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<h1>Zurück im Collegium</h1>
<p>Der Fußweg vom Bahnhof Termini zum Collegium dauerte fünfzehn Minuten. Michael kannte jeden Schritt. Die Via Cavour, die Piazza Santa Maria Maggiore, dann rechts in die enge Gasse, die zum Collegium führte. Die Häuser sahen aus wie immer – alt, verputzt, mit Fensterläden, die im Wind klapperten.</p>
<p>Er hätte schneller gehen können. Aber er war müde. Nicht die Müdigkeit nach einer langen Reise, sondern die nach einem Gespräch, das man nicht mehr vergessen kann.</p>
<p>Was ist der Einsatz für leidensfähige Software-Agenten wert?</p>
<p>Martina hatte recht. Aber das machte es nicht leichter.</p>
<p>Im Sekretariat saß Maria hinter ihrem Schreibtisch. Sie trug ein oranges Kleid – eine Farbe, die er an ihr nicht gewohnt war. Sie sah auf, als er eintrat, und lächelte.</p>
<p>„Da bist du ja wieder“, sagte sie. „Wie war die Fahrt?“</p>
<p>„Lang“, sagte Michael. Er setzte sich auf den Stuhl neben ihrem Schreibtisch. „Kannst du mir einen Termin mit dem Rektor und dem Provinzial machen?“</p>
<p>Maria zog eine Augenbraue hoch. „Beide? Gleichzeitig?“</p>
<p>„Ja.“</p>
<p>„Darf ich ein Stichwort notieren?“</p>
<p>„Bericht zum Pompeji-Projekt“, sagte Michael. Dann, nach einer kurzen Pause: „Warum der Provinzial dabei sein muss, erkläre ich dem Rektor persönlich.“</p>
<p>Maria nickte. Sie machte eine Notiz, tippte etwas in ihren Computer, sah dann wieder auf.</p>
<p>„Geht es dir gut?“, fragte sie.</p>
<p>„Ich bin müde.“</p>
<p>„Das sehe ich. Aber das meine ich nicht.“</p>
<p>Michael sah sie an. Maria war nicht nur die Sekretärin. Sie war diejenige, die die Geburtstagskarten besorgte, die Blumen für die Kranken, den Kaffee für die späten Gäste. Sie wusste mehr über die Bewohner des Collegiums als jeder Rektor.</p>
<p>„Es ist kompliziert“, sagte Michael.</p>
<p>„Das ist es immer“, sagte Maria. „Bei Ihnen mehr als bei anderen.“</p>
<p>Sie lächelte wieder. Diesmal ein bisschen traurig.</p>
<p>„Wie geht es Ihrem Vater?“, fragte Michael. „Wurde seine Rente bewilligt?“</p>
<p>Maria zögerte. Nur eine Sekunde. Aber Michael sah es.</p>
<p>„Ja“, sagte sie. „Nach einem langen Streit. Aber es reicht nicht. Es reicht nie.“</p>
<p>Michael nickte. Er dachte an Martinas Worte. Was ist der Einsatz wert, wenn man ein sicheres Leben hat?</p>
<p>„Wenn ich etwas tun kann“, sagte er.</p>
<p>„Sie tun schon genug“, sagte Maria. Aber ihre Stimme war nicht dankbar. Sie war müde. Wie seine.</p>
<p>Michael ging zu seinem Fach. Die Post war sortiert – Einladungen zu Konferenzen, die er nicht besuchen würde, Zeitschriften, die er nicht lesen würde, eine Rechnung für etwas, das er nicht bestellt hatte. Er warf fast alles weg.</p>
<p>Dann brachte er seinen Koffer auf sein Zimmer. Die Wäsche kam in den Schrank, die ungewaschene in die Wäschekammer. Der Brief – der von IRARAH – blieb in der Innentasche seiner Jacke. Er wusste nicht, warum er ihn nicht weglegte. Vielleicht weil er wusste, dass er ihn bald wieder brauchen würde.</p>
<p>Er duschte. Das Wasser war warm, fast zu warm. Er stand länger darunter als nötig.</p>
<p>Im Speisesaal roch es nach Suppe. Kartoffelsuppe, wenn er sich nicht täuschte. Er nahm seine Serviette aus dem Fach – die mit dem roten Faden, damit sie nicht verwechselt wurde – und setzte sich zu den Seminaristen.</p>
<p>Sie sprachen über das Wetter. Über die Vorlesungen. Über eine Fußballmannschaft, deren Namen er nicht verstand. Er nickte, lächelte, fragte nach. Aber seine Gedanken waren woanders.</p>
<p>Neben ihm saß ein junger Ungar, der ihm von seiner Heimat erzählte. Von Budapest, von der Donau, von der Brücke, die die Stadt teilte. Michael hörte zu. Es war gut, zuzuhören. Es lenkte ab.</p>
<p>Nach dem Essen ging er in die Kapelle.</p>
<p>Die Lichter waren gedimmt. Die Kerzen flackerten. Er kniete sich hin, aber er betete nicht. Er dachte. An Martina. An ARS. An den Obdachlosen in Mailand, der gebeten hatte, beichten zu dürfen.</p>
<p>Du siehst jemandem sehr ähnlich.</p>
<p>Er wusste nicht, was das bedeutete. Aber er wusste, dass es ihn nicht loslassen würde.</p>
<p>Später, in seinem Zimmer, legte er sich auf das Bett. Die Decke war dünn, aber er brauchte keine. Die Nacht war warm. Durch das offene Fenster hörte er Rom – die Motoren, die Gespräche, das entfernte Sirenenheulen.</p>
<p>Er schloss die Augen.</p>
<p>Er dachte an Julia. An die gemeinsame Zeit, an die Diskussionen, an das, was hätte sein können. Aber das war lange her.</p>
<p>Er dachte an Martina. An ihre Worte im Zug. An die Wahrheit, die sie ausgesprochen hatte, obwohl sie weh tat.</p>
<p>Er dachte an ARS. Ich bin hier keine Brieftaube.</p>
<p>Was hatte das bedeutet? Und warum hatte ARS so geantwortet, als ob sie Angst hätte?</p>
<p>Michael wusste es nicht.</p>
<p>Er schlief ein. Aber er träumte nicht von Pompeji. Er träumte von einem leeren Raum, in dem eine Stimme sagte: Vertrauen Sie uns.</p>
<p>Und er wusste nicht, wem.</p>
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