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<h1>Der Anruf</h1>
<p>Der Flur vor dem Hörsaal der Gregoriana war still. Nicht die Stille einer Bibliothek – eher die eines Raumes, der gerade atmet. Die Tür war geschlossen, aber durch das Holz drang ein Geräusch: rhythmisch, sanft, wie Wellen, die an einen Kiesstrand schlagen.</p>
<p>Michael Phillips hörte es und lächelte.</p>
<p>Seine Studenten applaudierten. Nicht höflich, nicht aus Pflicht – sie meinten es. Das wusste er, weil sie stehen geblieben waren. Stehender Applaus in einer Vorlesung über Sprachmodelle und Dialoggrammatiken war selten. Aber heute hatte er etwas gezeigt, das sie nicht erwartet hatten: dass Algorithmen nicht nur rechnen, sondern erzählen können.</p>
<p>Er hob die Hand. Der Applaus verebbte.</p>
<p>„Danke“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, fast leise – aber sie trug bis in die letzte Reihe. „Wenn Sie sich auf die Klausur vorbereiten, werfen Sie bitte noch einen Blick auf die Literatur zu GPT-Modellen. Und auf die Theorie der Dialoggrammatiken. Mehr kann ich nicht verraten.“</p>
<p>Einige lachten. Andere packten schon ihre Taschen.</p>
<p>„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag“, sagte er. „Und zögern Sie nicht, mich während der Sprechzeiten anzusprechen. Dafür bin ich da.“</p>
<p>Die letzten Studenten verließen den Raum. Der Hörsaal leerte sich, und mit jedem Schritt wurde die Stille tiefer. Michael blieb stehen, sah auf die leeren Bänke, auf das Kreidepulver auf dem Pult. Er mochte diesen Moment. Das Echo der Stimmen, die plötzliche Ruhe – wie nach einem Konzert.</p>
<p>Dann vibrierte sein iPhone.</p>
<p>Er zog es aus der Tasche. Das Display zeigte: Julia.</p>
<p>Für einen Moment dachte er nicht. Er nahm einfach ab, weil die Stimme am anderen Ende etwas in ihm berührte, das er längst vergessen hatte.</p>
<p>„Hallo Julia“, sagte er. Seine Stimme klang wärmer, als er beabsichtigt hatte. „Schön, von dir zu hören.“</p>
<p>Ein kurzes Schweigen. Dann ihre Stimme – sanft, aber mit einem Unterton, den er nicht einordnen konnte.</p>
<p>„Hallo Michael. Störe ich?“</p>
<p>„Nein. Die Vorlesung ist gerade zu Ende.“ Er setzte sich auf die Tischkante, das Telefon ans Ohr gepresst. Draußen fuhr ein Bus vorbei. Das Fenster war gekippt. „Ich mache mich gleich auf den Heimweg.“</p>
<p>Wieder diese Pause. Nicht unangenehm. Eher wie ein Atemzug vor einem Sprung.</p>
<p>„Martina hat mich ermutigt, dich anzurufen“, sagte Julia. „Sie meinte, du könntest uns in Pompeji besuchen. Du hast doch auch die Einladung zum Workshop bei InSim bekommen?“</p>
<p>Michael runzelte die Stirn. InSim. Der Workshop. Er hatte die E-Mail gesehen, aber noch nicht geantwortet. Zu viel anderes war passiert in den letzten Wochen – ein Gutachten, das fertig werden musste, ein Student, der Hilfe brauchte.</p>
<p>„Ja“, sagte er jetzt. Schneller, als er dachte. „Ich wollte dich ohnehin anrufen. Aber du bist mir zuvorgekommen.“</p>
<p>„Dann komm morgen“, sagte Julia. Nicht fragend. Fest.</p>
<p>Michael zögerte. Eine Sekunde. Zwei.</p>
<p>„Ich kann nachts nicht fahren“, sagte er. „Also werde ich am nächsten Tag zurückfahren. Aber morgen im Laufe des Tages könnte ich bei euch sein.“</p>
<p>Er hörte sie lächeln. Man konnte das hören, wenn man wusste, wie.</p>
<p>„Wunderbar“, sagte sie. „Dann bis morgen.“</p>
<p>Der Bus draußen fuhr weiter. Das Fenster klapperte im Wind. Michael legte auf und starrte auf das schwarze Display. Darin spiegelte sich sein Gesicht – älter, als er sich fühlte.</p>
<p>Er dachte an Julia. An die gemeinsame Zeit im Masterstudium, an die Nächte in der Bibliothek, an die Diskussionen über Teilhard und Popper, über Bewusstsein und Maschinen. Sie hatten sich gestritten – oft, fast immer – aber es war ein Streiten gewesen, das einen näher brachte, nicht weiter weg.</p>
<p>Dann war sie nach Pompeji gezogen. Martina war geboren. Und die Briefe wurden seltener, die Anrufe kürzer. Bis nur noch Weihnachtskarten übrig blieben.</p>
<p>Und jetzt dieser Anruf.</p>
<p>Michael steckte das Telefon ein, nahm seine Tasche und verließ den Hörsaal. Der Flur war leer. Seine Schritte hallten auf dem Steinboden. Er wusste nicht, warum sie ihn jetzt angerufen hatte, nach all den Jahren. Aber er wusste, dass er fahren würde.</p>
<p>Morgen, dachte er. Pompeji.</p>
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