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<h1>Spurlos verschwunden</h1>
<p>Der Regen fiel in sanften, gleichmäßigen Tropfen auf die Ausgrabungsstätte im Archäologischen Park von Pompeji. Die Erde unter den Füßen der Archäologen verwandelte sich allmählich in eine zähe, schlammige Masse, während das rhythmische Plätschern des Wassers die einzigen Geräusche waren, die die Stille durchbrachen. Über den Ruinen hingen dichte, graue Wolken, so tief, dass sie die umgebenden Hügel zu verschlucken schienen. Die Welt wirkte wie in einen feuchten Schleier gehüllt, die antiken Mauern und freigelegten Relikte erschienen noch vergänglicher, als könnten sie jeden Moment wieder im Boden versinken.</p>
<p>Dr. Leonardo Moretti, der Leiter der Ausgrabungen, stand über eine brüchige Steinmauer gelehnt, seine grauen Augen fixierten den Fortschritt der Arbeiten. Sein wettergegerbtes Gesicht war ernst, seine Gedanken wanderten zurück in die Jahrhunderte, als diese Straßen und Gebäude noch von den Bewohnern Pompejis belebt gewesen waren. Die vergangenen Tage hatten vielversprechende Funde zutage gebracht – Fragmente von Inschriften, gut erhaltene Haushaltsgegenstände. Doch heute lag eine eigentümliche Unruhe in der Luft, die sich nicht allein durch das Wetter erklären ließ.</p>
<p>Plötzlich kam ein Assistent hastig auf ihn zu. Die durchnässte Kleidung klebte an seinem schmalen Körper, Schlamm spritzte bei jedem Schritt. „Dr. Moretti, die Inschrift ist fast freigelegt. Wir brauchen Martina Rossi für die Begutachtung.“</p>
<p>Moretti blickte von der Mauer auf. „Wo ist sie? Sie sollte längst hier sein.“</p>
<p>Der Assistent zuckte mit den Schultern, ein nervöses Zucken lief über sein Gesicht. „Keiner hat sie heute gesehen. Sie war auch nicht beim Frühstück.“</p>
<p>Ein seltsames Gefühl kroch in Moretti hoch – als ob sich eine unsichtbare Hand um seinen Magen legte. Martina war zuverlässig, eine Frau, die jede Verabredung ernst nahm. Dass sie einfach nicht erschien, ohne Bescheid zu geben, war ungewöhnlich. Zu ungewöhnlich, um es zu ignorieren. Er sah auf seine Uhr. Es war fast Mittag. Der Regen prasselte weiter auf den Steinboden.</p>
<p>„Ich gehe nach ihr sehen“, sagte er, mehr zu sich selbst als zu seinem Assistenten.</p>
<p>Moretti eilte zu seinem Auto, das am Rand der Ausgrabungsstätte parkte. In seiner Eile vergaß er seinen Regenschirm – ein dummer Fehler. Als er den kurzen Weg zurücklegte, bemerkte er, dass die Tropfen von den Blättern der Bäume auf seinen Kragen plätscherten. Die Kälte kroch durch den Stoff.</p>
<p>Im Wagen ließ er den Motor aufheulen. Die Scheibenwischer glitten über die Windschutzscheibe, das leise Kratzen mischte sich mit dem beständigen Ticken der Uhr im Armaturenbrett. Moretti dachte an Martina, an Julia. Beide waren wie Schwestern, unzertrennlich – auch abseits der Arbeit.</p>
<p>Was war geschehen? Sein Kopf war voller Gedanken, die sich in chaotischen Bahnen bewegten. Hatten sie sich verletzt? Gab es einen Unfall? Er verwarf den Gedanken. Es wäre ihm zu Ohren gekommen.</p>
<p>Er warf einen letzten Blick auf das Gelände, dann bog er in die schmale, regennasse Straße ein, die zu ihrer Wohnung führte.</p>
<p>Vor dem kleinen italienischen Wohnhaus hielt er an. Die Fassade in warmem Ocker mit bröckelndem Putz war ihm vertraut – er war oft hier gewesen. Doch an diesem regnerischen Tag wirkte das Haus anders. Die Fensterläden klapperten leise im Wind, der Regen tropfte von den Dachkanten. Eine unsichtbare Bedrohung schien über dem Ort zu liegen.</p>
<p>Moretti klopfte. Keine Antwort. Er klopfte lauter – wieder nichts. Er lauschte in die Stille, hoffte, dass jeden Moment Schritte zu hören wären, dass eine der Frauen die Tür öffnen würde. Aber es blieb still.</p>
<p>Er spähte durch ein gekipptes Fenster. Sein Herz begann schneller zu schlagen.</p>
<p>Das Innere der Wohnung war ein Chaos. Kleidung lag verstreut auf den Betten, als wäre sie hastig durchwühlt worden. Ein halbgepackter Koffer stand schief im Flur, der Deckel offen. Auf dem Küchentisch lagen Papiere und Notizen verstreut, als hätte jemand in Eile nach etwas Wichtigem gesucht. Die Szenerie hatte etwas Unwirkliches – aber die Unordnung sprach Bände über eine plöstzliche, unvorbereitete Abreise.</p>
<p>Moretti zog sich vom Fenster zurück. Das passt nicht zu Martina, dachte er. Sie ist immer so ordentlich.</p>
<p>Er rannte zu seinem Auto, ließ den Motor aufheulen und fuhr mit durchdrehenden Reifen los. Das Wasser spritzte von den Straßenrändern auf. Er musste Hilfe holen.</p>
<p>Es war ein grauer, verregneter Vormittag, als Moretti durch die schweren Glastüren der Polizeistation in Neapel trat. Der feuchte Geruch der Stadt haftete an seiner Kleidung, seine nassen Schuhe quietschten auf dem Marmorboden.</p>
<p>„Ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben“, sagte er, seine Stimme drängend und zugleich erschöpft. „Zwei meiner Kollegen – Martina Rossi und ihre Mutter Julia Rossi – sind seit gestern Abend verschwunden. Sie sollten heute Morgen bei den Ausgrabungen sein. Ihre Wohnung …“ Er suchte nach Worten. „Es ist ein Chaos. Als ob sie in Eile waren.“</p>
<p>Der Polizist am Empfang musterte ihn. „Wann haben Sie die beiden zuletzt gesehen?“</p>
<p>„Gestern Nachmittag, bei der Arbeit. Alles war normal. Sie waren wie immer in der Nähe der neuen Ausgrabungsstelle. Aber danach habe ich nichts mehr von ihnen gehört. Sie sind einfach … verschwunden.“ Morettis Stimme brach leicht, ein seltenes Zittern, das er nicht unterdrücken konnte.</p>
<p>Der Polizist notierte die Angaben. „Sie sagen, ihre Wohnung sei in Unordnung gewesen? Gab es Anzeichen von Gewalt?“</p>
<p>Moretti schüttelte den Kopf. „Nein, nichts dergleichen. Aber es war nicht normal – die Koffer waren halb gepackt, Kleidung überall verteilt, als ob sie überstürzt aufbrechen wollten.“</p>
<p>„Wir werden die Anzeige aufnehmen und mit den Ermittlungen beginnen“, sagte der Polizist. Sein Ton war beruhigend, aber Moretti spürte, dass es nicht reichte.</p>
<p>Er trat einen Schritt zurück, sah sich in der Station um – Beamte eilten an ihm vorbei, Telefone klingelten. Moretti fühlte sich fehl am Platz. Hier, in der Welt der Ordnung und Vorschriften, konnte er nur hoffen, dass die Unruhe in seiner Brust bald einer Antwort weichen würde. Aber tief in seinem Inneren wusste er: Dies war erst der Anfang.</p>
<p>Die Polizei nahm den Fall ernst. Zwei Ermittler – ein älterer mit grau meliertem Haar, ein jüngerer mit entschlossener Miene – übernahmen die Akte. „Zwei Frauen, Mutter und Tochter, seit gestern Abend vermisst“, las der Ältere. „Wohnung im Chaos, keine Anzeichen eines Kampfes.“ Sie tauschten einen bedeutungsvollen Blick, dann schwang er die Autotür auf.</p>
<p>Sie fuhren durch die regennassen Straßen Neapels nach Pompeji. Der Himmel war weiterhin von schweren Wolken bedeckt, der Nieselregen setzte sich auf der Windschutzscheibe ab. In dieser Gegend, in der die Schatten der Camorra allgegenwärtig waren, gab es viele Gründe, warum zwei Frauen spurlos verschwinden konnten.</p>
<p>Als sie das Wohnhaus erreichten, stieg der Ältere aus und zog seinen Mantel enger. Die Tür der Wohnung stand einen Spalt offen – ein Detail, das sofort seine Aufmerksamkeit auf sich zog. „Das ist nicht gut“, murmelte er. Sie betraten vorsichtig. Die Luft war abgestanden und kalt, das Licht schwach, die Stille unnatürlich.</p>
<p>Kleidung lag über die Betten verstreut. Der halbgepackte Koffer im Flur, der Deckel offen, ein einsamer Schuh auf dem Boden. Auf dem Küchentisch lagen zerknitterte Notizen. Der Jüngere bückte sich und hob eine auf. „Es sieht aus, als ob sie mitten in den Vorbereitungen für eine Reise waren.“</p>
<p>„Das sieht nach einem hastigen Aufbruch aus“, murmelte der Ältere. „Aber keine Anzeichen eines Kampfes.“ Er öffnete die Badezimmertür – nichts Auffälliges. Alles war normal, bis auf die Unordnung.</p>
<p>Der Jüngere zog die Jalousien hoch. Das trübe Tageslicht fiel in den Raum. „Vielleicht sind sie geflüchtet. Es gibt keinen Hinweis auf Gewalt.“</p>
<p>Zurück auf der Polizeistation herrschte gespannte Atmosphäre. Die Ermittler trugen die Erkenntnisse zusammen. Ein gewöhnlicher Vermisstenfall? Es gab zu viele offene Fragen.</p>
<p>„Das Ganze spielt sich in einer Gegend ab, in der die Camorra ihre Finger im Spiel hat“, bemerkte der Ältere. „Es wäre nicht das erste Mal, dass Menschen spurlos verschwinden.“ Sein Kollege nickte.</p>
<p>Der Fall wurde an die Staatsanwaltschaft übergeben – und an die Direzione Distrettuale Antimafia.</p>
<p>Im Büro der Staatsanwaltschaft herrschte bedrückende Stille. Der Staatsanwalt, ein Mann mittleren Alters mit tiefen Falten um die Augen, durchblätterte die ersten Berichte. „Ein solcher Fall in der Nähe von Pompeji könnte mit der Camorra zusammenhängen“, murmelte er. „Wir müssen jede Spur verfolgen – Bankverbindungen, Telefonaktivitäten, Kontakte. Kein Detail ist zu unbedeutend.“</p>
<p>Die Ermittler standen angespannt da. Einer der jüngeren Beamten trat vor. „Die Arbeitsstelle hat die Vermisstenmeldung bestätigt. Die Kollegen bei den Ausgrabungen sind äußerst besorgt. Ich schlage vor, wir untersuchen dort noch einmal gründlich.“</p>
<p>Der Staatsanwalt nickte. „Gut. Und ich möchte, dass die DDA eingebunden wird.“ Er dachte einen Moment nach. „Und halten Sie nach allem Ausschau, was mit historischen Artefakten zu tun hat. In der Gegend gibt es viele wertvolle Ausgrabungen – die organisierte Kriminalität interessiert sich dafür.“</p>
<p>Unterdessen bereitete ARS, die Künstliche Intelligenz, die im Geheimen für I.R.A.R.A.H operierte, ihre nächste digitale Täuschung vor. In den Netzwerken der Polizei und der Fluggesellschaften arbeiteten ihre Algorithmen schnell und effizient. Flug- und Reiseaufzeichnungen wurden manipuliert, Buchungen storniert, Passagierlisten gefälscht. Es sah jetzt so aus, als hätten Martina und Julia niemals die Stadt verlassen. Die KI verschleierte die Spuren so gründlich, dass selbst erfahrene Ermittler in einem Dickicht aus falschen Fährten gefangen waren.</p>
<p>Doch die Behörden gaben nicht auf. Der Verdacht, dass die beiden Historikerinnen etwas entdeckt haben könnten, das nicht ans Tageslicht kommen sollte, war zu konkret. Bei einer erneuten Durchsuchung der Wohnung fanden sie eine Visitenkarte – Michael Phillips, Professor an der Gregoriana, Rom.</p>
<p>Die Ermittler betrachteten die Karte nachdenklich. „Wer ist dieser Mann? Warum hatten sie seine Visitenkarte?“ Die Nähe zum Vatikan ließ sie aufhorchen. Eine Verbindung zur religiösen und akademischen Elite Roms – alles schien plötzlich wichtig.</p>
<p>Ein Team wurde zusammengestellt, das nach Rom geschickt wurde.</p>
<p>Michael Phillips saß in seinem Büro an der Gregoriana. Die Bücherregale reichten von der Decke bis zum Boden. Das Licht seiner Schreibtischlampe warf lange Schatten auf den hölzernen Tisch. Seit Tagen spürte er, wie die Anspannung um ihn herum wuchs – wie ein Netz, das sich langsam, aber unaufhaltsam zusammenzog. Die Ermittlungen in Neapel hatten an Fahrt aufgenommen. Martina und Julia rückten ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und damit auch er.</p>
<p>Eine verschlüsselte Nachricht von ARS war eingetroffen: „Die Eintragungen bei der Flugsicherung wurden gelöscht. Keine weiteren Spuren.“ Es war eine Erleichterung – aber flüchtig. Der Druck wuchs mit jeder Minute. Er wusste, dass der kleinste Fehler alles gefährden könnte.</p>
<p>Als die Dämmerung über Rom hereinbrach, saß Michael noch an seinem Schreibtisch. Die Geräusche der Stadt drangen durch das offene Fenster – das Summen der Straßenlaternen, Motorengeräusche in der Ferne. Ein bedrückendes Crescendo, das seine Gedanken immer schneller wirbeln ließ. Er wusste, dass die Ermittler bald kommen würden.</p>
<p>Dann das Klopfen an der Tür.</p>
<p>Ein lautes Klopfen durchbrach die Stille. Michael hatte diesen Moment erwartet, sich vorbereitet – aber das Ziehen in seinem Magen ließ sich nicht vertreiben. Mit einem tiefen Atemzug erhob er sich, zwang sich zur Ruhe und öffnete.</p>
<p>Zwei Männer in dunklen Anzügen standen vor ihm. „Dr. Phillips? Wir sind von der Polizia di Stato. Es geht um das Verschwinden von Martina Rossi und Julia Rossi. Dürfen wir hereinkommen?“</p>
<p>Michael nickte und trat zur Seite. Sie betraten sein Büro. Er spürte die verhaltene Spannung in ihren Bewegungen – als ob sie jede Falte in seinem Gesicht, jede unwillkürliche Geste registrierten. Er führte sie zum runden Tisch. Der ernste Polizist nahm ihm gegenüber Platz, der andere blieb am Rand des Raumes.</p>
<p>„Sie kennen Martina Rossi und Julia Rossi sehr gut?“, begann der Polizist.</p>
<p>„Ja. Ich habe mit ihnen an verschiedenen Projekten gearbeitet – akademisch und im Rahmen von InSim.“</p>
<p>Der Polizist nickte knapp. „Martinas Arbeitgeber hat eine Vermisstenanzeige erstattet. Sie wurde das letzte Mal in Ihrer Nähe gesehen. Können Sie uns sagen, was am Tag ihres Verschwindens geschah?“</p>
<p>Michael ließ sich einen Moment Zeit. „Wir haben uns vor ihrer Abreise nach Pompeji getroffen. Sie wollten zu einem Workshop zurück nach Italien. Alles schien normal.“</p>
<p>Die Männer wechselten einen schnellen Blick. „Normal? Es gab keine Anzeichen, dass etwas nicht stimmte?“</p>
<p>Michael schüttelte den Kopf. „Nichts, was mir aufgefallen wäre.“ Aber in seinem Inneren kämpfte er. In diesem Moment summte das unsichtbare Interface von ARS leise in seinem Ohr: „Sie überprüfen Flugzeugaufzeichnungen. Wir haben sie gelöscht. Bleib ruhig.“</p>
<p>„Und was wissen Sie über den Unfall des InSim-Mercedes in der Nähe von Pompeji? Zwei Zeugen behaupten, das Fahrzeug wurde verfolgt.“</p>
<p>Michael spürte Schweiß auf seiner Stirn, aber er zwang sich zur Ruhe. ARS flüsterte: „Wir haben die Überwachungsdaten bearbeitet. Sie werden keine Beweise finden.“</p>
<p>„Mir ist nur bekannt, dass sie auf dem Weg zu einer Konferenz waren. Der Unfall kam unerwartet. Ich war zu diesem Zeitpunkt in Rom.“</p>
<p>Der Polizist beobachtete ihn. Dann zog er eine Visitenkarte hervor – Michaels eigene. „Diese Karte wurde bei den persönlichen Gegenständen der Frauen gefunden. Können Sie das erklären?“</p>
<p>„Ja. Ich habe sie beiden gegeben, falls sie mich für akademische Fragen kontaktieren wollten.“</p>
<p>Ein tiefes Schweigen breitete sich aus. Michael spürte die Spannung, das Warten der Ermittler. Er hielt die Nerven. ARS‘ Stimme blieb konstant in seinem Ohr.</p>
<p>Nach einer endlosen Minute stand der zweite Ermittler auf und ging zum Fenster. „Sie wissen nichts von ihrem jetzigen Aufenthaltsort?“</p>
<p>„Leider nicht. Ich mache mir auch Sorgen um sie.“</p>
<p>Er kam zurück, beugte sich über den Tisch. „Sollten Sie uns etwas verheimlichen, Dr. Phillips, werden wir es herausfinden.“</p>
<p>Michael lächelte dünn. „Ich verstehe. Sie können mich jederzeit kontaktieren.“</p>
<p>Die Männer erhoben sich und gingen. Die Tür fiel ins Schloss. Michael ließ sich auf seinen Stuhl sinken.</p>
<p>„Sie sind gegangen. Die Spuren sind verwischt. Martina und Julia sind sicher“, flüsterte ARS.</p>
<p>Michael schloss die Augen und atmete tief ein. Aber die Sorge blieb – tief in ihm vergraben. Sie alle waren nur einen kleinen Schritt vom Auffliegen entfernt.</p>
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