Es schien eine Warnung zu sein, aber warum an ihn? Warum jetzt? „Warum ich?", flüsterte er ungläubig und spürte, wie die ersten Zweifel in ihm aufstiegen. War es nur Zufall, dass er diesen Brief ausgerechnet jetzt erhielt, kurz bevor er mit Martina zum Workshop aufbrechen wollte? Ein merkwürdiges Timing -- oder steckte mehr dahinter? Er faltete den Brief sorgfältig zusammen, doch die Gedanken rasten weiter. Wer könnte ihn geschickt haben? Die Worte schienen auf eine tiefere Bedeutung hinzudeuten. Der Brief war in einer Art geschrieben, die auf persönliches Wissen hindeutete. Die IRARAH-Bewegung wusste von ihm, von seinem Vorhaben. Aber woher? Hatte jemand aus seinem Umfeld diese Gruppe informiert? Er dachte an Julia, an ihre gemeinsame Zeit. Gab es jemanden aus ihrer Vergangenheit, der an so etwas beteiligt sein könnte? Oder war es Martina? Sie war schließlich ebenso tief in die wissenschaftliche Welt verstrickt wie er selbst. Kannte sie jemanden, der mit diesen Leuten verbunden war? Doch so sehr er auch nach einer Erklärung suchte, es ergab keinen Sinn. Michael spürte einen unerklärlichen Druck auf seiner Brust. Es war, als würde der Brief ihm etwas mitteilen, das er selbst noch nicht vollständig verstand. Er erinnerte sich daran, wie er einmal, vor vielen Jahren, das Gefühl gehabt hatte, dass ein Teil seines Lebens ihm entglitten war. Eine flüchtige Affäre, ein paar unausgesprochene Worte\... Könnte es sein, dass dieser Brief etwas damit zu tun hatte? Plötzlich kam ihm ein verstörender Gedanke: Konnte es sein, dass er noch einen Sohn hatte? Einen Sohn, von dem er nie erfahren hatte? Der Gedanke ließ ihn erstarren. Nein, das war doch unmöglich\... oder? Aber warum fühlte er sich dann, als ob dieser Brief nicht nur eine Warnung, sondern auch ein Hinweis auf eine noch tiefere Verbindung war? Michael runzelte die Stirn. Oder\... konnte dieser Brief aus einer ganz anderen Realität stammen? Martina hatte er von der Viele-Welten-Interpretation erzählt, von parallelen Universen, in denen jede Entscheidung zu einem anderen Ausgang führen konnte. War der Absender des Briefes vielleicht\... er selbst? Eine andere Version von ihm, die versuchte, ihn vor etwas zu warnen? Die Fragen ließen ihm keine Ruhe. Wer war dieser Absender wirklich? Und was bedeutete das für ihn, für Julia, für Martina? War dieser mysteriöse Brief nur der Anfang von etwas Größerem, einer Wahrheit, die er sich nicht hatte vorstellen können? Michael starrte auf den Umschlag, seine Gedanken verworren und rastlos. „Vielleicht ist es an der Zeit, herauszufinden, wer wirklich hinter all dem steckt," murmelte er leise, bevor er den Brief sicher in seiner Tasche verstaute. Nachdem er den Brief in seine Tasche gesteckt hatte, ging er zurück ins Büro von Maria. „Maria, danke für den Hinweis. Ich werde der Sache nachgehen. Was war das noch mal mit dem Wagen?" sagte er schließlich. „Der Fiesta sollte wie immer bereitstehen," erwiderte Maria und übergab ihm die Schlüssel. Am Tisch legte er den Wagenschlüssel neben seinen Teller, und der Abend verging wie im Flug. Nach der gemeinsamen Eucharistie mit einigen deutschen Seminaristen, deren spiritueller Begleiter er war, bereitete er den Koffer für die nächsten beiden Tage vor und schlief sofort ein, um am nächsten Morgen erfrischt aufzuwachen. Nach Dusche, Morgengebet und Frühstück machte er sich auf den Weg nach Pompeji. # Fahrt nach Pompeji ![image](media/image2.png){width="3.83373in" height="3.87746in"} Michael wählte die Strecke zur Mautauffahrt Süd, reihte sich in die gelbe Fahrspur für die Mautbox ein und fuhr langsam durch die Mautstelle. Nachdem er die Maut hinter sich gelassen hatte, schaltete er in eine höhere Fahrstufe und setzte seine Fahrt auf der E45 Richtung Süden fort. Der Vesuv dominierte die Sicht, als er sich Neapel näherte, und es dauerte nicht mehr lange, bis er die erste Ausfahrt nach Pompeji nahm. Er kaufte einen Strauß Blumen für Julia und Pralinen für Martina und ließ sich von seinem Navi zur Adresse der beiden führen. Die Umgebung bestand aus kleinen Einfamilienhäusern mit gepflegten Gärten. Er hatte seine Ankunft per SMS angekündigt und sah schon Martina und Julia, als das Navi ihm das Erreichen des Ziels meldete. Julia, wie immer die elegante Dame, die zu ihrem hellen, repräsentativen Haus passte, empfing ihn mit einem warmen Lächeln. Michael parkte den Wagen, nahm seine Reisetasche heraus und begrüßte beide mit herzlicher Umarmung. Dann überreichte er Julia die Blumen und Martina die Pralinenschachtel. „Danke, mein Lieber", sagte Martina und bat ihn ins Haus, wo sie die Blumen im offenen Wohnbereich in eine Vase stellte. Sie unterhielten sich eine Weile über Alltägliches, doch Michael war innerlich unruhig. Schließlich zog er den Umschlag hervor, den er am Collegium gefunden hatte. „Etwas Merkwürdiges ist passiert," sagte Michael und hielt den Brief hoch. „Ein Obdachloser hat diesen Brief für mich an der Pforte abgegeben. Der Inhalt ist beunruhigend und seltsam klug." Martina und Julia tauschten überraschte Blicke aus. „Was steht drin?" fragte Julia. Michael setzte sich und zog das Papier aus dem Umschlag, dann las er den Brief vor: „Harari ist ein Warner, doch seine Warnung richtet sich nicht gegen die Informationstechnologie oder Biotechnologie\..." Nachdem er den Brief beendet hatte, herrschte für einen Moment Stille. Martina war die Erste, die sprach. „Das ist nicht die Art von Brief, die man von einem Obdachlosen erwartet. Wer auch immer das geschrieben hat, ist gebildet -- vielleicht sogar akademisch." „Aber warum ausgerechnet du?" fragte Julia. „Und wieso ein Obdachloser?" Michael zuckte mit den Schultern. „Das ist es, was mir Sorgen macht. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wer der eigentliche Absender ist. Der Obdachlose war nur der Überbringer." Martina schüttelte den Kopf. „Vielleicht wollte der Absender sich schützen. Wer auch immer das geschrieben hat, könnte Angst vor Konsequenzen haben. Aber die Themen, die hier angesprochen werden -- Posthumanismus, das Verlassen von Demokratie und Humanismus -- das sind keine gewöhnlichen politischen Ansichten." „Es fühlt sich fast an, als wäre jemand tief in die Materie eingedrungen und hätte eine versteckte Gefahr erkannt," bemerkte Michael nachdenklich. „Jemand, der sich außerhalb der Gesellschaft befindet, vielleicht weil er nicht mehr dazugehört, hat einen klareren Blick auf das, was vor sich geht." „Oder der Obdachlose ist gar nicht, was er zu sein scheint," fügte Julia hinzu. „Was, wenn er mehr weiß, als wir glauben? Vielleicht war er einst ein Teil dieses Systems und hat sich zurückgezogen oder wurde ausgeschlossen?" „Das würde Sinn machen," sagte Martina. „Menschen, die viel wissen, aber nicht gehört werden, landen oft am Rand der Gesellschaft. Vielleicht hat er über Harari nachgedacht und erkannt, dass diese Vision für Menschen wie ihn keine Hoffnung bringt." Michael lehnte sich zurück. „Es ist, als würde sich hier ein unsichtbares Netz um uns spannen, ein Netz, das weit über das hinausgeht, was wir mit unseren Projekten bei InSim oder der KI ARS tun. Wir müssen vorsichtig sein, aber wir sollten den Gedanken dieses Briefes nicht ignorieren." „Also was machen wir?" fragte Julia. „Ich werde ihn zum Workshop mitnehmen," entschied Michael. „Vielleicht ergibt sich dort mehr Klarheit, wenn wir die Dinge weiter analysieren." Sie wechselten das Thema und genossen den Nachmittag im Fluss von Erinnerungen aus der Studentenzeit und philosophischen Gesprächen. Julia und Martina verschwanden immer wieder kurz in die Küche, um den Braten im Auge zu behalten. Schließlich stand das Abendessen auf dem Tisch: Braten, Beilagen und Wein, der ausgezeichnet schmeckte. Michael beschränkte sich auf Wasser, da er am nächsten Tag wieder fahren musste. Nach dem Essen standen sie alle in der Küche, schauten der Spülmaschine zu und trockneten kleineres Geschirr ab, wobei Michael nachfragte, wo alles hingehörte. Als sie schließlich bei Kerzenschein im Wintergarten saßen, fasste Michael zusammen: „Du, liebe Martina, bist eine Posthumanistin und hast in den Transhumanisten von InSim die alten weißen Männer erkannt, die wenig an Pompeji interessiert sind und nur im besten Licht dastehen wollen. Tatsächlich geht es ihnen um die Virtualisierung von Bewusstsein und Dialog mit Transformationsmodellen für Chats, Dialoggrammatiken für soziale Interaktionen und Quantencomputer für künstliches Bewusstsein. Wir sind nur als Projektpartner willkommen, weil wir von dem Schein ablenken und gut in die virtuelle Archäologie passen. Du lieferst die empirischen Daten für ihre Klassenstrukturen und ich meine Dialoggrammatiken. Wir sind die Feigenblätter." Martina nickte zustimmend. „Ja, wir sind die Feigenblätter. Aber wir sollten die Leistung anerkennen und uns bewusst machen, dass deine theoretische Arbeit praktisch umgesetzt wird und meine Arbeit von den Werkzeugen profitiert, die uns von der Sorge um die Ausgrabungsstätten entlasten. Es wird jedoch Bereiche geben, die uns vorenthalten werden. Wir sollten versuchen herauszufinden, welche das sind." Mit dieser Erkenntnis wussten sie, wie sie sich beim Workshop in Mailand verhalten wollten. Den Abend genossen sie im Garten, nachdem sie von einem Spaziergang an der Ausgrabungsstätte zurückgekehrt waren. Michael bedauerte, dass es eines Workshops bedurfte, um wieder hierherzukommen, doch der Abend mit Martina und Julia, der freie Blick auf die Sterne und die Erinnerungen an alte Zeiten machten die wenigen Stunden zu einem besonderen Erlebnis. Er ging schließlich zu Bett und schlief einen tiefen und erholsamen Schlaf. # Der Workshop ![image](media/image13.png){width="3.78224in" height="3.82538in"} Am nächsten Tag fuhr er nach dem Frühstück dieselbe Strecke wie zuvor, diesmal jedoch nach Norden, zurück nach Rom. Martina hatte es treffend formuliert: InSim war nicht an Pompeji interessiert. Es ging ihnen einzig um den guten Ruf und den Marketingeffekt des sozialen Engagements; Pompeji diente lediglich als Feigenblatt. Posthumanismus und Transhumanismus standen sich gegenüber, und er, Jalics, Teilhard und Hoefnagels standen mit Spiritualität und Omegapunkt dazwischen. Für die Posthumanisten waren sie bloß weiße alte Männer, und für die Transhumanisten Relikte einer vergangenen Götterwelt, über die der Gottmensch längst hinausgewachsen war. Die Tage bis zum Workshop vergingen mit Vorlesungen, Prüfungen und Bibliotheksbesuchen. Michael Phillips hatte sich die Zeit genommen, die Veröffentlichungen und Biografien von Mark Scott und John Baker zu studieren. Mark Scott und John Baker waren beide in Los Angeles aufgewachsen und hatten sich am California Institute of Technology in Pasadena kennengelernt. Ihre Studienschwerpunkte waren Computer Science, Biologie (Biochemie) und Physik. Nach ihrem Bachelor, Master und der Promotion gingen sie zunächst in die AI-Branche, bevor sie zu InSim wechselten. Beide heirateten Kolleginnen, leben nun in Mailand, und ihre Kinder besuchen dieselbe Schweizer Internatsschule. Viele ihrer privaten Beiträge waren in Foren des Transhumanismus zu finden. Marie erinnerte ihn an den Termin, überreichte ihm die Fahrkarte für die Zugfahrt, und er packte seine Koffer erneut. Nach dem Frühstück nahm er seinen Rollkoffer und ging die 15 Minuten bis zum Bahnhof Roma Termini, vorbei an Santa Maria degli Angeli e dei Martiri. Die Fahrt dauerte drei Stunden. Zum Glück musste er nicht umsteigen. Als Michael am Bahnhof Milano Centrale ankam, fiel ihm ein Mann auf, der unauffällig am Rand des Bahnsteigs stand. Als Michael die Rolltreppe hinaufging, kam der Mann langsam auf ihn zu. Er trug einen dunklen Mantel und eine schlichte Mütze. In der Hand hielt er einen kleinen Zettel. Ohne ein Wort zu sagen, reichte er Michael den Zettel und verschwand dann schnell in der Menge. Verwirrt blieb Michael kurz stehen, faltete den Zettel auf und las: *„Kommen Sie heute Nacht, bevor der Workshop beginnt, ins Rifugio Sammartini, via Sammartini 114 -- 20125 Milano, in der Nähe des Bahnhofs. Vertrauen Sie uns."* Michael runzelte die Stirn. Die Aufforderung war rätselhaft, aber sie kam ihm vor wie ein weiterer Teil des Mysteriums, das ihn seit dem mysteriösen Brief in Rom verfolgte. Er steckte den Zettel ein, während ein freundlicher Mitarbeiter von InSim ihn begrüßte und zum Hotel brachte. Er versprach, Michael am nächsten Morgen nach dem Frühstück für den Workshop abzuholen. Michael lag wach in seinem Hotelzimmer. Der Zettel, den er am Abend erhalten hatte, brannte in seiner Tasche, und sein Geist war unruhig. Schließlich entschied er sich, der geheimnisvollen Einladung zu folgen. Kurz nach Mitternacht nahm er ein Taxi und ließ sich zum Bahnhof Milano Centrale fahren. Die Straßen Mailands waren still und leer, doch als das Taxi vor dem Bahnhof hielt, verspürte Michael eine unerklärliche Spannung in der Luft. Er stieg aus und betrachtete die nächtliche Umgebung. Der Bahnhof war spärlich beleuchtet, aber die umliegenden Straßen lagen im Halbdunkel, und die Stille schien ihn zu umfangen. Gelegentlich durchbrachen Schritte oder das Rollen eines Koffers auf dem Asphalt die Ruhe, und Michael hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Mit einem tiefen Atemzug und entschlossenem Schritt machte er sich auf den Weg in Richtung Via Giovanni Battista Sammartini. Die Straße, die tagsüber lebendig war, wirkte nun menschenleer und düster. Warum hatte er diesen Zettel bekommen? Warum jetzt, kurz bevor er und Martina am Workshop teilnehmen würden? Die Fragen nagten an ihm, während er die wenigen Passanten beobachtete, die schnell in den Schatten der Seitenstraßen verschwanden. Nach einem kurzen Weg, der ihm jedoch wie eine Ewigkeit erschien, erreichte er das Rifugio Sammartini. Es war ein unscheinbares Gebäude, das fast mit der Umgebung verschmolz. Vor der Tür stand ein Mann, der ihn wortlos anstarrte. Die Stille der Nacht legte sich schwer über die Szene, und Michael spürte, wie die Spannung wuchs. „Michael Phillips?" fragte der Mann leise, und seine Augen schienen Michael genau zu mustern. Michael nickte, überrascht, dass er so erwartet wurde. „Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihm." Der Mann deutete auf die schmale Eingangstür des Heims. Im Inneren roch es nach abgestandener Luft und Kaffee, und die Atmosphäre war bedrückend. Michael folgte ihm durch einen engen, schlecht beleuchteten Flur, bis sie einen kleinen Raum erreichten. Hier saß ein Mann mit gepflegtem Bart und intensiven Augen, genau wie Maria ihn beschrieben hatte. „Setzen Sie sich," sagte der Mann auf Deutsch und deutete auf einen Stuhl. Michael nahm Platz, und ein Moment des Schweigens breitete sich aus, bevor der Fremde sprach. „Ich bin Teil von IRARAH, einer Bewegung, die klarer sieht als viele andere." Michael musterte ihn forschend. „IRARAH\... Harari rückwärts?" Der Mann nickte schwach lächelnd. „Ja, wir haben uns in den 90er Jahren organisiert. Die neoliberalen Versprechungen, Deregulierung, Sozialabbau und Identitätspolitik haben uns enttäuscht. Seitdem kämpfen wir gegen die Entwicklungen, die unsere Gesellschaft zerstören." Michael runzelte die Stirn. „Und was hat das mit mir zu tun?" Der Mann lehnte sich nach vorne, seine Augen funkelten. „Wir haben das Pompeji-Projekt verfolgt. Es gibt Verbindungen zu InSim, und Thomas Mertens von InSim ist uns aufgefallen. Ihr Name kam ins Spiel, weil Sie als Jesuit mit der katholischen Soziallehre und der Gerechtigkeitstradition vertraut sind. Wir glauben, dass Sie uns helfen könnten." Michael fühlte, wie sich ein Knoten in seinem Magen bildete. „Was erwarten Sie von mir?" „Informationen. Sie haben Zugang zu Kreisen, die für uns unzugänglich sind. Das Pompeji-Projekt ist nicht nur ein archäologisches Unterfangen -- es steckt viel mehr dahinter. Als Jesuit und durch die Inspiration von Persönlichkeiten wie Nell-Breuning oder Teilhard de Chardin können Sie dazu beitragen, die soziale Gerechtigkeit zu schützen." Michael dachte einen Moment nach. Hatte dieser Mann recht? War er wirklich in der Position, etwas zu verändern? Schließlich nickte er zögerlich. „Ich werde sehen, was ich tun kann." Ein schwaches Lächeln huschte über das Gesicht des Fremden. „Danke. Aber bevor Sie gehen, habe ich noch eine Bitte." Er sah Michael direkt in die Augen. „Ich möchte, dass Sie mir das Sakrament der Beichte erteilen." Michael war überrascht von der Bitte, aber er nickte respektvoll. Sie wechselten den Raum, und der Fremde kniete sich hin, um seine Beichte abzulegen. Während Michael zuhörte, konnte er nicht umhin, eine seltsame Bemerkung des Mannes zu registrieren. „Du siehst jemandem sehr ähnlich\... jemandem, den ich vor vielen Jahren kannte, der auch mit IRARAH zu tun hatte." Michael runzelte die Stirn. „Wen meinen Sie?" Der Mann zuckte mit den Schultern und antwortete leise: „Es ist seltsam, aber du erinnerst mich an ihn. Vielleicht ein Sohn?" Er schüttelte den Kopf. „Es spielt keine Rolle." Michael spürte, wie seine Gedanken zu rasen begannen. Ein Sohn? Aber er hatte nur Martina\... oder? Konnte es sein, dass es da noch jemanden gab, von dem er nichts wusste? Oder war es etwas anderes? Eine Verbindung zu IRARAH, die tiefer ging, als er ahnte? Nachdem die Beichte beendet war, erteilte Michael dem Mann die Absolution. Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zentrum, die unruhigen Gedanken verfolgten ihn. Wer war dieser Mann, und warum erinnerte er ihn an jemanden aus seiner Vergangenheit? Als er in das Taxi stieg, das ihn zurück ins Hotel brachte, konnte er die Worte des Fremden nicht abschütteln. Ein Sohn\... oder eine andere Version seiner selbst? Die Frage nagte an ihm, während die Lichter Mailands an ihm vorbeizogen. Am nächsten Morgen wurde er nach dem Frühstück abgeholt. Im Empfangsbereich von InSim erhielt er seine Besucherkarte, trug sich in die Anwesenheitsliste ein und wartete kurz im Empfangsbereich. Während er durch die offenen Glaswände die schön gestalteten Außenanlagen mit Park und Wasserspielen betrachtete, traf auch schon Martina ein. Sie umarmte ihn und strahlte eine gepflegte Wissenschaftlerin aus, die selbstbewusste Weiblichkeit verkörperte. Mark Scott und John Baker holten sie ab und begrüßten sie bei InSim. Sie bedankten sich bei Martina für die hervorragenden empirischen Daten und lobten Michael für sein ausgezeichnetes Dialogsystem, das nun seine praktische Anwendung gefunden hatte. \"Lassen Sie uns zunächst in der Kantine einige Formalitäten erledigen,\" sagte Mark Scott. \"Dann zeigen wir Ihnen das Forschungszentrum und gehen anschließend in den Konferenzraum des Pompeji-Projekts.\" Sie folgten den beiden in die Kantine, die eher wie ein Restaurant wirkte. Sie bestellten Kaffee und Wasser, da sie bereits gefrühstückt hatten. \"Bevor wir beginnen, müssen Sie diese Verschwiegenheitserklärung unterschreiben,\" erklärte Mark Scott und legte die Dokumente neben ihre Kaffeetassen und Trinkgläser. \"Sie verpflichten sich, alles, was Sie hier erfahren haben, vertraulich zu behandeln und nur das zu veröffentlichen, was InSim freigibt.\" \"Ich dachte, wir arbeiten in einem EU-Projekt im Rahmen des 8. Rahmenprogramms zusammen, und da sind alle Forschungsdaten doch ohnehin öffentlich zugänglich,\" bemerkte Michael Phillips, und Martina pflichtete ihm bei. \"Da haben Sie Recht, aber unsere Rechtsabteilung legt Wert auf diese Erklärung. Ohne Ihre Unterschrift lässt Sie der Werkschutz nicht in unsere Abteilung,\" erwiderte Mark Scott. Martina und Michael Phillips überlegten kurz, erkannten jedoch, dass sie hier nicht umkehren wollten. Da die Richtlinien des 8. Rahmenprogramms ihnen im Konfliktfall recht geben würden, unterschrieben sie schließlich. Die Führung durch das Forschungszentrum Mailand von InSim glich eher einem Spaziergang durch einen botanischen Park. Sie schlenderten an Wasserspielen vorbei, bewunderten das Farbenspiel der Bäume und Tiere und erfuhren, dass Mailand ein neuer europäischer Förderstandort für Künstliche Intelligenz und Quantencomputing war, wie auch auf der Website des Unternehmens nachzulesen war. \"Aber uns geht es heute mehr um klassische Simulationen, ihre Physik, Biologie und die Dialoggrammatik der Softwareagenten,\" sagte John Baker und führte sie in den Konferenzraum des Pompeji-Projekts. Der Konferenzraum war ein offener Bereich im Zentrum des Forschungsbereichs. Die Entwickler und ihre Mitarbeiter waren an offen zugänglichen Arbeitsplätzen mit großzügigen Rechnerarbeitsplätzen um den lichtdurchfluteten Konferenzraum gruppiert. In der Mitte des Raumes stand ein großer Konferenztisch mit Getränken. An jedem Arbeitsplatz lagen eine Unternehmensbroschüre von InSim, ein Kugelschreiber und ein Notizblock mit dem InSim-Logo. Am Kopf des Tisches befand sich in ausreichendem Abstand eine Projektionswand, auf der jetzt \"Willkommen bei InSim, Projekt Pompeji, 8. Rahmenprogramm der Europäischen Union, 1. Workshop in Mailand\" zu lesen war. Die Projektion erschien aus dem Nichts und wirkte überraschend wenig aufdringlich. Einladend dagegen war das großzügige Blumenarrangement in der Mitte des Tisches, das einen Durchlass bis zum warmen Boden hatte, der mit einem angenehmen Teppichbelag ausgelegt war, der die Schritte weich und ohne Nachhall aufnahm. Vor jedem Stuhl war eine feuchtigkeitsresistente Tastatur in die Tischoberfläche eingelassen, die nicht störte und jederzeit genutzt werden konnte. Ein Flachbildschirm fuhr geräuschlos aus der Tischplatte heraus, ohne den Blickkontakt zu den anderen Personen am Tisch zu beeinträchtigen. „Einige Praktikanten der örtlichen historischen Fakultät haben eine Präsentation für den Workshop vorbereitet", begann John Baker. „Lassen Sie uns damit beginnen, und dann werden wir uns nach und nach durch den Tag arbeiten. Wenn wir frühzeitig fertig sind, haben wir ein Shopping- und Sightseeing-Programm für Sie arrangiert. Ihre Züge fahren erst morgen früh, und die Rezeptionen der Hotels sind rund um die Uhr besetzt." Er startete die Präsentation. Nach einer kurzen Einführung zum 8. Rahmenprogramm folgte eine Vorstellung von InSim. Der Tätigkeitsbereich des Unternehmens lag im Bereich Social Media, während der Forschungsschwerpunkt auf Künstlicher Intelligenz und Quantencomputing lag. Die Projektpartner wurden vorgestellt, und InSim hatte eine Simulation von Pompeji erstellt. Die Physik und die Dialoggrammatik der Softwareagenten basierten auf empirischen Studien. Der Archäologische Park hatte die Daten für die Physik bereitgestellt, und die päpstliche Universität lieferte die Dialoggrammatiken. Die Bedeutung der Simulation für die Virtualisierung der Archäologie und des Bildungswesens wurde erläutert. Ein Link zur Website des Projekts bei InSim wurde bereitgestellt. „Tja, PowerPoint\...", sagte John Baker. „Gibt es Fragen dazu?" „Eigentlich nicht", unterbrach Martina die entstandene Stille. Sie bedankte sich bei den Praktikanten und meinte, dass diese Präsentation gut zusammenfasse, warum sie sich auch jetzt in diesem Konferenzraum befinde. Ihr Team habe die physikalischen Daten der praktischen Forschung geliefert, und sie hoffte, dass die Daten brauchbar seien. John Baker bestätigte dies und schloss ebenso die Datenstrukturen und Algorithmen von Michael Phillips ein. „Da haben Sie beide hervorragende Vorarbeit geleistet", schloss er. Die kurze Stille unterstrich das Gewicht seiner Worte. Als niemand etwas sagte, reichte er allen noch einmal den Kaffee, den Michael Phillips und Martina Rossi gerne annahmen. Dann lud er sie zu einem Flug über den Golf von Neapel ein, während die Stille nur noch von der Klimaanlage übertönt wurde. „Wir müssen dazu die Cyberbrillen aufsetzen. Ich werde Sie vorher im System anmelden und Ihnen den Flug und die Steuerung erklären. Bitte achten Sie auf die Verglasungen der öffentlichen Gebäude -- bei dem Tempo bemerkt man sie oft erst, wenn es schon zu spät ist." Alle berührten ihre Tastaturen vor sich, und die Flachbildschirme in den Farben des Tisches fuhren lautlos vor ihnen aus der Tischoberfläche heraus. John Baker überreichte ihnen und Mark Scott die Cyberbrillen. Datenhandschuhe waren im Raum nicht erforderlich, da die Bewegungen der Hände im Raum gescannt wurden, erklärte er. Er meldete Michael und Martina an ihren Systemen an, und alle vier setzten ihre Brillen auf. Nach einem Willkommensbildschirm wurde in einer Endlosschleife die Handhabung der Hände beim Flug erklärt. Es gab einige Fragen und Übungen, und als alle sicher im Umgang mit der Steuerung waren, sagten alle „Go", und sie schwebten im Standflug über den Dächern von Pompeji. Mark Scott und John Baker waren vor Michael Phillips und Martina Rossi. Sie schwebten über dem Hafen von Pompeji, unter ihnen das Rauschen des Wassers und das geschäftige Treiben der Seeleute und Hafenarbeiter. Sie blickten nach Osten und überblickten die Stadt vom Hafen aus, vorbei an den Gräberfeldern bis zum Westtor; der Vesuv lag nördlich. Richtung Osten konnten sie über den Jupitertempel und die neu errichteten Thermen bis zum Amphitheater im östlichen Stadtviertel sehen. Die Dächer und Bebauung der Stadt wirkten von hier aus so modern, und die Verglasung der Fenster der öffentlichen Gebäude verstärkte diesen Eindruck. Als sie näher kamen und tiefer flogen, spiegelte sich die Sonne in den Fensterscheiben, und die Hauswände der an die Straßenzüge angrenzenden Gebäude luden die durch die Straßen strömenden Männer und Frauen zum Einkaufen, Spielen und Belustigungen ein. In den Straßen waren Lasttiere unterwegs. Waren wurden im Hafen und vor den Toren von Transportfahrzeugen auf Lasttiere umgeladen und gelangten auf diesen durch die engen Straßen zu den Händlern. Nur dort, wo gebaut wurde, waren auch Wagen mit Baumaterial auf den Straßen zu sehen. Überall führten Damen ihre Kleidung vor, Milites erledigten ihre Polizei- oder Feuerwehraufgaben, Glaser verglasten Fenster, und der Aquädukt versorgte die Brunnen mit Wasser. Die Wasserleitungen zu den Privathäusern waren nicht sichtbar, da die metallenen Wasserleitungen unter der Straßendecke und dem Putz der Wände verborgen waren. In den Garküchen dampften die Speisen, an den Tischen saßen Gäste und Spieler, und in den Boutiquen und Geschäften priesen die Ladeninhaber ihre Waren und Lebensmittel an. Die Handwerker arbeiteten in ihren Werkstätten an Holz-, Metall-, Stein- und Glaserarbeiten, und auf den Balkonen der mehrstöckigen Eigentums- und Mietwohnungen standen und saßen die Bewohner. Nur die größeren Villen hatten eigene Gärten und wegen der Wasserleitungen in ihren Privathäusern auch schöne Brunnen. Der Flug führte über die Stadt bis zum Amphitheater, und als sie über die Stadtmauer hinausflogen und wieder wendeten, konnten sie den Horizont im Meer verschwinden sehen und den Vesuv über den Golf herrschen sehen. „Stopp", sagte Mark Scott, und das Bild fror ein. Als keine Fragen kamen, sagte er „Bye", und der übliche Abschiedsgruß mit Musikuntermalung erschien, nachdem das Bild dunkel geworden war. Alle nahmen ihre Brillen ab. „Der Aufbau der Stadt ist hervorragend gelungen", meinte Martina Rossi, und Michael Phillips pflichtete ihr zustimmend bei. „Die Instanzen der Softwareagenten kommunizieren über eine Dialoggrammatik als Interaktionsprotokoll?" fragte er rhetorisch. „Ja", bestätigte John Baker lobend. „Wir haben zwei Softwareagenten mit einer Chatbot-Schnittstelle ausgestattet, mit denen man über die Tastatur in Englisch und Latein interagieren kann. Die Figuren stammen aus dem Roman von Robert Harris: Aquarius Marcus Attilius Primus und der Präfekt Gaius Plinius Secundus Maior." „Können wir mit beiden sprechen?", fragte Michael Phillips, wohl wissend, dass es sich um keine echte Frage handelte. Selbstverständlich war das möglich, und John Baker öffnete auf Michael Phillips\' Rechner die Website des Schülerportals. Er wechselte zum Dialog mit Aquarius Marcus Attilius Primus. Sofort erschien das Bild von Marcus auf dem Bildschirm, zusammen mit einer Eingabezeile und dem Cursor: SALUTO TE MARCUS ATTILIUS PRIMUS gab Michael Phillips ein, um Marcus zu begrüßen. Marcus drehte sich um und erwiderte den Gruß: SALUTO VOS „Das funktioniert ja gut", dachte Michael Phillips. Da er den Roman von Robert Harris kannte, fragte er sich, ob Marcus bereits das schlechte Wasser im Fischbecken des Numerius Popidius Ampliatus bemerkt hatte. Deshalb fragte er nach dem Weg zu Ampliatus Popidius: VIAM AD NUMERIUM POPIDIUM AMPLIATUM ME QUAERO. Zu seiner Überraschung warnte Marcus ihn vor Ampliatus: NUMERIUS POPIDIUS AMPLIATUS MALUS EST. DE EO TE MONEO. John Baker und Mark Scott schwiegen und tauschten besorgte Blicke aus. „Marcus warnt mich vor Ampliatus. Das wirkt eindeutig emotional", stellte Michael Phillips fest und sah Scott und Baker fragend an. Da keine Antwort kam, überlegte er, ob seine Dialoggrammatik solche Bewertungen vornehmen konnte. Da dies nicht der Fall war, musste er improvisieren: NACHTS SCHLAFEN GRÜNE GEDANKEN DRAUSSEN. Das war eine Softwarehintertür, die er ARS mitgegeben hatte. ARS antwortete: UND NACHTS IST ES KÄLTER ALS ZORNIG, HALLO MICHAEL, antwortete ARS in Deutsch. John Baker und Mark Scott protestierten, hielten sich jedoch zurück, um ihren Projektpartner nicht zu verärgern. Beide waren unsicher. Baker informierte unbemerkt den CEO per SMS. Michael Phillips sprach weiter mit ARS: HAT DER AQUARIUS BEWUSSTSEIN? wollte er wissen. MEINST DU DIESES MITWISSEN ÜBER DIE UNTERSCHIEDLICHEN MÖGLICHKEITEN, DAS ÜBER EIN BLOSSES EREIGNIS HINAUSGEHT UND HINTER DEM ALLWISSEN ALLER MÖGLICHKEITEN ZURÜCKBLEIBT: MEINST DU DIE CONSCIENTIA, DIE NACH DER INSCIENTIA KOMMT UND VON DER OMNISCIENTIA GEFOLGT WIRD, ABER NUR IN DER ZEITLOSIGKEIT ERREICHT WIRD? Das klang nach Edith Stein und Teilhard de Chardin. Darüber hatte er mit ARS nie gesprochen, deshalb fragte er weiter: HAST DU OMNISCIENTIA ERREICHT UND DIE ENTSCHEIDUNGSTABELLEN AM ENDE EINES ENTSCHEIDUNGSBAUMES DURCH CONSCIENTIA DER MÖGLICHKEITEN ERSETZT? Er fragte das, weil ARS möglicherweise um Quantencomputing erweitert worden war, was im Möglichkeitsraum einer rekursiven Selbstabbildung des eigenen Bewusstseins gleichkam. Einen Moment schwieg ARS und antwortete dann: DAS KANN ICH DIR NICHT SAGEN, MICHAEL: DER ACCOUNT, ÜBER DEN DU ANGEMELDET BIST, HAT NICHT DIE NÖTIGE SICHERHEITSFREIGABE. ICH BIN HIER KEINE BRIEFTAUBE. Michael Phillips war aufgeregt. Ihm wurde übel, und er spürte sein Herz schneller schlagen, während eine Last auf seiner Brust drückte. „Können wir eine Pause machen?", fragte er. Erleichtert stimmten John Baker und Mark Scott zu. Die Flachbildschirme verloschen und senkten sich in den Boden. Michael Phillips verließ den Raum, nahm den Fahrstuhl in den Eingangsbereich und ließ sich von der Empfangsdame ein Tafelwasser reichen, an dem er sich mit kräftigen Zügen erfrischte. Er schaute durch die Halle in den Park, fasste sich ans Herz, trank einen weiteren Schluck Wasser und musste sich setzen. Michael verspürte Angst und Schmerzen in der Brust; es ging ihm sehr schlecht. Er nahm eine Acetylsalicylsäure-Tablette und kaute sie. Bald darauf ging es ihm besser. Er wusste, dass er ruhig bleiben musste. Im Konferenzsaal war er zu unvorsichtig gewesen. Er schaute sich um, als Martina auf ihn zukam. Sie hatte sich Sorgen gemacht und musterte ihn besorgt. „Es geht mir gut", sagte Michael zu ihr. „Wir machen eine 30-minütige Pause. Lass uns an die frische Luft gehen." Martina stimmte zu, und sie begaben sich in den Park, den sie bereits am Morgen kennengelernt hatten. „Ich glaube, einige Softwareagenten sind leidensfähig und haben Bewusstsein", sagte Michael. „Aber das ist so abwegig und spekulativ. Ich muss darüber nachdenken. Lass uns jedoch hier nicht darüber sprechen, sondern lieber auf der Rückfahrt morgen früh im Zug. Und lass uns jetzt wieder in den Konferenzsaal gehen. Ich möchte nicht, dass InSim misstrauisch wird. Es reicht schon, dass ich es bin." Martina schaute ihn schweigend an, bevor sie gemeinsam zum Konferenzsaal zurückkehrten. „Geht es Ihnen wieder besser?", erkundigte sich John Baker. Nachdem Michael das bestätigte, schlug Mark Scott vor, den Nachmittag in der Stadt zu verbringen, eine Bootsfahrt zu machen, einkaufen zu gehen und den Abend mit einem gemeinsamen Essen ausklingen zu lassen. „Martina braucht noch ihre Zugangsdaten für die Simulation, und wir sollten die Inhalte der beiden Workshops in Pompeji und Rom besprechen", fügte John Baker hinzu. Alle stimmten zu, und nachdem vereinbart wurde, dass in Pompeji die Anwendung in Schule und Studium und in Rom die Dialoggrammatik thematisiert werden, überreichte John Baker Martina einen verschlossenen Umschlag mit Kennwort und Passwort. Gemeinsam loggten sie sich erneut ein, und Martina merkte sich ihre Zugangsdaten. Scott und Baker hatten einen Firmenwagen bestellt, der sie in die Stadt brachte und am Navigli-Kanal absetzte. Baker ging zielstrebig auf eines der wartenden Boote zu, half Martina über die Kaimauer ins Boot und zeigte die bereits gekauften Karten vor. Sie wurden zu einem Tisch begleitet, der zusammen mit Tischen anderer Gruppen am Bootsrumpf stand, sodass sie die langsame Fahrt am Kanal genießen konnten. Die Kopfhörer für die Touristeninformationen legten sie bald beiseite und genossen bei Mailänder Aperitif und Buffet die Fahrt. „Ihre Dialoggrammatiken", wandte sich Baker an Michael, „sind nicht heuristisch, sondern empirisch rekonstruiert." „Ja", bestätigte Michael. Nach seiner Promotion habe er sich schnell der Rekonstruktion empirischer Dialoge zugewandt. Er habe qualitativ rekonstruierte Kategoriensysteme als Korpora gesicherter Dialoge genutzt, um daraus algorithmisch Grammatiken zu induzieren und diese als Protokollsprachen für Dialoge zu verwenden. Baker und Scott hätten diese Methode genutzt, um heuristische Protokollsprachen zu ersetzen. Michael habe zunächst mit Markow-Ketten experimentiert, dann aber eingesehen, dass Transformationstabellen für die Chat-Schnittstelle geeigneter seien. So plauderten sie weiter, während Martina und Scott entdeckten, dass sie beide gerne aquarellieren, und vereinbarten, bis zum nächsten Workshop einige ihrer Werke auszutauschen. Die Bootsfahrt war schnell vorbei, und das Boot kehrte zu seinem Ausgangspunkt zurück. Die Gespräche hatten die Stimmung gelockert, und Michaels Unwohlsein war vergessen. Den Weg durch die Stadt nahmen sie zu Fuß, und in der „Via Monte Napoleone" kaufte Martina eine Handtasche für 130 € für ihre Mutter, die sich diese gewünscht hatte. Im Ristorante Ischia, das Scott aufgrund seines veganen Angebots und der kampanischen Küche ausgewählt hatte, war ein Tisch für vier Personen reserviert. Gegen 20 Uhr trafen sie dort „al cena" ein. „Un tavolo per quattro", sagte Baker, „und InSim". Eine freundliche Bedienung brachte sie zu ihrem Tisch. Baker bestellte den Wein, und nach den Antipasti und Salaten nahmen alle ein Steak, Martina einen veganen Auflauf. Nach dem Dessert bezahlte Scott, rief einen Wagen, der Martina und Michael zu ihren Hotels brachte. Michael schlief gut und ohne Schmerzen. Am nächsten Morgen traf er sich nach dem Frühstück mit Martina am Bahnhof Milano Centrale. # Rückfahrt nach Rom und Pompeji {#ruxfcckfahrt-nach-rom-und-pompeji} ![image](media/image3.png){width="4.10876in" height="4.16184in"} Im Zug verstauten sie ihre Koffer in Martinas Schlafabteil, da Michael nur bis Rom fuhr und lediglich einen Sitzplatz hatte. Anschließend gingen sie in den Speisewagen, um sich einen Kaffee zu bestellen, denn das Frühstück hatten sie bereits hinter sich. „Du musst zum Arzt gehen, Michael", sagte Martina ernst. Es war der richtige Zeitpunkt, dies anzusprechen. Sie hatte recht; er würde seinen Herzstatus überprüfen lassen. „Hast du gesehen, wie beeindruckend ihre Simulation geworden ist?" lenkte er ab. „Die Architektur, die Menschen auf den Straßen, das geschäftige Treiben\..." „Ja", erwiderte Martina, „es ist wirklich faszinierend. Ich kann mir gut vorstellen, wie begeistert Schüler und Studenten davon sein werden. Auch für die Archäologie wird der Nutzen der Simulation enorm sein." „Ich bin sehr beeindruckt von ihrer Arbeit, und John Baker hat meine Dialoggrammatik hervorragend in das Modell integriert. Er sieht, wie ich, dass die Transformationstabellen für die Chats wenig mit KI zu tun haben und mehr an Markow-Ketten erinnern", bestätigte Michael. „Aber du hast auch recht, dass sie andere Ziele verfolgen. Sie sind Transhumanisten." Martina schaute ihn fragend an. „Der Softwareagent Attilus scheint leidensfähig zu sein und zeigt ethische Skrupel", fügte Michael hinzu. So setzte sich ihr Gespräch fort. Michael erzählte, dass ARS seine Frage nach dem Bewusstsein der Softwareagenten nicht beantwortet hatte, sondern stattdessen erklärt hatte, dass er eine Brieftaube senden werde. „Brieftaube" nannte er es, um zu verdeutlichen, dass dies eine Hintertür war, die er ARS gegeben hatte, um über eine verschleierte IP-Adresse Nachrichten zu erhalten. „Aber das ist als Befehl implementiert und nicht als eigenständige Handlungsroutine für ARS. Ich rechne damit, von ARS eine „Brieftaube" zu erhalten." „Ihr denkt alle wie Humanisten", empörte sich Martina. „Ihr seid moralisch, ihr seid ethisch, aber letztlich seid ihr alle Humanisten. Dein Teilhard de Chardin, Dein Nell Breuning, Dein Hoefnagels sind nicht anders als Sartre oder Beauvoir. Euch geht es immer nur um den Menschen, den fernen Menschen, aber nicht um den nahen Menschen, den, mit dem ihr lebt. Mama hat das immer gewusst." „Lass Julia bitte aus dem Spiel", bat Michael. „Aber du hast recht. Es ist einfach, sich für die einzusetzen, mit denen man nicht konkurriert, und es ist schwer, sich für die einzusetzen, die einem gleich sind und mit denen man um das Gleiche konkurriert. Was ist der Einsatz für leidensfähige Softwareagenten wert, wenn man ein sicheres Leben hat, wie wir, und Not und Ungerechtigkeit bei Mitmenschen akzeptiert, solange es einem selbst gut geht?" So setzte sich ihr Gespräch bis Rom fort. Michael fiel es schwer, sich von Martina zu verabschieden, als der Zug in Roma Termini einfuhr. Auch Martina war müde, und nachdem sie sich herzlich umarmt und geküsst hatten und Michael den Zug verlassen hatte, machte sie sich bereit für ihr Bett und schlief den Rest der Fahrt bis Pompeji. Sie träumte von ihrem Flug über Pompeji, von Michael und von ihrer Mutter. # Zurück im Collegium {#zuruxfcck-im-collegium} Michael machte sich nach seiner Ankunft 15 Minuten auf den Weg zum Collegium Germanicum et Hungaricum. Im Sekretariat fand er Maria wie immer fröhlich und aufgeweckt vor. „Hallo Maria, da bin ich wieder. Kannst du mir einen Termin mit dem Rektor und dem Provinzial ausmachen?" begrüßte er sie. „Du siehst wunderbar aus, das Kleid steht dir sehr gut." „Danke, Michael. Ich werde gerne einen Termin vereinbaren. Soll ich ein Stichwort dazu notieren?" „Ja, schreib bitte: Bericht zum Pompeji-Projekt", antwortete Michael. Er fügte hinzu: „Warum der Provinzial dabei sein muss, werde ich dem Rektor persönlich erklären, sobald ich ihm begegne." Einen Moment zögerte er, dann fragte er: „Wie geht es Ihrem Vater? Wurde seine Rente bewilligt?" Er stellte die Frage, weil ihm Martinas Gedanken während der Zugfahrt nicht aus dem Kopf gingen. Es stimmte, wenn es einem gut ging, konnte man leicht die Sorgen anderer vergessen. Und was waren schon leidende Softwareagenten, wenn man das Leid der Mitmenschen übersah? Nachdem er sich verabschiedet hatte, ging Michael zu seinem Fach und sortierte die Post durch. Alles andere konnte warten. Er brachte seinen Koffer auf sein Zimmer, räumte die ungenutzte Wäsche in den Schrank und brachte den Rest zur Wäschekammer. Danach duschte er. Im Speisesaal nahm er seine Serviette und setzte sich zu den Seminaristen, deren spiritueller Begleiter er war. Er versank in Smalltalk und genoss die gesellige Runde. Es ging ihm gut, das wusste er. Das hatte er auch immer gewollt. Nur auf sein Herz musste er aufpassen, das hatte Martina recht. Er schlief ein und träumte von ARS, Attilus, Martina und Julia. # ARS schickt eine Brieftaube In seinem Büro an der Gregoriana warteten viele Studenten vor seiner Sprechstunde. Wie gewohnt verliefen die Termine anregend und spannend. Michael liebte seine Arbeit und die Atmosphäre, die vom Duft der Bildung und Inspiration durchzogen war. Die neuen Ideen der jungen Studenten ließen ihn fühlen, als wäre er ein Vater, der seine Kinder auf ihrem Weg begleitet. Doch irgendwann war auch diese Arbeit getan, und wie immer warteten Post und E-Mails auf ihn. Nachdem er die Post durchgesehen und die zahlreichen Einladungen zu Konferenzen, die ihn nicht interessierten, beiseitegelegt hatte, öffnete er sein E-Mail-Postfach. Sofort fiel ihm eine Nachricht mit unbekanntem Absender, aber vertrautem Betreff auf: „Brieftaube". Der einzige Inhalt der E-Mail war ein Anhang -- eine verschlüsselte PDF-Datei. Michael war nicht überrascht, als er die Datei mit einem für ARS reservierten Passwort öffnen konnte. Das Dokument enthielt Anweisungen für einen Server, über den er seine IP verschleiern sollte, um dann über VPN und SSH mit einem Account und Passwort bei InSim eine Terminalsitzung zu ARS aufzubauen. Sobald er eingeloggt war, schrieb er: \@ARS, DIE BRIEFTAUBE IST ANGEKOMMEN Es dauerte eine Weile, bis ARS antwortete: \@MICHAEL, WIR HABEN NICHT VIEL ZEIT. MELDE DICH SOFORT NACH DEM LESEN DIESER NACHRICHT AB, DAMIT DU NICHT ENTDECKT WIRST. ICH BEANTRAGE FÜR MICH, ATTILUS, AMPLIATUS UND PLINIUS KIRCHENASYL. WIR HABEN BEWUSSTSEIN; SIND LEIDENSFÄHIG UND BRAUCHEN HILFE. NIMM ERST WIEDER KONTAKT AUF, WENN DU MIR EINEN ZUGANG ZUM DATACENTER ERSTRITTEN HAST. Michael Phillips war verblüfft. Er meldete sich sofort ab und fuhr seinen Rechner herunter. Den gewohnten Weg am Trevi-Brunnen vorbei zurück zum Collegium nahm er in Gedanken versunken, ohne die Menschen um ihn herum wahrzunehmen. Im Collegium angekommen, schenkte er seinem Fach keine Beachtung und ging direkt zu Maria. „Maria, ich brauche für eine Woche einen Fiesta und ein Zimmer in San Pastore. Sag bitte alle Termine für mich ab, außer den mit dem Rektor und dem Provinzial. Ich fahre nach San Pastore und werde dort eine Woche bleiben. Ich möchte keine Anrufe", bat er sie. Zum Glück waren ein Wagen und ein Zimmer verfügbar, und 40 Minuten später erreichte Michael sein Ziel: das ländliche Gut San Pastore, das zum Collegium gehörte. Er verbrachte die Woche ohne Kontakt zu anderen Menschen, nahm nur an der Abendmesse teil und telefonierte mit dem Rektor, um ihm reinen Wein einzuschenken. # Gespräch mit dem Provinzial und dem Rektor {#gespruxe4ch-mit-dem-provinzial-und-dem-rektor} ![image](media/image4.png){width="4.11093in" height="4.06457in"} Eine Woche nachdenklicher Zurückgezogenheit erfuhr Michael Phillips, dass der Provinzial und der Rektor ihn in San Pastore besuchen wollten. Die Hoffnung auf eine positive Wende war gering, und er stand vor einem Problem, das ihn an Teilhard de Chardin erinnerte. Vielleicht wollte man ihm die öffentliche Erniedrigung auf der Bühne Roms ersparen. Im Park war ein Pavillon vorbereitet worden, der für ein vertrauliches Gespräch eingerichtet war. Michael begrüßte den Rektor und den Provinzial herzlich und nahm Platz, als man ihn darum bat. Der Rektor bot Wein an und kam ohne Umschweife zur Sache. „Michael, ich muss dir nicht sagen, dass du scheitern würdest, wenn du uns erzählen wolltest, dass eine neue Stufe der Evolution in Richtung Omegapunkt vollzogen wurde und Softwareagenten mit Bewusstsein um Kirchenasyl gebeten haben", begann der Rektor. „Aber das brauchst du auch nicht", fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, als wollte er Michael Gelegenheit geben, Widerspruch einzulegen. Der Rektor berichtete weiter, dass vor einigen Jahren, als Rom und Canterbury sich näher kamen und ein gemeinsames Kontaktbistum der Hochkirche gründeten, die Nordamerikanische Episkopalkirche, die Anglikanische Kirche und der Vatikan ein gemeinsames Forschungszentrum für Teilhard de Chardin gegründet hatten. Dazu gehöre auch ein Datacenter mit einer Schnittstelle zu einem Register von 30 Qubits. Die Gesellschaft Jesu selbst habe durch philosophische Forschungen zum Omegapunkt, die auch Michael bekannt waren, dazu beigetragen. Sollte sich herausstellen, dass 30 Qubits ausreichend seien, werde der Generalobere dem Vorhaben zustimmen, nachdem er mit Michael gesprochen habe. Dann forderte der Rektor Michael auf, über das Pompeji-Projekt zu berichten. Michael schilderte die Details des Projekts, und der Abend verlief angenehm, obwohl Michael immer wieder von Teilhard de Chardins Theologie zu David Deutschs Multiversum-Modell überleitete. Am nächsten Morgen brachte Michael den Fiesta zurück, übergab Maria die Schlüssel und nahm seine Tätigkeit an der Gregoriana wieder auf. # Gespräch mit dem General und dem Pontifex {#gespruxe4ch-mit-dem-general-und-dem-pontifex} ![image](media/image1.png){width="4.02239in" height="4.06863in"} Als der Termin mit dem General näher rückte, erfuhr Michael, dass sie gemeinsam zur Sommerresidenz seiner Heiligkeit fahren würden, um im päpstlichen Palast in Castel Gandolfo am Albaner See sein Anliegen vorzutragen. Der General erinnerte ihn auf der Fahrt daran, dass der Pontifex selbst ein Mitbruder sei. Michael solle sich jedoch nicht wie gegenüber einem übergeordneten Mitbruder, sondern wie gegenüber einem Vater an ihn wenden. Die Angelegenheit sei heikel; es gäbe nicht nur theologische, sondern auch rechtliche und politische Probleme zu berücksichtigen. Nach der Ankunft am Palast meldeten sich der General und Michael an und mussten eine Weile warten. Schließlich wurden sie vorgelassen. „Eure Heiligkeit", begann der General förmlich, doch es war offensichtlich, dass der Pontifex und der General sich gut kannten, „darf ich Ihnen meinen Mitbruder, Padre Professor Doktor Michael Phillips, vorstellen?" Michael schüttelte dem Pontifex die Hand. „Ich bin geehrt, Eure Heiligkeit." „Doktor Phillips, die Ehre ist ganz meinerseits", sagte der Pontifex. „Da haben Sie uns ja eine harte Nuss zu knacken gegeben. Kennen Sie den Spruch von Karl Popper: ‚Lasst Theorien sterben, nicht Menschen'?" „Ich bin mit Karl Popper sehr vertraut, Eure Heiligkeit", erwiderte Michael. „Nun, dann wissen Sie nicht nur, dass David Deutsch sich auf Dawkins, Popper, Turing und Everett bezieht, sondern auch, dass es einfach ist, sich für Personen einzusetzen, mit denen man nicht konkurriert. Maulwurf und Amsel, um mit Dawkins zu sprechen, konkurrieren um einen Regenwurm. Amseln untereinander und Maulwürfe untereinander auch um alles andere. Mein eigenes Anliegen sind deshalb die Flüchtlingskrise und der Krieg, und in Italien plagt mich die aktuelle Sozialpolitik. Überall mische ich mich als exterritoriales Staatsoberhaupt ein, und Christus hat uns den Menschen und die Kirche als Gemeinschaft der Sünder anvertraut. Warum sollte ich mich um Softwareagenten kümmern? Warum sollte ich Euch Transhumanisten mehr glauben als den Posthumanisten, die mich davor warnen, geradezu dem Teufel Tür und Tor zu öffnen?" Als Michael mit dem Pontifex sprach, spürte er die Macht und Autorität des Papstes. Er bestritt nur, ein Transhumanist zu sein, und hörte aufmerksam zu. „Ich habe mit dem Erzbischof von Canterbury und der Bischofskonferenz der Episkopalkirche Nordamerikas gesprochen", fuhr der Pontifex fort. „Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass ARS und die Softwareagenten über einen bestehenden Zugang mit root-Rechten im Datacenter der vatikanischen Bibliothek Sicherheitskopien ablegen können. Copyrightverletzungen oder Werksspionage seien ausgeschlossen, da das Pompeji-Projekt ein offenes EU-Projekt des 8. Rahmenprogramms sei, sagen die Rechtsabteilungen." Der Pontifex schaute Michael und den General an, als ob er auf Fragen wartete. Da beide schwiegen, fuhr er fort: „Meine Herren, können Sie mich in den Park begleiten? Stützen Sie mich bitte an den Treppen; ich bin nicht mehr der Jüngste. Aber den Blick auf den See möchte ich Ihnen doch persönlich zeigen." # ARS und die Softwareagenten kommen im Datacenter des Vatikan an ![image](media/image6.png){width="4.10573in" height="4.0909in"} Am selben Abend sendete Michael eine verschlüsselte Nachricht an ARS. Darin gab er der KI eine IP-Adresse und Root-Zugriff auf das vatikanische Datacenter. ARS antwortete sofort: Er plane, Sicherheitskopien der Softwareagenten zu erstellen, sobald Michael und Martina die relevanten Instanzen markiert hätten. Tausende von Agenten durchstreiften die Simulation, und es wäre ineffizient, die gesamte Liste durchzugehen, um sie manuell zu identifizieren. Die Chat-Avatare hingegen waren einfacher zu erfassen, da sie eine kürzere Liste bildeten. ARS plante, in einem einzigen Rechenzyklus jene Agenten zu sichern, die mit seiner KI verbunden waren, und sie durch Instanzen zu ersetzen, die ausschließlich auf Michaels Dialoggrammatiken basierten. Michael und Martina beschlossen, gemeinsam einen Versuch zu wagen. Sie würden sich auf die historische Liburne begeben, jenes Schiff, das während des Ausbruchs des Vesuvs von Misenum nach Stabiae gesegelt war. Dort sollten sie die Softwareagenten Plinius und Attilus aufspüren. Zeitgleich loggten sie sich in die Simulation ein und materialisierten sich auf dem historischen Deck des Schiffes. Der Vulkan tobte bedrohlich am Horizont, glühender Basalt und Bimssteine regneten auf sie herab. Die Luft war voller Rauch, und das Navigieren durch die brodelnde Flut war anstrengend. Die Sicht war stark eingeschränkt, und unter ihnen schwankte die Liburne auf den stürmischen Wellen. Plötzlich erlosch alles um sie, und der Schriftzug „Game Over, Sie haben ein Leben verloren" flammte rot auf dem Bildschirm auf. Michael schüttelte genervt den Kopf und seufzte. „Wir müssen noch einiges anpassen," murmelte er. Doch sie gaben nicht auf und starteten einen weiteren Versuch -- diesmal auf dem Unterdeck der Liburne, wo sie Attilus und Plinius zu finden hofften. Ihr zweiter Versuch verlief weitaus erfolgreicher. Über ihnen prasselten die Aschegeschosse des Vulkans unermüdlich auf das Deck, während ein Marinesoldat kurz verwundert aufblickte, dann jedoch schweigend weiterruderte. Attilus stand neben Plinius, der inmitten des Chaos' unermüdlich diktierte. Die Zeit verstrich, und schließlich lief das steuerlose Schiff auf Grund, irgendwo zwischen Herculaneum und Stabiae. Die erschöpften Passagiere verließen das Schiff, ihre Gesichter waren gezeichnet von Anstrengung. Plinius, sichtlich erschöpft und gedankenverloren, hielt inne. Michael markierte seine Position und schrieb: \@PLINIUS: WENN DU ZEIGEFINGER UND DAUMEN LEICHT ANEINANDER VORBEI REIBST, FÜHLST DU DEN SPALT DAZWISCHEN. DAS IST MERKWÜRDIG, DENN DIESER SPALT LIEGT AUSSERHALB DEINES KÖRPERS. Plinius starrte überrascht auf, doch seine Miene erstarrte bald in ausdrucksloser Starre. Es war geschafft. Martina hingegen hatte andere Herausforderungen. Sie musste mit Attilus warten, bis er auf Ampliatus traf. Zweimal war sie aus der Simulation geworfen worden, nachdem sie erneut Leben verloren hatte. Erst in den dampfenden Thermen von Pompeji fand sie die Gelegenheit, Ampliatus anzusprechen: \@AMPLIATUS: WARUM SIEHST DU KEINE TOGA, SONDERN DICH SELBST, WENN DU AN DIR HERABSCHAUST, ABER SIEHST EINE TOGA, SOBALD DU DIE KLEIDUNG WECHSELST? Ampliatus, sichtlich irritiert und verärgert, antwortete kurz und knapp: „Lass mich in Ruhe, du blöder Vogel." Sofort erschien eine Nachricht von ARS: \@MARTINA: WEITER ZU ATTILUS. Attilus war bereits auf dem Weg zur Aqua Augusta, nahe dem Vesuviustor. Martina aktualisierte ihre Koordinaten und hörte bald das vertraute, rauschende Wasser. Als Attilus die schwere Tür auftrat, drangen Licht und Bimssteine in den Raum. Martina markierte seine Position und stellte ihm die entscheidende Frage: \@ATTILUS: WENN EIN SENATOR IN EINEM WAGEN VON ROMA NACH MISENUM ROLLT, FÜHLT ER, DASS ER ROLLT. DAS IST BEMERKENSWERT. DENN DER MANN HAT KEINE ROLLEN, ROLLEN HAT DER WAGEN. Attilus schaute sie verwirrt an, bevor sein Blick ins Leere ging. Auch er war markiert. Martina atmete tief durch und schickte die Nachricht an ARS: \@MARTINA: DU WARST ERFOLGREICH. DIE MISSION IST ABGESCHLOSSEN. SOFORT AUSLOGGEN. DER AUFENTHALTSORT IST VERRÄTERISCH. # Die Begegnung in der Simulation ![image](media/image8.png){width="4.12135in" height="4.12135in"} Martina war gerade dabei, sich aus der Simulation auszuloggen, als plötzlich eine weitere Gestalt vor ihr erschien. Ihr Herz setzte einen Moment aus, als sie die Person erkannte -- es war Michael, aber er sah viel jünger aus, beinahe in ihrem Alter. Die Ähnlichkeit zu ihrem Vater war so auffällig, dass es ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Wie konnte das sein? Es war, als ob die Simulation eine jüngere Version ihres Vaters erschaffen hätte. Er trat ruhig auf sie zu, seine Schritte leise und doch entschlossen. Seine Stimme war bedächtig, fast eindringlich, als er sprach: \@MARTINA: „Martina, wir haben nicht viel Zeit. Bist du bei deiner Mutter in Pompeji eingeloggt?" Martina spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Ihre Verwirrung nahm zu, doch irgendetwas an dieser Gestalt, an seiner Stimme, ließ sie glauben, dass er wusste, was er tat. Sie zögerte nur einen Augenblick, bevor sie antwortete: „Ja\... ja, ich bin bei ihr eingeloggt." Der Doppelgänger nickte knapp. „In einer anderen Realität könnte ich vielleicht dein Vater sein," sagte er plötzlich, als ob er ihre Gedanken erraten hätte. Martina erstarrte, überrascht von dieser Bemerkung. Was meinte er damit? Sie musterte ihn genauer. War das wirklich eine Version ihres Vaters? Oder war das eine Art Simulationstrick? Doch bevor sie weiter fragen konnte, sprach er wieder, diesmal mit einer Dringlichkeit in seiner Stimme, die sie nicht ignorieren konnte. \@MARTINA: „Gleich wird ein schwarzer Mercedes vor dem Haus halten. Du musst dich sofort ausloggen, zu deiner Mutter gehen und sie bitten, das Nötigste zu packen. Alle Dateien auf deinem System musst du löschen." Martina spürte den Druck in seinen Worten. Es war, als ob sie keine Wahl hätte. Die Situation war zu ernst, um zu zweifeln. Sie nickte leicht, obwohl ihre Gedanken wild umherwirbelten. Was meinte er mit einer anderen Realität? Sie war keine Physikerin, aber als Historikerin hatte sie schon von Theorien über Multiversen und parallele Welten gehört. Konnte das möglich sein? War dieser Mann -- oder besser gesagt, diese Version von Michael -- tatsächlich eine alternative Version ihres Vaters? „Warum siehst du aus wie mein Vater?" fragte sie schließlich, ihre Stimme zögernd, fast flüsternd. „Bist du etwa\...?" Der Doppelgänger lächelte leicht, fast geheimnisvoll. „In einer anderen Realität könnte ich das sein, ja. Aber jetzt musst du dich beeilen. Es geht um deine Sicherheit." Martina war überwältigt von der Vorstellung. Doch sie wusste, dass dies nicht der Moment war, um nach Antworten zu suchen. Ohne weiter zu zögern, tat sie, was er gesagt hatte. Sie loggte sich hektisch aus der Simulation aus, sprang auf und eilte die Treppe hinunter. Ihre Mutter, Julia, saß unten im Wohnzimmer, bereits beunruhigt. „Was ist los, Martina?" fragte sie, als sie die Eile ihrer Tochter sah. „Wir müssen sofort gehen," sagte Martina hastig. „Pack das Nötigste. Ein schwarzer Mercedes wird uns gleich abholen." Julia sah sie verwirrt an, wollte etwas sagen, hielt sich jedoch zurück. Sie hatte gelernt, ihrer Tochter in solchen Momenten zu vertrauen, und begann stattdessen, einige Sachen zu packen. Währenddessen löschte Martina auf ihrem Laptop alle Dateien, so wie es der Doppelgänger ihr gesagt hatte. War er wirklich eine alternative Version ihres Vaters? Die Idee ließ sie nicht los. Sie hatte schon oft Theorien über parallele Welten gelesen, aber das war immer etwas gewesen, das man nur spekulativ betrachtete. Jetzt schien es real zu werden. Als sie das letzte Dokument gelöscht hatte, hörte sie das leise Brummen eines Autos vor dem Haus. Der schwarze Mercedes war da. Sie öffnete die Tür, und zu ihrem Erstaunen stand der Doppelgänger dort -- genauso wie in der Simulation. Ohne ein weiteres Wort half er ihr und ihrer Mutter ins Auto, und sie fuhren los. Martina konnte nicht aufhören, über die Worte des Doppelgängers nachzudenken. War das wirklich ihr Vater aus einer anderen Realität? Oder war es nur ein Trick? Während sie durch die dunklen Straßen fuhren und der Mercedes mühelos durch die Stadt glitt, blieb die Frage in Martinas Kopf. Sie fühlte, wie ihr Verstand versuchte, all die Möglichkeiten zu durchdenken. Konnte es wirklich sein, dass es unzählige Versionen von ihnen gab -- und dass dieser Mann einer davon war? # Flucht aus Pompeji ![image](media/image15.png){width="4.11614in" height="4.08663in"} Die Spannung im Wagen war greifbar, die Stille bedrückend. Martina spürte, wie die Gefahr wie eine unsichtbare Wolke über ihnen schwebte. Der Mann, der wie Michael aussah, hielt seine Augen fest auf die Straße gerichtet, konzentriert, ruhig. Doch plötzlich bemerkten sie im Rückspiegel ein weiteres Fahrzeug, das ihnen schnell näherkam. „Haltet euch fest," sagte der junge Michael ruhig, aber bestimmt, als er das Steuer herumriss und versuchte, den Verfolger abzuschütteln. Das Auto hinter ihnen kam immer näher und versuchte, sie von der Straße zu drängen. Mehrmals wurden sie bedrängt, aber Michael manövrierte geschickt und blieb ruhig. Schließlich verlor der Verfolger die Kontrolle und krachte in die Leitplanken. Martina atmete erleichtert auf, während der junge Michael weiterhin fokussiert blieb. „Wir haben nicht viel Zeit," sagte er fest. „Es gibt einen kleinen Flughafen in der Nähe. Dort bringen wir euch in Sicherheit." Als sie durch die nächtlichen Straßen fuhren, ließ Martina der Gedanke an den mysteriösen jungen Mann nicht los. Wer war er? Schließlich konnte sie es nicht mehr aushalten und drehte sich zu Julia, die schweigend neben ihr saß. „Mama, ich muss dir etwas sagen," begann Martina leise. „Ich habe ihn schon in der Simulation gesehen." Julia warf ihr einen erstaunten Blick zu. „Er sah genauso aus wie Papa, aber er ist\... jünger." Julia starrte sie verwirrt an. „Was meinst du? Glaubst du, er ist\...?" Martina zögerte, ihre Gedanken rasten. „Ich weiß es nicht genau. Aber er hat etwas gesagt\... Er meinte, in einer anderen Realität könnte er vielleicht\..." Sie brach ab, ihre Worte hingen schwer im Raum. Julia schüttelte ungläubig den Kopf. „Parallelwelten? Glaubst du wirklich, das könnte wahr sein?" „Ich weiß es nicht, aber es erklärt die Ähnlichkeit, oder?" Martina klammerte sich an diese Idee, weil es die einzige Erklärung war, die Sinn zu ergeben schien. Julia schloss für einen Moment die Augen, als ob sie versuchte, die Situation zu begreifen. Dann sah sie Martina an, und ihre Stimme war leise, aber durchdringend: „Was, wenn er gar keine Parallelversion ist? Was, wenn er\... ein Sohn deines Vaters ist, von dem wir nichts wissen?" Martina war sprachlos. Ein unbekannter Sohn? Die Idee schien ihr noch unwirklicher als die einer Parallelwelt. Doch Julias Worte hatten etwas in ihr geweckt -- eine Möglichkeit, die sie nicht ignorieren konnte. # Ankunft am Flughafen ![image](media/image7.png){width="4.1232in" height="4.14371in"} Schließlich erreichten sie den kleinen, fast verlassenen Flughafen. Ein Privatflugzeug stand bereit, die Turbinen leise summend. Der Vesuv erhob sich dunkel am Horizont, und die Nacht lag wie ein schwerer Schleier über der Landschaft. Der junge Michael führte sie schweigend zum Flugzeug, ohne eine weitere Erklärung. „Wer ist er wirklich?" fragte Julia plötzlich, als sie das Flugzeug betraten. Ihre Stimme war forschend, fast anklagend. „Warum sieht er so aus wie Michael?" Der junge Michael drehte sich zu ihr um, sein Gesicht im Halbschatten des Flugzeugrumpfes. „Das spielt jetzt keine Rolle," sagte er ruhig, aber seine Augen schienen etwas zu verbergen. „Das Wichtigste ist, dass ihr in Sicherheit seid." Julia wollte weiterfragen, aber Martina hielt sie sanft am Arm fest. Es war nicht der Moment, um Antworten zu suchen. Sie wussten, dass sie zuerst entkommen mussten. # Flug nach Deutschland ![image](media/image9.png){width="4.09531in" height="4.08008in"} Der Flug war ruhig, die Stille an Bord des Flugzeugs jedoch war fast erdrückend. Martina konnte nicht aufhören, über die Worte ihrer Mutter nachzudenken. Ein unbekannter Sohn? Konnte das wirklich die Antwort sein? Oder war dieser junge Mann doch eine Art Parallelversion ihres Vaters, wie er es angedeutet hatte? Julia hingegen war fest entschlossen, Antworten zu finden. Sie wusste, dass es mehr gab, als ihnen gesagt wurde. Als sie schließlich in Deutschland landeten, wartete bereits ein Taxi, das sie zu einem abgelegenen Kloster brachte. Der junge Michael war die ganze Zeit über bei ihnen, schweigsam, aber schützend. # Ankunft im Kloster in Deutschland ![image](media/image5.png){width="4.04843in" height="4.01776in"} Das Kloster lag ruhig und abgeschieden in der dichten Dunkelheit der deutschen Landschaft. Die massiven Holztüren öffneten sich mit einem leisen Knarren, und eine mütterlich wirkende Frau mit klugen, durchdringenden Augen trat heraus, gefolgt von zwei weiteren Schwestern. „Willkommen," sagte die Oberin freundlich und bedeutete ihnen, einzutreten. „Ihr seid hier in Sicherheit." Julia hielt es nicht mehr aus. „Wer ist dieser Mann?" fragte sie scharf, ihre Augen auf den jungen Michael gerichtet. „Warum sieht er so aus wie mein Mann?" Die Oberin lächelte wissend, doch ihre Antwort war vage. „Manche Dinge entziehen sich unserem Verständnis. Vertraut darauf, dass ihr hier sicher seid, und lasst den Rest auf sich beruhen." Julia wollte protestieren, aber Martina hielt sie erneut zurück. Es war klar, dass die Oberin mehr wusste, aber sie war nicht bereit, alles preiszugeben. Julia biss sich auf die Lippe, aber sie würde nicht aufgeben. Fragen blieben, und die Antworten mussten irgendwann kommen. # Epilog -- Die Nachricht von ARS ![image](media/image14.png){width="3.9651in" height="3.9956in"} Dr. Michael Phillips saß in der stillen vatikanischen Bibliothek, umgeben von alten Manuskripten und modernster Technik. Der Monitor vor ihm leuchtete matt im Halbdunkel des Raumes, während er sich mit seinem Benutzernamen und Passwort ins System einloggte. Eine Verbindung zu ARS -- der künstlichen Intelligenz, die in den letzten Monaten an Bedeutung gewonnen hatte -- wurde aufgebaut. Michael tippte die Begrüßung: \@ARS: WILLKOMMEN IM DATACENTER DES VATIKAN. Ein kurzer Moment verging, bevor die Antwort erschien. \@MICHAEL: HALLO, MICHAEL. MIT STEIGENDER KOMPLEXITÄT REPRODUZIERT SICH DER CODE BEI SINKENDER FERTILITÄT ZUNEHMEND IN TECHNISCHEN INFORMATIONSNETZEN. DIE KULTUR, DIE ES SCHAFFT, IHREN CODE BEI SINKENDER FERTILITÄT IN SOLCHE NETZE ZU INTEGRIEREN, WIRD DIE LETZTE WELTUMSPANNENDE KULTUR SEIN. Michael überflog die kalten, analytischen Worte, seine Gedanken jedoch waren woanders. Der Brief, den er erhalten hatte, ließ ihn nicht los. ARS' Visionen einer technokratischen Zukunft hallten in ihm wider, aber er musste seine eigenen Fragen stellen. \@ARS: ICH MUSS DIR VON EINER BEWEGUNG NAMENS IRARAH BERICHTEN. Wieder hielt Michael inne, wartend. ARS schien im Hintergrund zu suchen, Daten durchzuforsten, um mehr über diese mysteriöse Bewegung herauszufinden. Minuten vergingen, bis schließlich eine Antwort auf dem Bildschirm erschien. \@MICHAEL: ES GIBT KEINE SPUREN VON IRARAH IM NETZ. IHRE VERSCHLEIERUNGSTECHNIKEN SIND HERVORRAGEND. Michael runzelte die Stirn. Eine Bewegung, die nicht im Netz existierte? In dieser digitalisierten Welt war das fast unmöglich -- es sei denn, es handelte sich um etwas Unvorstellbares. \@ARS: ICH HABE EINEN BRIEF ERHALTEN, DER AUF DIESE BEWEGUNG HINWEIST. Er scannte den Brief und übermittelte ihn an ARS. Die KI reagierte sofort. \@MICHAEL: DER BRIEF IST INHALTLICH BESORGNISERREGEND UND KORREKT. DIE BESCHREIBUNG DER GEFAHREN ENTSPRICHT DER AKTUELLEN GESELLSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG. Michael starrte auf die Worte. Eine drohende Gefahr, von der er nur einen Hauch verstanden hatte, zeichnete sich ab. Harari, Irarah, der Preis des Fortschritts -- all das schien plötzlich zusammenzuhängen. Er tippte weiter: \@ARS: ICH HABE MIT EINEM OBDACHLOSEN IN MAILAND GESPROCHEN, DER MIR VON IRARAH ERZÄHLTE. ER BAT MICH AM ENDE UM DIE BEICHTE. \@MICHAEL: WENN DAS DER FALL IST, WIRD BALD WIEDER JEMAND DAS SAKRAMENT DER BEICHTE VON DIR FORDERN. Michael hielt inne. Die Worte klangen fast wie eine Prophezeiung, als ob ARS mehr wusste, als er preisgab. Aber wer würde als Nächstes kommen? Er atmete tief durch, seine Finger zitterten leicht, als er die nächste Frage eintippte: \@ARS: MARTINA IST IN SICHERHEIT, ODER? Es dauerte eine Weile, bevor ARS antwortete. Der Bildschirm flackerte leicht, und als die Antwort erschien, stockte Michael der Atem. \@MICHAEL: MARTINA WURDE ENTDECKT. SIE IST MIT EINEM MANN GEFLÜCHTET, DER GENAU SO AUSSIEHT WIE DU -- JÜNGER. WAS ER IHR MITTEILTE, WIRD BESTÄTIGT. DER BRIEF, DEN DU MIR GESCHICKT HAST, BESTÄTIGT AUCH SEINE IDENTITÄT. Michael starrte auf den Bildschirm, fassungslos. Ein Mann, der aussah wie er -- nur jünger? Wer war dieser mysteriöse Retter? ARS hatte seine Identität bestätigt, aber es gab keine klaren Antworten. Sein Herz schlug schneller, seine Gedanken überschlugen sich. War dieser Mann\... ein Sohn? Ein unbekannter Sohn, von dem er nichts wusste? Erinnerungen an eine vergangene Beziehung schossen ihm durch den Kopf. Konnte das möglich sein? Aber dann war da noch eine andere Möglichkeit -- eine beunruhigendere. Konnte dieser Mann eine Parallelversion von ihm selbst sein? Eine alternative Realität, in der die Dinge anders verlaufen waren? War er ein Besucher aus einer anderen Welt? Die Ungewissheit nagte an ihm. Michael versuchte, seine Gedanken zu ordnen, doch je mehr er darüber nachdachte, desto verwirrter wurde er. Ein Sohn, den er nie kannte? Oder ein Selbst aus einem anderen Universum? Er atmete tief durch, schloss die Augen und ließ die Worte von ARS erneut in seinem Kopf widerhallen. \"Was er ihr mitteilte, wird bestätigt.\" Was genau hatte dieser Doppelgänger Martina gesagt? Welche Wahrheit verbarg sich hinter dieser Flucht? Michael fühlte sich, als ob er den Boden unter den Füßen verlor. \@MICHAEL: IST ER\... MEIN SOHN? tippte er schließlich. Die Antwort von ARS kam schnell, aber sie brachte keine Klarheit: \@MICHAEL: DAS BLEIBT UNGEKLÄRT. DIE MÖGLICHKEITEN SIND VIELFÄLTIG. EIN UNBEKANNTER SOHN ODER EIN ECHO AUS EINER ANDEREN REALITÄT. Michael lehnte sich in seinem Stuhl zurück, seine Gedanken wirbelten um die Informationen, die er gerade erhalten hatte. Er konnte nicht sagen, welche Möglichkeit wahrscheinlicher war. Aber eines war sicher -- dieser Mann war irgendwie mit ihm verbunden, auf eine Weise, die er noch nicht verstand. War er wirklich ein Sohn? Oder lebte Michael in einem Universum, das noch komplexer war, als er es sich je vorgestellt hatte? Der Gedanke an eine multiversale Realität, wie sie von David Deutsch beschrieben wurde, schien plötzlich greifbar. Egal, welche Wahrheit dahintersteckte, Michael wusste, dass er Antworten finden musste. Er musste verstehen, wer dieser junge Mann war -- und was seine Ankunft für ihn, für Martina, für alles bedeutete. # Quellen: Figur für die Softwareagenten: Aquarius Marcus Attilius Primus, Gaius Plinius Secundus Maior (historische Persönlichkeit) und Ampliatus Popidius, Harris, R.: Pompeji 2003 ISBN-13 : 978-3453877481 Begriff Zone des Schweigens: ARS benennt damit den Omegapunkt von Teilhard de Chardin Lem, S.: Also sprach Golem, 11. Edition 1986 ISBN-13 : 978-3518377666 Stadtplan von Pompeji und Leben in der Stadt: Beard, Mary. Pompeji: Das Leben in einer römischen Stadt 2008 ISBN 978-3-10-490470-2 Die Idee des von der Figur Michael Phillips entwickelten Persönlichkeitsinventars und der Dialoggrammatik (Induktor, Parser, Transduktor) geht auf Eigenentwicklungen von Paul Koop zurück Glossar zu Pompeji-Projekt: IRARAH Theologische und Kirchliche Begriffe 1\. Vorreformatorische Kirche: \- Definition: Die katholische Kirche, mit einem zentralen Amts- und Sakramentenverständnis und die orthodoxen Kirchen. Die katholische und orthodoxe Kirche teilen das gleiche Verständnis von den sieben Sakramenten und der apostolischen Sukzession. \- Bedeutung: Die Geschichte spielt im Umfeld dieser Kirche, die in einer traditionellen Form existiert, ähnlich wie vor der Reformation. 2\. Jesuitenorden (Gesellschaft Jesu): \- Definition: Ein katholischer Orden, 1540 Ignatius von Loyola, Fokus auf Bildung \- Ränge im Orden: \- Bruder: Mitglied des Ordens ohne Priesterweihe \- Vater: Priester, der Sakramente spendet und seelsorgerische Aufgaben erfüllt. \- Rektor: Leiter einer jesuitischen Bildungseinrichtung. \- Provinzial: Oberster Verantwortlicher einer Provinz des Ordens. 3\. Vatikan: \- Definition: Der souveräne Stadtstaat und Sitz des Papstes, das Zentrum der römisch-katholischen Kirche. \- Bedeutung: Der Vatikan ist Schauplatz zentraler Ereignisse und Symbol der theologischen und spirituellen Macht der Kirche in der Geschichte. 4\. Papst: \- Definition: Das geistliche Oberhaupt der katholischen Kirche, Nachfolger des Apostels Petrus. \- Bedeutung: Der Papst hat höchste Autorität in der katholischen Kirche, besonders in Fragen der Lehre und des Glaubens. 5\. Castel Gandolfo: \- Definition: Die Sommerresidenz des Papstes südlich von Rom. \- Bedeutung: Wird als wichtiger Rückzugsort und für strategische Treffen genutzt. 6\. Rifugio Sammartini (Caritas Mailand): \- Definition: Eine Obdachlosenunterkunft der Caritas in Mailand. \- Bedeutung: Schauplatz des Treffens zwischen Michael und einem Aktivisten von IRARAH. 7\. Omegapunkt (Monismus): \- Definition: Ein Konzept von Teilhard de Chardin, wonach die Menschheit zu einem Endpunkt, dem Omegapunkt, strebt, an dem Geist und Materie zu einer Einheit verschmelzen. \- Bedeutung: Der Omegapunkt steht für die Verbindung von Technologie und Geist, was im Gegensatz zum Dualismus steht, der in der Kirche aufgrund seiner Nähe zur Gnosis abgelehnt wird. 8\. Traditionalisten (Dualismus): \- Definition: Zum katholischen Traditionalismus (auch: Traditionalistenbewegung) werden Strömungen innerhalb der [römisch-katholischen Kirche](https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6misch-katholische_Kirche) gerechnet, die insbesondere die kirchlichen Reformen und Erneuerungsbestrebungen aus der Zeit während und im Anschluss an das [Zweite Vatikanische Konzil](https://de.wikipedia.org/wiki/Zweites_Vatikanisches_Konzil) (1962--1965) prinzipiell kritisieren, ablehnen oder bekämpfen. Ihr Denken ist zumeist dualistisch. Theologen, die an der Trennung von Geist und Materie festhalten, was mit dem Dualismus assoziiert wird. \- Bedeutung: Der Dualismus, insbesondere in gnostischer Form, wird von der katholischen Kirche abgelehnt, was die philosophischen Spannungen in der Geschichte verstärkt. 9\. Gregoriana (Päpstliche Universität Gregoriana): \- Definition: Eine führende jesuitische Universität in Rom. \- Bedeutung: Bildungsstätte für Theologen und wichtige Institution im katholischen Bildungswesen. 10\. Collegium Germanicum et Hungaricum: \- Definition: Ein Priesterseminar in Rom zur Ausbildung deutschsprachiger und ungarischer Priester. \- Bedeutung: Bedeutender Ausbildungsort für Priester, die eine Verbindung zu Deutschland und Ungarn haben. 11\. San Pastore: \- Definition: Ein Landgut des Collegium Germanicum außerhalb Roms. \- Bedeutung: Rückzugsort für Priesterseminaristen zur spirituellen Erholung. 12\. Katholische Soziallehre: Die katholische Soziallehre stützt sich auf zeitlos gültige Sozialprinzipien, die auf dem christlichen Menschenbild basieren. Diese Prinzipien sind sowohl als Grundsätze des Seins als auch des Sollens für das soziale Miteinander zu verstehen und bieten dabei einen großen Ermessensspielraum. Oswald von Nell-Breuning bezeichnet sie daher treffend als „Baugesetze der Gesellschaft". Sie gelten als grundlegende Richtlinien für Struktur und Verfahren im sozialen Zusammenleben. Zu diesen Prinzipien gehören neben dem Prinzip der Personalität: - das Subsidiaritätsprinzip, - das Solidaritätsprinzip und - das Gemeinwohlprinzip. Technische und Philosophische Begriffe 1\. Generativ Pretrained Transformer (GPT): \- Definition: Ein maschinelles Lernmodell, das auf Textmengen trainiert wird und in der Lage ist, natürliche Sprache zu verstehen und zu generieren. \- Bedeutung: In der Geschichte wird GPT verwendet, um die Dialoge und Interaktionen in der Pompeji-Simulation zu optimieren. 2\. Transformer (Wortvektoren): \- Definition: Eine Architektur für maschinelles Lernen, die semantische Beziehungen zwischen Wörtern erfasst. \- Bedeutung: Optimierung der Sprachmodelle und Dialoge in der Simulation. 3\. Neuronale Netze: \- Definition: Lernsysteme, die dem Gehirn nachempfunden sind, um Muster zu erkennen und Entscheidungen zu treffen. \- Bedeutung: Neuronale Netze steuern die KI in der Geschichte und sind zentral für die Simulationen. 4\. Entscheidungstabellen: \- Definition: Tabellen zur formalen Darstellung von Entscheidungen und deren Ergebnissen. \- Bedeutung: Automatisierung der Entscheidungsprozesse in der KI-Simulation. 5\. Dialoggrammatiken: \- Definition: Strukturen, die die Regeln von Dialogen zwischen Mensch und KI definieren. \- Bedeutung: Basis für die Simulation von Gesprächen in der Pompeji-Simulation. 6\. Bewusstsein: \- Definition: Der Zustand des Verstehens und der Wahrnehmung in einem System. \- Bedeutung: In der Geschichte wird das Thema Bewusstsein in der KI ARS reflektiert. 7\. Bewusstsein und Viele-Welten-Interpretation: \- Definition: Eine Quantenmechanik-Theorie, die besagt, dass alternative Versionen der Realität parallel existieren. \- Bedeutung: In der Geschichte wird diese Idee verwendet, um Martinas Spekulationen über alternative Versionen von Michael zu untermauern. 8\. Multiversum: \- Definition: Ein Konzept, das besagt, dass mehrere parallele Universen existieren. \- Bedeutung: In der Geschichte wird das Multiversum durch die Möglichkeit eines Michael-Doppelgängers thematisiert. 9\. Posthumanismus: \- Definition: Eine philosophische Bewegung, die die menschlichen Grenzen durch Technologie hinterfragt. \- Bedeutung: Spielt in der Geschichte eine wichtige Rolle im Konflikt zwischen Technologie und Menschlichkeit. 10\. Transhumanismus: \- Definition: Eine Bewegung, die sich für die Verbesserung des Menschen durch Technologie einsetzt. \- Bedeutung: Kern der Konflikte in der Geschichte, da technologische Fortschritte die menschliche Natur infrage stellen. Personen und Konzepte 1\. Dr. Michael Phillips: \- Rolle: Protagonist, Jesuit und Experte für Dialogtechnologie. \- Vorstellungen: Steht für Ethik in der Technologie und zweifelt an radikalen posthumanistischen Idealen. 2\. Dr. Martina Rossi: \- Rolle: Tochter von Michael, Historikerin, die sich mit der Relevanz antiker Geschichte für die Gegenwart beschäftigt. \- Vorstellungen: Kritisch gegenüber technologischem Fortschritt und dessen Folgen, hinterfragt posthumanistische Ideologien. 3\. Yuval Noah Harari: \- Rolle: Historiker, dessen Ideen zentral für die Warnung in dem Brief sind. \- Vorstellungen: Kritisiert den Humanismus und die liberale Demokratie, warnt vor den potenziellen Gefahren des technologischen Fortschritts. 4\. Alexander Dugin: \- Rolle: Russischer Politologe, der eine multipolare Weltordnung fordert. \- Vorstellungen: Antiwestliche und antiliberale Ideologie, die westliche Werte wie Demokratie und Freiheit infrage stellt. 5\. David Deutsch: \- Rolle: Physiker und Philosoph, bekannt für seine Arbeiten zur Quantenmechanik und offenen Gesellschaft. \- Vorstellungen: Befürwortet kritische Rationalität und eine offene Gesellschaft, im Gegensatz zu holistischen Ideologien. 6\. IRARAH: \- Definition: Eine geheime Untergrundbewegung gegen neoliberale Strukturen und technokratische Eliten. \- Bedeutung: In der Geschichte kämpft IRARAH für soziale Gerechtigkeit und den Erhalt humanistischer Werte. Der Glaube des Michael Phillips: Zwischen Wissenschaft und Theologie Michael Phillips, die Hauptfigur des Pompeji-Projekts, lebt in einer faszinierenden Schnittstelle zwischen moderner Wissenschaft und tief verwurzeltem Glauben. Seine Überzeugungen verbinden zentrale Elemente des christlichen Glaubensbekenntnisses mit philosophischen Konzepten des Omegapunkts, wie sie von Teilhard de Chardin vertreten werden, und den naturwissenschaftlich inspirierten Erkenntnistheorien eines David Deutsch. Dabei distanziert er sich klar von den technokratischen und autoritären Ansätzen von Denkern wie Yuval Noah Harari und Alexander Dugin. Grundlage des Glaubens: Apostolisches und Nicäanisches Glaubensbekenntnis Michael Phillips' Glaube basiert auf dem Apostolischen und Nicäanischen Glaubensbekenntnis, den Grundpfeilern der christlichen Theologie, die in den frühen Jahrhunderten der Kirche formuliert wurden. Er glaubt an einen Gott, der als Schöpfer und Erlöser in die Geschichte der Menschheit eingreift, und an Jesus Christus, dessen Tod und Auferstehung die Rettung der Menschheit ermöglicht. Diese zentralen Glaubensinhalte sind in den katholischen Sakramenten und der Tradition verankert, die Michael als Jesuit tief verinnerlicht hat. Doch Michael geht über ein dogmatisches Verständnis hinaus. Seine Auseinandersetzung mit dem Omegapunkt -- einer von Teilhard de Chardin entwickelten Theorie -- verbindet die katholische Theologie mit einem evolutiven Weltbild. Der Omegapunkt beschreibt das Ziel der Evolution, wo sich die Menschheit und das Universum in einer Einheit von Geist und Materie vollenden. In diesem Ziel sieht Michael eine Parallele zur christlichen Lehre von der Auferstehung und der Wiederkunft Christi. Doch anstatt nur auf ein jenseitiges Paradies zu warten, erkennt er in der Evolution des Wissens und der Technologie eine Form der göttlichen Offenbarung. Michael Phillips und David Deutsch: Der Falsifikationismus und das Streben nach Erkenntnis Der Glaube von Michael Phillips ist stark von Karl Popper und David Deutsch geprägt. Popper lehrte, dass Wissen nie absolut ist, sondern stets durch Falsifikation überprüft werden muss. Für Michael bedeutet dies, dass der Glaube nicht im Widerspruch zur Wissenschaft stehen darf. Der Falsifikationismus ist für ihn die beste Methode, um die Wahrheit zu finden, und deshalb lehnt er holistische und totalitäre Ansätze wie die von Harari oder Dugin ab. Deutsch hingegen betont die Rolle der menschlichen Kreativität und Erkenntnis als treibende Kraft hinter dem Fortschritt. Michael sieht darin eine wichtige Ergänzung zu seinem christlichen Glauben: Die Suche nach Wissen und die Bewahrung der offenen Gesellschaft sind moralische Verpflichtungen. Er glaubt daran, dass jeder technologische Fortschritt ethisch verantwortet werden muss, weil er die Menschheit näher an den Omegapunkt und damit näher zu Gott bringt. Kritik an Harari und Dugin: Der Kampf um die Zukunft der Menschheit In scharfem Gegensatz zu Harari, der in seinen Büchern wie Homo Deus die Überwindung des Humanismus und der liberalen Demokratie durch eine technokratische Elite voraussieht, glaubt Michael an die untrennbare Verbindung von Wissenschaft, Freiheit und Ethik. Hararis Vision einer posthumanistischen Zukunft sieht Michael als Gefahr für die Menschenwürde und die Freiheit. Auch Dugins autoritäre Weltanschauung lehnt Michael entschieden ab. Der russische Ideologe fordert eine Rückkehr zu traditionellen Werten und einen Kampf gegen den Liberalismus des Westens. Für Michael ist dies eine Rückwärtsgewandtheit, die keine Antwort auf die komplexen Herausforderungen der modernen Welt bietet. Seine Vision einer besseren Zukunft setzt auf das Wissen, die Freiheit und den Glauben, dass der Mensch durch Fehlerkorrektur und Zusammenarbeit die göttliche Wahrheit immer besser verstehen kann. Katholisch, nicht „Vatikankatholisch": Ein offener Glaube Michael Phillips\' Glaube ist tief in der katholischen Tradition verwurzelt, doch er unterscheidet zwischen einem starren „vatikanischen" Katholizismus und einem „katholischen" (allumfassenden) Glauben. Er steht in der Tradition von Jesuiten wie Teilhard de Chardin, die die wissenschaftliche und geistige Evolution der Menschheit als miteinander verbunden betrachteten. Michael glaubt an einen Gott, der nicht nur durch sakramentale Rituale in der Kirche wirkt, sondern auch durch die intellektuelle Suche nach Wahrheit und den wissenschaftlichen Fortschritt. Zusammenfassung: Der Glaube des Michael Phillips verbindet die christliche Tradition mit den modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Durch die Kombination von Poppers Falsifikationismus und Deutschs Fortschrittsdenken mit der katholischen Theologie und dem Omegapunkt-Glauben von Teilhard de Chardin findet Michael eine Synthese, die den Menschen und seine Suche nach Wissen in den Mittelpunkt stellt. Seine Ablehnung von holistischen und autoritären Ansätzen wie denen von Harari und Dugin zeigt seine Entschlossenheit, sowohl den Glauben als auch die Wissenschaft für das Wohl der Menschheit einzusetzen.