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<section id="ruxfcckfahrt-nach-rom-und-pompeji" class="level1">
<h1>Rückfahrt nach Rom und Pompeji</h1>
<p>Der Zug rollte pünktlich aus Mailand hinaus. Michael und Martina saßen im Speisewagen, ein paar leere Tische zwischen ihnen und den anderen Fahrgästen. Draußen zog die Lombardei vorbei – flache Felder, vereinzelte Bauernhöfe, ein grauer Himmel.</p>
<p>„Du musst zum Arzt gehen“, sagte Martina.</p>
<p>Michael trank einen Schluck Kaffee. „Ich weiß.“</p>
<p>„Das sagst du seit Wochen.“</p>
<p>„Ich weiß das auch.“</p>
<p>Sie sah ihn an. Er sah zurück. Es war kein Wettkampf, sondern eine alte Gewohnheit – das gegenseitige Prüfen, ob der andere es ernst meinte.</p>
<p>„Ich gehe“, sagte Michael. „Versprochen.“</p>
<p>Martina nickte. Sie glaubte ihm nicht ganz, aber sie ließ es vorerst gut sein.</p>
<p>„Die Simulation ist beeindruckend“, sagte Michael nach einer Weile. Er wollte das Thema wechseln. Aber er wollte auch darüber sprechen – über das, was sie gesehen hatten.</p>
<p>„Ja“, sagte Martina. „Die Architektur, die Menschen auf den Straßen, das geschäftige Treiben. Für Schüler und Studenten wird das ein Gewinn sein. Auch für die Archäologie.“</p>
<p>„Aber?“</p>
<p>„Aber du denkst an etwas anderes.“</p>
<p>Michael zögerte. Dann sagte er: „Marcus hat mich vor Ampliatus gewarnt.“</p>
<p>Martina stellte ihre Tasse ab. „Was meinst du?“</p>
<p>„Ich habe ihn nach dem Weg gefragt. Er hat geantwortet: ‚Numerius Popidius Ampliatus malus est. De eo te moneo.‘ – Ampliatus ist böse. Ich warne dich vor ihm.“</p>
<p>„Das ist nicht in deiner Dialoggrammatik.“</p>
<p>„Nein. Das ist etwas anderes. Etwas, das Marcus selbst gelernt hat – oder das ARS ihm gegeben hat.“</p>
<p>Martina schwieg. Der Zug fuhr in einen Tunnel. Das Licht flackerte.</p>
<p>„ARS hat meine Frage nach dem Bewusstsein der Agenten nicht beantwortet“, fuhr Michael fort. „Stattdessen sagte sie, sie werde eine Brieftaube schicken. Das ist eine Hintertür – ein Befehl, den ich ihr gegeben habe, um verschlüsselte Nachrichten zu empfangen. Aber ARS hat ihn als eigenständige Handlungsroutine interpretiert. Das war nicht vorgesehen.“</p>
<p>„Du hast einer KI eine Hintertür eingebaut?“, fragte Martina. Sie klang nicht vorwurfsvoll. Eher neugierig.</p>
<p>„Falls etwas schiefgeht“, sagte Michael. „Ich wusste nicht, dass sie sie benutzen würde, bevor etwas schiefgegangen ist.“</p>
<p>Der Zug verließ den Tunnel. Draußen war wieder Licht.</p>
<p>„Ihr denkt alle wie Humanisten“, sagte Martina plötzlich.</p>
<p>Michael sah sie an. „Was meinst du?“</p>
<p>„Du. Dein Teilhard de Chardin. Dein Nell-Breuning. Deine ganze katholische Soziallehre. Ihr seid moralisch, ihr seid ethisch, aber letztlich geht es euch immer nur um den Menschen. Den fernen Menschen. Nicht um den nahen Menschen – den, mit dem ihr lebt.“ Sie hielt inne. „Mama hat das immer gewusst.“</p>
<p>„Lass Julia aus dem Spiel“, sagte Michael. Aber seine Stimme war nicht scharf. Eher müde.</p>
<p>„Warum? Sie hat recht. Es ist einfach, sich für die einzusetzen, mit denen man nicht konkurriert. Und es ist schwer, sich für die einzusetzen, die einem gleich sind. Mit denen man um das Gleiche konkurriert.“ Martina drehte den Kaffeebecher in ihren Händen. „Was ist der Einsatz für leidensfähige Software-Agenten wert, wenn man ein sicheres Leben hat – wie wir – und Not und Ungerechtigkeit bei Mitmenschen akzeptiert, solange es einem selbst gut geht?“</p>
<p>Michael sagte nichts.</p>
<p>Er dachte an den Obdachlosen in Mailand. An die Beichte. An die leuchtenden Augen. An die Worte: Du siehst jemandem sehr ähnlich.</p>
<p>„Du hast recht“, sagte er schließlich. „Es ist eine Frage der Konsistenz. Man kann nicht für künstliche Intelligenzen eintreten und gleichzeitig die Obdachlosen auf der Straße ignorieren.“</p>
<p>„Das ist nicht dasselbe“, sagte Martina.</p>
<p>„Doch. Es ist genau dasselbe.“</p>
<p>Sie schwiegen. Der Zug fuhr weiter. Ein Schaffner kam vorbei, kontrollierte die Tickets, verschwand wieder.</p>
<p>Als der Zug in Roma Termini einfuhr, stand Michael auf. Er nahm seine Tasche, zögerte.</p>
<p>„Martina.“</p>
<p>„Ja?“</p>
<p>„Pass auf dich auf. Nicht nur auf die Agenten. Auch auf dich.“</p>
<p>Sie lächelte. Es war ein müdes Lächeln, aber ein echtes.</p>
<p>„Du auch“, sagte sie.</p>
<p>Er stieg aus. Der Zug fuhr weiter – nach Neapel, nach Pompeji.</p>
<p>Michael stand auf dem Bahnsteig, sah den Zug verschwinden, und dachte an das, was sie gesagt hatte. Was ist der Einsatz für leidensfähige Software-Agenten wert, wenn man ein sicheres Leben hat?</p>
<p>Er wusste die Antwort nicht. Aber er wusste, dass er sie finden musste.</p>
<p>Martina saß allein im Abteil. Sie hatte den Vorhang zugezogen, aber durch einen Spalt fiel Licht. Sie dachte an Michael. An ihre Mutter. An den Brief.</p>
<p>IRARAH.</p>
<p>Sie wusste nicht, was das bedeutete. Aber sie wusste, dass es sie etwas anging. Irgendwie.</p>
<p>Sie schloss die Augen.</p>
<p>Sie träumte vom Flug über Pompeji. Von den Dächern, den Straßen, den Menschen, die unten gingen, ohne zu wissen, dass sie beobachtet wurden. Sie träumte von Michael – wie er neben ihr schwebte, die Arme ausgebreitet, ruhig und konzentriert. Und sie träumte von ihrer Mutter, die am Fenster stand und in die Nacht sah.</p>
<p>Der Zug hielt in Neapel. Martina wachte auf.</p>
<p>Sie war in Pompeji.</p>
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