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<h1>Heimweg zum Collegium</h1>
<p>Einen Augenblick stand Michael Phillips noch im leeren Hörsaal.</p>
<p>Die Bänke waren verlassen, das Kreidepulver auf dem Pult lag wie feiner Schnee. Er strich mit dem Finger darüber, wischte es ab. Dann packte er seine Tasche, steckte das iPhone ein und ging.</p>
<p>Draußen schien die Sonne. Nicht die grelle Mittagssonne des Sommers, sondern das weichere Licht eines römischen Spätherbsts. Er schlenderte vom Piazza della Pilotta nach Norden, vorbei an der Via dei Lucchesi, dann die Via di S. Vincenzo hinunter.</p>
<p>Am Trevi-Brunnen blieb er stehen.</p>
<p>Er suchte in seiner Hosentasche nach Kleingeld – ein paar Cent, eine abgenutzte 2-Euro-Münze. Er ließ sie ins Wasser gleiten. Nicht weil er an den Mythos glaubte (Rückkehr nach Rom), sondern weil es die Kinder getan hatten, mit denen er früher hier gewesen war. Es war eine dieser kleinen Gewohnheiten, die man nicht ablegte, weil man nicht wusste, warum.</p>
<p>Weiter ging es Richtung Osten, über die Via della Stamperia. In zehn Minuten würde er das Collegium Germanicum et Hungaricum erreichen. Seine Füße fanden den Weg von allein – sie waren ihn tausendmal gegangen. Seine Gedanken aber waren schneller.</p>
<p>Julia, dachte er. Pompeji. Der Workshop.</p>
<p>Michael schüttelte den Kopf. Er würde später darüber nachdenken. Jetzt zählte der Magen.</p>
<p>Im Speisesaal des Collegiums roch es nach Suppe. Rindfleischsuppe, wenn er sich nicht täuschte – der Geruch zog durch die Gänge, vermischte sich mit dem Duft von Wachs und altem Holz. Er wollte gerade seine Serviette aus dem Fach nehmen, als er sich umentschied.</p>
<p>Erst das Büro.</p>
<p>Maria saß am Empfang, als er hereinkam. Sie trug ein Kleid, das ihm nicht aufgefallen war – blau, mit kleinen weißen Punkten. Ihr Lächeln war wie immer: breit, echt, ein bisschen zu früh am Tag.</p>
<p>„Hallo Maria“, sagte er. „Ist für morgen noch ein Wagen frei? Ich muss nach Pompeji.“</p>
<p>Sie tippte etwas in ihren Computer. „Ja, natürlich, Michael.“ Dann hob sie den Kopf. Ihr Lächeln wurde schmaler. „Aber bevor ich Ihnen den Wagen reserviere – hier ist etwas für Sie.“</p>
<p>Sie schob einen Umschlag über den Tisch. Sein Name stand darauf, handschriftlich. Die Tinte war schwarz, fast zu schwarz für einen Kugelschreiber. Wie Tusche.</p>
<p>„Ein Mann hat ihn heute Morgen an der Pforte abgegeben“, sagte Maria. Ihre Stimme war leiser geworden. „Ein Obdachloser, glaube ich. Zumindest sah er so aus. Zerlumpte Kleidung, aber –“ Sie zögerte. „Sein Bart war gepflegt. Ganz ordentlich. Und seine Augen …“</p>
<p>„Was war mit seinen Augen?“</p>
<p>„Sie leuchteten. Nicht im übertragenen Sinne. Sie leuchteten. Fast wie eine Katze im Dunkeln.“</p>
<p>Michael nahm den Umschlag. Er war schwerer, als er aussah.</p>
<p>„Danke, Maria“, sagte er. „Ich werde es mir ansehen.“</p>
<p>Er verließ das Büro, setzte sich in eine Nische des Flurs – dort, wo die alten Gemälde der verstorbenen Rektoren hingen. Er riss den Umschlag auf.</p>
<p>Der Brief war nicht lang. Aber die Worte trafen ihn wie ein flacher Stein, der übers Wasser springt und nicht versinkt.</p>
<p>Lieber Dr. Michael Phillips,</p>
<p>Harari ist ein Warner, doch seine Warnung richtet sich nicht gegen die Informationstechnologie oder Biotechnologie. Stattdessen warnt er vor dem Humanismus und der liberalen Demokratie.</p>
<p>Um den künftigen Eliten den Weg zu ebnen, die diese Technologien nutzen wollen, um über den Menschen hinauszugehen, warnt Harari davor, am Humanismus und der liberalen Demokratie festzuhalten.</p>
<p>Popper und Deutsch hingegen mahnen zur Vorsicht vor holistischen Ansätzen und plädieren für die sogenannte „Stückwerk-Technik“. Sie betonen, dass nur durch diese pragmatischen Ansätze auf unvorhersehbare Nebenwirkungen reagiert werden kann.</p>
<p>Harari verspricht den Eliten der Zukunft das Paradies auf Erden – unter der Bedingung, dass die heutigen Massen den Humanismus und die liberale Demokratie aufgeben.</p>
<p>Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht, aber gleichzeitig verlangt, mich erst in die Luft sprengen zu müssen, um es zu erreichen.</p>
<p>Mit den besten Grüßen,</p>
<p>IRARAH</p>
<p>Michael las den Brief zweimal.</p>
<p>Dann steckte er ihn zurück in den Umschlag. Seine Hände zitterten nicht – aber sie fühlten sich kalt an, obwohl der Flur warm war.</p>
<p>IRARAH, dachte er. Harari rückwärts.</p>
<p>Er kannte Hararis Bücher. Homo Deus hatte ihn fasziniert, aber auch beunruhigt. Die Vision einer posthumanen Elite, die den Rest der Menschheit hinter sich lässt – das war nicht neu. Aber dass jemand davor warnte, indem er den Humanismus verteidigte … das war ungewöhnlich.</p>
<p>Wer war IRARAH? Eine Bewegung? Eine Einzelperson? Der Obdachlose?</p>
<p>Und warum schrieb man ihm?</p>
<p>Er dachte an den Workshop. An InSim. An Martina, die in Pompeji auf ihn wartete. An Julia, deren Stimme noch in seinen Ohren klang.</p>
<p>Zufall? fragte er sich. Oder steckt mehr dahinter?</p>
<p>Er stand auf, steckte den Umschlag in die Innentasche seiner Jacke – nah am Herzen, wie man das früher genannt hätte. Dann ging er zurück zu Maria.</p>
<p>„Den Wagen nehme ich trotzdem“, sagte er. „Und danke für den Hinweis. Ich werde der Sache nachgehen.“</p>
<p>Maria nickte. Sie fragte nicht, was in dem Brief stand. Dafür war sie zu lange im Collegium.</p>
<p>„Der Fiesta steht wie immer bereit“, sagte sie und reichte ihm die Schlüssel.</p>
<p>Im Speisesaal war es schon voll. Die Seminaristen saßen an den langen Tischen, die Köpfe über die Suppenschüsseln gebeugt. Michael nahm seine Serviette aus dem Fach, setzte sich an seinen Platz. Neben ihm saß ein junger Ungar, der ihm zunickte. „Schmeckt heute gut“, sagte er. „Rindfleisch.“</p>
<p>„Riecht jedenfalls so“, sagte Michael.</p>
<p>Er aß. Er sprach über das Wetter, über die Vorlesung, über den bevorstehenden Workshop. Niemand fragte, warum er nach Pompeji fuhr. Das war die Regel im Collegium: Man fragte nicht, wenn jemand reiste. Man wünschte eine gute Fahrt.</p>
<p>Nach dem Essen ging er in die Kapelle.</p>
<p>Die Eucharistie mit den deutschen Seminaristen war kurz, fast still. Er spürte die Kerzenwärme auf seinem Gesicht, hörte das Atmen der Männer neben ihm. Er dachte nicht an den Brief. Er dachte nicht an IRARAH. Er dachte an nichts – und das war gut.</p>
<p>Später, in seinem Zimmer, packte er den Koffer. Zwei Hemden, ein Pullover, das Notizbuch, der Laptop. Der Brief kam in die Innentasche seiner Jacke, die er über den Stuhl hängte. Er würde ihn morgen früh wieder einstecken.</p>
<p>Er schlief sofort ein.</p>
<p>Keine Träume. Nur Dunkelheit.</p>
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