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<section id="fahrt-nach-pompeji" class="level1">
<h1>Fahrt nach Pompeji</h1>
<p>Michael wählte die Strecke zur Mautauffahrt Süd. Die gelbe Spur für die Telepass-Box war frei – ein kleiner Luxus an einem Dienstagmorgen. Er fuhr langsam durch die Schranke, schaltete hoch und gab Gas.</p>
<p>Die E45 zog sich südwärts wie ein graues Band. Links die Hügel, rechts die ersten Industriegebiete. Er mochte diese Fahrt. Die Stunde zwischen Rom und Neapel, in der man weder angekommen noch abgereist war.</p>
<p>Dann tauchte der Vesuv auf.</p>
<p>Er sah ihn zuerst als Schatten – eine Unregelmäßigkeit am Horizont, die größer wurde, je näher er kam. Der Berg stand da wie ein Mahnmal, ruhig und gefährlich zugleich. Michael dachte an Pompeji. An die Asche, die die Stadt begraben hatte. An die Menschen, die keine Chance hatten.</p>
<p>Und jetzt fahre ich hin, dachte er. Um über Software-Agenten zu sprechen.</p>
<p>Es war absurd. Aber er lächelte trotzdem.</p>
<p>Er nahm die Ausfahrt nach Pompeji, kaufte an einer Tankstelle Blumen für Julia und Pralinen für Martina. Das Navi führte ihn durch enge Straßen, vorbei an kleinen Häusern mit blühenden Gärten. Hier roch es nach Zitronen und Diesel.</p>
<p>Als er vor dem Haus hielt, sah er Martina schon in der Tür stehen. Sie winkte. Hinter ihr, im Schatten des Flurs, erkannte er Julia.</p>
<p>Drinnen roch es nach Kaffee und frischem Brot. Martina nahm die Pralinen, Julia die Blumen. Sie stellte die Vase auf den Tisch – eine weiße, die aussah, als sei sie aus der Erde ausgegraben worden.</p>
<p>„Setz dich“, sagte Julia.</p>
<p>Michael setzte sich. Das Sofa war weich, fast zu weich. Er rutschte ein wenig nach vorne, um gerade zu sitzen.</p>
<p>Sie sprachen über dies und das. Die Fahrt, das Wetter, die Ausgrabungen in Pompeji. Martina erzählte von einer neuen Inschrift, die sie gefunden hatten – lateinisch, aus einer Therme, vielleicht von einem Sklaven geritzt. Michael hörte zu, nickte, fragte nach.</p>
<p>Aber in seinem Kopf war der Brief.</p>
<p>Er wartete auf eine Pause. Sie kam, als Martina in die Küche ging, um Wasser für den Tee zu holen.</p>
<p>„Julia“, sagte Michael leise. „Ich muss euch etwas zeigen.“</p>
<p>Er zog den Umschlag aus der Innentasche seiner Jacke. Er war etwas zerknittert, aber noch verschlossen – er hatte ihn auf der Fahrt nicht wieder geöffnet.</p>
<p>„Ein Obdachloser hat ihn am Collegium abgegeben“, sagte er. „Der Inhalt ist … seltsam.“</p>
<p>Julia nahm den Umschlag, betrachtete die Handschrift. „Dein Name“, sagte sie. „Handschriftlich. Das ist kein Zufall.“</p>
<p>„Nein“, sagte Michael. „Lies.“</p>
<p>Er reichte ihr den Brief. Sie überflog ihn – einmal, zweimal. Ihre Miene blieb ruhig, aber ihre Finger, die den Rand des Papiers hielten, wurden weiß.</p>
<p>Martina kam mit dem Tee zurück. Sie sah die Gesichter, stellte die Tassen ab. „Was ist los?“</p>
<p>Julia reichte ihr den Brief. Martina las. Sie war schneller als ihre Mutter – oder weniger vorsichtig. Nach ein paar Sekunden hob sie den Kopf.</p>
<p>„Harari“, sagte sie. „Und Popper. Und dieser Absender – IRARAH. Das ist Harari rückwärts, oder?“</p>
<p>Michael nickte. „Ich glaube schon.“</p>
<p>„Wer schreibt so einen Brief?“ Martina setzte sich. „Und warum schickt man ihn ausgerechnet dir?“</p>
<p>„Das ist die Frage“, sagte Michael. „Der Obdachlose war nur der Überbringer. Aber wer ihn geschrieben hat – der kennt sich aus. Mit Harari, mit Popper, mit Deutsch. Das ist kein Zufallsfund.“</p>
<p>Julia schwieg noch einen Moment. Dann sagte sie: „Es klingt wie eine Warnung.“</p>
<p>„Vor Harari?“, fragte Martina.</p>
<p>„Vor dem, wofür Harari steht“, sagte Julia. „Siehst du nicht? Der Brief sagt: Harari warnt nicht vor der Technologie. Er warnt vor dem Humanismus. Er will, dass wir die Demokratie aufgeben – für eine posthumane Elite. Und der Absender, IRARAH …“</p>
<p>„… will das Gegenteil“, ergänzte Michael. „Popper. Die offene Gesellschaft. Die Stückwerk-Technik. Keine großen Würfe, kein Paradies auf Erden. Nur kleine Schritte, die man korrigieren kann, wenn sie schiefgehen.“</p>
<p>Martina schüttelte den Kopf. „Das klingt nach einer Grundsatzdebatte. Aber warum schreibt man das dir? Was hat das mit dir zu tun?“</p>
<p>Michael zuckte mit den Schultern. „Vielleicht nichts. Vielleicht alles. Ich bin Jesuit, ich arbeite mit InSim, ich kenne Leute im Vatikan. Vielleicht glaubt dieser IRARAH, dass ich etwas tun kann.“</p>
<p>„Oder“, sagte Julia langsam, „dass du etwas weißt. Von dem du nicht einmal weißt, dass du es weißt.“</p>
<p>Stille.</p>
<p>Draußen fuhr ein Motorroller vorbei. Das Geräusch verhallte.</p>
<p>„Wir sollten vorsichtig sein“, sagte Martina schließlich. „InSim, dieser Workshop – wenn der Brief recht hat, steckt da mehr dahinter, als wir denken.“</p>
<p>Michael steckte den Brief zurück in die Jacke. „Ich werde ihn mitnehmen. Vielleicht ergibt sich dort mehr Klarheit.“</p>
<p>Julia sah ihn an. Ihr Blick war weich, aber fest. „Pass auf dich auf, Michael.“</p>
<p>„Das tue ich“, sagte er. Aber er war sich nicht sicher, ob es stimmte.</p>
<p>Sie verbrachten den Nachmittag miteinander. Es war, als ob der Brief nicht existierte – oder als ob sie sich entschieden hatten, ihn für ein paar Stunden zu vergessen. Sie aßen, tranken Wein (Michael Wasser), sprachen über alte Zeiten. Martina erzählte von ihrer Kindheit, von den Sommern in Pompeji, von den Nächten, in denen sie die Ruinen nach Fledermäusen durchsucht hatte.</p>
<p>Als es dunkel wurde, zündete Julia Kerzen an.</p>
<p>„Bleibst du über Nacht?“, fragte sie.</p>
<p>„Wenn es keine Umstände macht.“</p>
<p>„Es macht keine Umstände.“</p>
<p>Michael half beim Abwasch. Er trocknete die Teller ab, während Martina sie spülte. Julia stand am Fenster und sah in die Nacht. Keiner sprach. Es war nicht unangenehm.</p>
<p>Später, in dem kleinen Gästezimmer, lag Michael im Dunkeln. Die Vorhänge waren zu, aber durch einen Spalt fiel Licht von der Straße. Er hörte die Stadt – Hunde, die bellten, ein Gespräch in der Ferne, das Rauschen des Meeres, das man hier nicht sehen, aber hören konnte.</p>
<p>Er dachte an den Brief.</p>
<p>Harari ist ein Warner.</p>
<p>IRARAH.</p>
<p>Pass auf dich auf.</p>
<p>Er schloss die Augen. Der Schlaf kam langsam, aber er kam.</p>
</section>
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