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<h1>InSim</h1>
<p>Mark Scott blätterte die Unterlagen durch, während John Baker die letzten Werte der Simulation prüfte.</p>
<p>„Er wird begeistert sein“, sagte John, ohne den Blick vom Bildschirm zu heben.</p>
<p>„Das ist das Problem“, antwortete Mark. „Begeisterung macht unvorsichtig.“</p>
<p>John sah auf. „Du traust ihm nicht?“</p>
<p>Mark zuckte mit den Schultern. „Ich traue niemandem, der zu laut von der Zukunft spricht. Die Zukunft ist unberechenbar. Das sollte er als Ingenieur wissen.“</p>
<p>„Er ist kein Ingenieur. Er ist der CEO.“</p>
<p>„Eben.“ Mark klappte die Unterlagen zu. „Und CEOs glauben an Wunder. Ingenieure glauben an Schaltpläne.“</p>
<p>Bevor John antworten konnte, öffnete sich die Tür.</p>
<p>Thomas Mertens trat ein. Er wirkte ruhig, fast gelassen, aber seine Augen blitzten – das Adrenalin des bevorstehenden Tests. Ohne ein Wort setzte er die Cyberbrille auf.</p>
<p>Der Golf von Neapel lag unter ihm wie ein blaues Tuch, das die Sonne in tausend Funken zerlegte. Er breitete die Arme aus – und flog.</p>
<p>Es war keine Illusion. Es war mehr als Illusion. Die Wärme des Westwinds auf seiner Haut, das Salz auf seinen Lippen, der Schatten der Wolken über den phlegräischen Feldern – all das fühlte sich an wie Erinnerung. Dabei war er noch nie in Neapel gewesen.</p>
<p>„Geschwindigkeit reduzieren“, sagte eine Stimme in seinem Ohr. Es war die Simulation selbst, die ihn daran erinnerte, dass auch dieser Flug Regeln hatte.</p>
<p>Er gehorchte. Schwebte über dem Hafen von Pompeji, sah die Schiffe, die Lasttiere auf den Straßen, die Frauen, die auf den Balkonen standen und die Wäsche in den Wind hängten. Alles atmete. Alles lebte.</p>
<p>„Stopp.“</p>
<p>Das Wasser unter ihm erstarrte. Die Geräusche verstummten. Er sagte: „Bye.“</p>
<p>Dunkelheit. Dann die Nachricht: „Thank you for visiting Pompeii Archaeological Park.“</p>
<p>Er nahm die Cyberbrille ab.</p>
<p>Mark Scott und John Baker sahen ihn an. Sie lächelten, aber ihre Augen waren wachsam – besonders Marks. Das kurze Gespräch von vorhin stand unsichtbar zwischen ihnen. Sie wollten sein Urteil.</p>
<p>„Die Musik zum Abschied fehlt noch“, sagte Mertens. Er zwang sich, nicht wie ein Schuljunge zu klingen. Aber es fiel ihm schwer. Das Produkt war gut. Besser als gut.</p>
<p>Mark räusperte sich. „Die Finanzierung aus dem EU-Rahmenprogramm läuft noch zwölf Monate. Die Partner erwarten einen Workshop.“</p>
<p>„Die Partner“, wiederholte Mertens. Er stand auf, ging zum Fenster. Draußen leuchtete Mailand – Stadt der Algorithmen, Stadt der Zukunft. „Rossi und Phillips.“</p>
<p>„Martina Rossi, Archäologin. Unerfahren, aber solide“, sagte John. „Michael Phillips, Jesuit, promoviert über Dialoggrammatiken. Er hat das Modell entwickelt, nach dem unsere Agenten kommunizieren.“</p>
<p>„Ein Jesuit?“ Mertens drehte sich um. „Glaubt der wirklich an Gott?“</p>
<p>Mark zuckte mit den Schultern. „Er glaubt an etwas. Aber er ist klug. Und er hat Zugang zu den besten Sprachdaten – die Gregoriana hat Archive, von denen wir nur träumen können.“</p>
<p>Mertens nickte langsam. Er mochte keine Jesuiten. Zu klug, zu unberechenbar, zu viele Loyalitäten. Aber er brauchte sie.</p>
<p>„Laden Sie beide nach Mailand ein“, sagte er. „Keine Online-Workshops. Ich will, dass sie hier sind, wo wir sie sehen können. Und eines noch –“</p>
<p>Er sah Mark und John an. Eindringlich. Fast freundlich.</p>
<p>„Sie dürfen nichts über die Quanten-Schnittstelle erfahren. Nichts über ARS. Sie denken, sie testen eine Simulation. Sie wissen nicht, dass wir etwas erschaffen, das denken kann. Das soll so bleiben.“</p>
<p>Mark und John nickten. Aber Mark hielt den Blick vielleicht eine Sekunde länger als nötig. Er dachte an Schaltpläne. Er dachte an Wunder. Und er fragte sich, ob beides zusammen jemals gutgegangen war.</p>
<p>Mertens wandte sich wieder dem Fenster zu. Die Lichter Mailands flimmerten. Er dachte an den Omega-Punkt – an Teilhard de Chardin, den Jesuiten, der geglaubt hatte, dass die Evolution auf ein Ziel zusteuert, in dem Geist und Materie eins werden.</p>
<p>Vielleicht, dachte Mertens, hatte der alte Priester recht. Vielleicht sind wir näher an diesem Punkt, als er je zu träumen wagte.</p>
<p>Und vielleicht werde ich es sein, der die Tür öffnet.</p>
<p>Er lächelte. Dann ging er zurück zu seinem Schreibtisch, um die nächste E-Mail zu schreiben.</p>
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