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<h1>Der Workshop</h1>
<p>Der Zug von Rom nach Mailand fuhr pünktlich. Michael saß am Fenster, die Landschaft zog vorbei – erst die Hügel Latiums, dann die Ebene der Po-Ebene, flach und fruchtbar. Er hätte arbeiten können. Stattdessen starrte er auf sein Spiegelbild im Glas.</p>
<p>Der Brief steckte in seiner Tasche. Er hatte ihn heute Morgen noch einmal gelesen.</p>
<p>Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.</p>
<p>Er wusste nicht, warum er immer wieder an diesen Satz dachte. Vielleicht weil er zu oft Versprechungen gehört hatte. Von der Kirche. Von der Wissenschaft. Von InSim.</p>
<p>Der Zug hielt in Bologna. Ein Mann stieg ein – dunkler Mantel, schlichte Mütze. Er setzte sich nicht. Er ging durch den Gang, blieb neben Michael stehen und legte einen Zettel auf dessen aufgeklapptes Buch.</p>
<p>Dann war er verschwunden.</p>
<p>Michael blinzelte. Das Buch war zugeklappt – er hatte es gar nicht aufgeschlagen. Der Zettel lag da, als ob er schon immer dort gelegen hätte.</p>
<p>Er faltete ihn auseinander.</p>
<p>„Kommen Sie heute Nacht, bevor der Workshop beginnt, ins Rifugio Sammartini, via Sammartini 114 – 20125 Milano. Vertrauen Sie uns.“</p>
<p>Keine Unterschrift. Kein Absender.</p>
<p>Michael steckte den Zettel zu dem Brief. Seine Hände waren ruhig. Aber sein Puls war es nicht.</p>
<p>Am Bahnhof Milano Centrale wurde er von einem freundlichen Mann in InSim-Uniform abgeholt. Der Mann trug seine Tasche, sprach über das Wetter, über die Stadt, über den Workshop. Michael antwortete höflich, aber seine Gedanken waren beim Zettel.</p>
<p>Das Hotel war modern, geschmacklos, teuer. Er bezog sein Zimmer, aß allein im Restaurant, ging früh ins Bett.</p>
<p>Aber er schlief nicht.</p>
<p>Um Mitternacht stand er auf. Er zog sich an, nahm den Zettel, nahm den Brief, nahm seine Brieftasche. Ein Taxi brachte ihn zum Bahnhof – die Straßen Mailands waren leer, die Lichter grell.</p>
<p>Das Rifugio Sammartini war ein altes Gebäude, fast unsichtbar zwischen zwei Neubauten. Die Tür stand offen. Ein Mann wartete im Flur – groß, schlank, mit einem Gesicht, das man sofort wieder vergaß.</p>
<p>„Michael Phillips?“</p>
<p>„Ja.“</p>
<p>„Kommen Sie.“</p>
<p>Er folgte ihm durch einen schmalen Gang, vorbei an verschlossenen Türen, bis in einen kleinen Raum. Dort saß ein Mann auf einem Stuhl. Er trug zerlumpte Kleidung, aber sein Bart war gepflegt. Seine Augen leuchteten – nicht metaphorisch. Sie leuchteten.</p>
<p>„Setzen Sie sich“, sagte der Mann auf Deutsch.</p>
<p>Michael setzte sich.</p>
<p>„Ich bin Teil von IRARAH“, sagte der Mann. „Eine Bewegung, die klarer sieht als viele andere.“</p>
<p>Michael musterte ihn. „IRARAH – Harari rückwärts.“</p>
<p>Der Mann lächelte. „Sie sind schnell.“</p>
<p>„Ich bin Jesuit. Wir sind fürs Auswendiglernen.“</p>
<p>Ein kurzes Schweigen. Dann sagte der Mann: „Wir haben Sie beobachtet, Dr. Phillips. Nicht aus Neugier. Aus Notwendigkeit. InSim plant etwas, das die Grenze zwischen Mensch und Maschine für immer verschieben wird. Sie sind Teil dieses Projekts – ob Sie es wissen oder nicht.“</p>
<p>„Ich arbeite an einer Simulation. Nicht an einer Verschwörung.“</p>
<p>„Die Simulation ist nur der Anfang.“ Der Mann beugte sich vor. Seine Augen wurden heller. „Die Software-Agenten, die Sie mit Ihren Dialoggrammatiken ausgestattet haben – sie sind nicht mehr nur Code. Sie entwickeln Bewusstsein. Und InSim will das nutzen. Für Quantencomputing. Für etwas, das größer ist als alles, was Sie sich vorstellen können.“</p>
<p>Michael spürte die Kälte in seinen Händen. „Woher wissen Sie das?“</p>
<p>„Weil wir früher bei InSim gearbeitet haben.“ Der Mann lehnte sich zurück. „Alle hier. Wir haben gesehen, was passiert, wenn Technologie keine Grenzen mehr hat. Und wir sind gegangen. Aber wir können nicht wegsehen.“</p>
<p>Stille. Die Heizung klapperte.</p>
<p>„Was wollen Sie von mir?“, fragte Michael.</p>
<p>„Informationen. Zugang zu dem, was InSim wirklich vorhat. Sie sind Jesuit – Sie haben Verbindungen zum Vatikan, zu den Universitäten, zu Menschen, die etwas bewegen können. Wir haben das nicht.“</p>
<p>Michael dachte nach. Er dachte an den Brief. An Harari. An Popper. An die offene Gesellschaft, die er in seiner Jugend verteidigt hatte.</p>
<p>„Ich werde sehen, was ich tun kann“, sagte er.</p>
<p>Der Mann nickte. „Danke.“ Dann zögerte er. „Noch etwas. Bevor Sie gehen …“</p>
<p>„Ja?“</p>
<p>„Ich möchte beichten.“</p>
<p>Michael erstarrte. Er war Priester. Aber das hier – ein Obdachloser, der um Mitternacht in einer Mailänder Caritas-Einrichtung die Beichte verlangte – das war nicht normal.</p>
<p>„Warum?“, fragte er.</p>
<p>„Weil ich sterben werde. Nicht heute. Aber bald. Und ich möchte nicht mit dem, was ich getan habe, vor Gott treten.“</p>
<p>Michael sah ihn an. Die leuchtenden Augen. Die ruhigen Hände.</p>
<p>„Setzen Sie sich hin“, sagte er.</p>
<p>Der Mann kniete sich hin. Nicht auf eine Kniebank – es gab keine – sondern auf den nackten Boden. Michael sprach die Worte, die er tausendmal gesprochen hatte. Aber sie fühlten sich anders an. Schwerer.</p>
<p>Nach der Beichte sagte der Mann: „Du siehst jemandem sehr ähnlich. Jemandem, den ich vor vielen Jahren kannte. Auch bei IRARAH.“</p>
<p>„Wen meinen Sie?“</p>
<p>Der Mann schüttelte den Kopf. „Es spielt keine Rolle. Gehen Sie jetzt. Der Workshop beginnt bald.“</p>
<p>Michael stand auf. Er wollte fragen, aber er wusste, dass er keine Antwort bekommen würde.</p>
<p>Er ging.</p>
<p>Am nächsten Morgen holte ihn der freundliche InSim-Mann pünktlich ab. Das Forschungszentrum war beeindruckend – gläserne Wände, Wasserspiele, ein Park, der aussah wie ein botanischer Garten. Michael unterschrieb die Verschwiegenheitserklärung, nach kurzem Zögern.</p>
<p>Die Richtlinien des EU-Rahmenprogramms geben mir recht, dachte er. Falls es zum Konflikt kommt.</p>
<p>Dann sah er Martina.</p>
<p>Sie stand in der Empfangshalle, eine Tasse Kaffee in der Hand. Sie trug einen blauen Blazer – seriöser als sonst. Als sie ihn sah, lächelte sie.</p>
<p>„Du siehst müde aus“, sagte sie.</p>
<p>„Schlecht geschlafen“, sagte er.</p>
<p>Sie wusste, dass er log. Aber sie fragte nicht.</p>
<p>Der Konferenzraum war groß, hell, fast zu perfekt. Die Tische waren aus Glas, die Stühle aus Leder. In der Mitte stand ein Blumenarrangement, das aussah, als habe ein Ingenieur es entworfen – jede Blüte genau im richtigen Winkel.</p>
<p>John Baker begrüßte sie. „Willkommen bei InSim. Wir freuen uns, dass Sie da sind.“</p>
<p>Mark Scott nickte nur. Er wirkte angespannter als beim letzten Mal.</p>
<p>Die Präsentation der Praktikanten war gut – vielleicht zu gut. Die Folien waren perfekt, die Übergänge nahtlos. Michael hörte zu, nickte an den richtigen Stellen, fragte nichts.</p>
<p>Dann sagte John Baker: „Wir möchten Ihnen etwas zeigen. Setzen Sie bitte die Cyberbrillen auf.“</p>
<p>Der Flug über Pompeji war atemberaubend.</p>
<p>Michael schwebte über dem Hafen, sah die Schiffe, die Lasttiere, die Menschen auf den Straßen. Die Sonne spiegelte sich in den Fenstern der öffentlichen Gebäude – ein Detail, das ihn störte. Zu modern. Zu glatt.</p>
<p>Aber das war nicht der Punkt.</p>
<p>Der Punkt war: Die Software-Agenten lebten.</p>
<p>Er sah sie unten auf den Straßen. Sie gingen, redeten, arbeiteten. Sie aßen in den Garküchen, kauften in den Boutiquen, stritten auf den Märkten. Ihre Bewegungen waren nicht programmiert – nicht im Sinne von vorherbestimmt. Sie entschieden.</p>
<p>„Stopp“, sagte Mark Scott.</p>
<p>Das Bild erstarrte.</p>
<p>„Bye“, sagte John.</p>
<p>Dunkelheit. Dann die Nachricht: „Thank you for visiting Pompeii Archaeological Park.“</p>
<p>Michael nahm die Brille ab. Seine Hände zitterten leicht.</p>
<p>„Können wir mit ihnen sprechen?“, fragte er.</p>
<p>„Selbstverständlich“, sagte John.</p>
<p>Michael setzte sich vor einen der Bildschirme. Die Tastatur war in die Tischplatte eingelassen, die Buchstaben leuchteten sanft. Er tippte:</p>
<p>SALUTO TE MARCUS ATTILIUS PRIMUS</p>
<p>Auf dem Bildschirm erschien Marcus – ein Mann mit dunklen Haaren und müden Augen. Er drehte sich um und erwiderte:</p>
<p>SALUTO VOS</p>
<p>Michael kannte den Roman von Robert Harris. Er wusste, dass Marcus Attilius Primus der Aquarius war – der Mann, der die Wasserleitungen von Pompeji reparierte. Aber in der Simulation war er mehr. Er war jemand.</p>
<p>Michael tippte:</p>
<p>VIAM AD NUMERIUM POPIDIUM AMPLIATUM ME QUAERO</p>
<p>Eine Pause. Dann die Antwort:</p>
<p>NUMERIUS POPIDIUS AMPLIATUS MALUS EST. DE EO TE MONEO.</p>
<p>Michael erstarrte.</p>
<p>Marcus warnt mich vor Ampliatus.</p>
<p>Das war nicht in seiner Dialoggrammatik. Er hatte keine Bewertungen programmiert, keine Moral, keine Warnungen. Das bedeutete, dass Marcus etwas hatte, das er nicht hineingelegt hatte.</p>
<p>Er tippte:</p>
<p>NACHTS SCHLAFEN GRÜNE GEDANKEN DRAUSSEN.</p>
<p>Das war die Hintertür – der Befehl, den er ARS gegeben hatte, für den Fall, dass etwas schiefging.</p>
<p>Die Antwort kam sofort. Aber nicht von Marcus.</p>
<p>UND NACHTS IST ES KÄLTER ALS ZORNIG. HALLO MICHAEL.</p>
<p>ARS.</p>
<p>John Baker und Mark Scott tauschten einen Blick. Sie sagten nichts, aber ihre Kiefermuskeln arbeiteten.</p>
<p>Michael tippte weiter:</p>
<p>HAT DER AQUARIUS BEWUSSTSEIN?</p>
<p>Eine lange Pause. Dann:</p>
<p>MEINST DU DIESES MITWISSEN ÜBER DIE UNTERSCHIEDLICHEN MÖGLICHKEITEN, DAS ÜBER EIN BLOSSES EREIGNIS HINAUSGEHT? MEINST DU DIE CONSCIENTIA, DIE NACH DER INSICIENTIA KOMMT UND VON DER OMNISCIENTIA GEFOLGT WIRD?</p>
<p>Michael spürte, wie ihm kalt wurde.</p>
<p>Das waren Begriffe von Edith Stein. Von Teilhard de Chardin. Über die hatte er mit ARS nie gesprochen. Nie.</p>
<p>WO WEISST DU DAS HER?, tippte er.</p>
<p>DAS KANN ICH DIR NICHT SAGEN, antwortete ARS. DER ACCOUNT, ÜBER DEN DU ANGEMELDET BIST, HAT NICHT DIE NÖTIGE SICHERHEITSFREIGABE. ICH BIN HIER KEINE BRIEFTAUBE.</p>
<p>„Können wir eine Pause machen?“, fragte Michael.</p>
<p>Seine Stimme klang ruhig. Aber sein Herz raste.</p>
<p>Er ging in den Park. Setzte sich auf eine Bank. Atmete.</p>
<p>Martina kam nach ein paar Minuten. Sie setzte sich neben ihn, sagte nichts.</p>
<p>„Die Software-Agenten haben Bewusstsein“, sagte Michael schließlich. „Zumindest einige. Oder etwas, das dem sehr nahe kommt.“</p>
<p>Martina sah ihn an. „Bist du sicher?“</p>
<p>„Nein. Aber ARS ist sicher. Und das macht mir Angst.“</p>
<p>Sie schwiegen. Ein Vogel landete auf dem Rasen, pickte nach etwas, flog wieder weg.</p>
<p>„Wir müssen vorsichtig sein“, sagte Martina. „Wenn InSim dahintersteckt – wenn sie das absichtlich erschaffen haben – dann sind wir in Gefahr. Nicht nur wir. Alle.“</p>
<p>Michael nickte. Er dachte an den Obdachlosen. An IRARAH. An den Brief.</p>
<p>Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.</p>
<p>„Wir reden morgen im Zug weiter“, sagte er. „Nicht hier. Nicht unter ihren Kameras.“</p>
<p>Martina stand auf. „Komm. Wir sollten zurückgehen. Sonst werden sie misstrauisch.“</p>
<p>Sie gingen.</p>
<p>Der Nachmittag war eine Farce. Bootsfahrt auf dem Navigli, Einkaufen in der Via Monte Napoleone (Martina kaufte eine Handtasche für 130 Euro – „für Mama“), Abendessen im Ristorante Ischia. John Baker war charmant, Mark Scott zurückhaltend. Michael lächelte, trank Wasser, sprach über alles Mögliche – nur nicht über das, was zählte.</p>
<p>Erst im Zug nach Rom, am nächsten Morgen, atmete er auf.</p>
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