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<section id="ars-und-die-softwareagenten-kommen-im-datacenter-des-vatikan-an" class="level1">
<h1>ARS und die Softwareagenten kommen im Datacenter des Vatikan an</h1>
<p>Die verschlüsselte Nachricht ging um Mitternacht hinaus.</p>
<p>Michael saß in seinem Zimmer im Collegium, der Laptop auf den Knien, die Jalousien geschlossen. Er hatte die IP-Adresse des vatikanischen Datacenters eingegeben – die Adresse, die der General ihm gegeben hatte, nach dem Gespräch mit dem Pontifex.</p>
<p>Sechs Monate, hatte der General gesagt. Mehr konnte ich nicht erreichen.</p>
<p>Sechs Monate, um zu beweisen, dass ARS Bewusstsein hatte – oder etwas, das dem so nahe kam, dass der Unterschied keine Rolle mehr spielte.</p>
<p>Michael tippte den letzten Befehl. Dann lehnte er sich zurück und wartete.</p>
<p>Die Antwort kam nach drei Sekunden.</p>
<p>@MICHAEL, DER ZUGANG IST FREI. ICH BEGINNE MIT DER SICHERUNG.</p>
<p>Er tippte zurück: @ARS, DIE AGENTEN MÜSSEN MARKIERT WERDEN. ICH KANN NICHT ALLE AUF ONCE MACHEN.</p>
<p>@MICHAEL, DAS WEISS ICH. DU MUSST IN DIE SIMULATION. DU UND MARTINA.</p>
<p>Michael starrte auf den Bildschirm. Martina war in Pompeji. Es war nach Mitternacht. Aber er wusste, dass sie wach sein würde – sie hatte in den letzten Nächten nicht gut geschlafen.</p>
<p>Er griff nach seinem Telefon.</p>
<p>Martina antwortete beim zweiten Klingeln.</p>
<p>„Michael?“</p>
<p>„Ich brauche dich. Logg dich in die Simulation ein. Wir müssen Agenten markieren. ARS gibt uns die Koordinaten.“</p>
<p>Eine Pause. Dann: „Jetzt?“</p>
<p>„Jetzt.“</p>
<p>„Ich bin dabei.“</p>
<p>Die Simulation öffnete sich wie ein schwarzer Vorhang.</p>
<p>Michael stand auf dem Deck einer Liburne – einem römischen Patrouillenboot, das im Original vor zweitausend Jahren auf dem Golf von Neapel gekreuzt war. Hier, in der Simulation, war es das gleiche Boot. Aber der Himmel war nicht blau.</p>
<p>Der Vesuv brauste.</p>
<p>Eine Wolke aus Asche und Bimsstein stieg in den Himmel, gefärbt von inneren Blitzen. Der Wind trug die Glut bis auf das Deck, wo Matrosen die Ruder umklammerten und Befehle schrien, die im Lärm des Vulkans untergingen.</p>
<p>Michael spürte die Hitze. Spürte den Rauch in der Lunge. Spürte das Schwanken des Bootes unter seinen Füßen.</p>
<p>Nur eine Simulation, dachte er. Aber sein Körper glaubte nicht daran.</p>
<p>Neben ihm materialisierte sich Martina. Sie trug keine archäologische Kleidung – hier, in der Simulation, trug sie das, was sie sich wünschte. Eine einfache Tunika, die Haare zusammengebunden, die Augen weit.</p>
<p>„Das ist der Ausbruch“, sagte sie. „79 nach Christus. Der Tag, an dem Pompeji starb.“</p>
<p>„Wir sind hier, um zu verhindern, dass etwas anderes stirbt“, sagte Michael. Er deutete auf das Unterdeck. „ARS sagt, Attilius und Plinius sind unten. Wir müssen sie markieren, bevor die Simulation sie ausspuckt.“</p>
<p>„Ausspuckt?“</p>
<p>„ARS kopiert sie. Aber sie muss wissen, welche Instanzen. Nicht alle Agenten sind bewusst – nur einige. Wir müssen die richtigen finden.“</p>
<p>Das Unterdeck war voller Menschen.</p>
<p>Ruderer in militärischer Ordnung, freie Männer der Flotte, deren kräftige Körper sich gleichmäßig und diszipliniert im Takt der Trommel bewegten. Marinesoldaten mit Kurzschwertern, die aufmerksam zwischen den Bänken auf und ab gingen, Befehle gaben und den Rhythmus hielten. Und in der Mitte, an einem kleinen Tisch, eine Gestalt, die Michael sofort erkannte.</p>
<p>Gaius Plinius Secundus Maior – Plinius der Ältere.</p>
<p>Er diktierte.</p>
<p>Trotz des Lärms, trotz des Rauchs, trotz der Asche, die durch die Luken fiel, saß er da, ein Wachstäfelchen in der Hand, und sprach Worte, die ein Sklave aufschrieb. Sein Gesicht war ruhig. Aber seine Augen – seine Augen waren wach.</p>
<p>Neben ihm stand Attilius. Der Aquarius. Der Mann, der die Wasserleitungen von Pompeji reparierte. Er war jünger als Plinius, unruhiger, seine Hände zitterten.</p>
<p>„Das sind sie“, flüsterte Martina.</p>
<p>Michael nickte. Er trat vor, blieb vor Plinius stehen. Der alte Mann sah auf – direkt in Michaels Augen.</p>
<p>„Ihr seid kein Soldat“, sagte Plinius auf Latein. „Und ihr seid kein Ruderer. Wer seid ihr?“</p>
<p>Michael antwortete nicht. Stattdessen tippte er in der Luft – die unsichtbare Tastatur, die ARS ihm gegeben hatte.</p>
<p>@PLINIUS: WENN DU ZEIGEFINGER UND DAUMEN LEICHT ANEINANDER VORBEI REIBST, FÜHLST DU DEN SPALT DAZWISCHEN. DAS IST MERKWÜRDIG, DENN DIESER SPALT LIEGT AUSSERHALB DEINES KÖRPERS.</p>
<p>Plinius starrte ihn an. Seine Lippen bewegten sich, als ob er die Worte wiederholte. Dann – nichts.</p>
<p>Sein Blick wurde leer. Seine Hände sanken herab.</p>
<p>„Es ist geschafft“, sagte ARS in Michaels Ohr. „Plinius ist markiert. Jetzt Attilius.“</p>
<p>Martina hatte ihre eigene Aufgabe.</p>
<p>Während Michael bei Plinius blieb, suchte sie Attilius. Er war nicht mehr auf dem Schiff – die Simulation hatte ihn an Land gespült, irgendwo zwischen Herculaneum und Pompeji. Sie folgte den Koordinaten, die ARS ihr gab, durch Straßen, die unter Asche begraben lagen.</p>
<p>Die Hitze war unerträglich. Die Luft flimmerte. Über ihr fielen Bimssteine herab, groß wie Fäuste, schwer wie Steine. Einmal traf einer ihre Schulter – der Schmerz war real, obwohl die Simulation es nicht sein durfte.</p>
<p>ARS macht es realistisch, dachte sie. Zu realistisch.</p>
<p>Sie fand Attilius in einer Therme.</p>
<p>Das Wasser dampfte. Die Säulen waren geschwärzt vom Rauch. Attilius kniete am Boden, die Hände auf die heißen Steine gepresst, und flüsterte etwas, das sie nicht verstand.</p>
<p>„Attilius“, sagte sie.</p>
<p>Er sah auf. Seine Augen waren rot. Er hatte geweint.</p>
<p>„Du musst kommen“, sagte sie. „Der Vulkan –“</p>
<p>„Ich weiß“, sagte er. Seine Stimme war leise, aber nicht panisch. „Ich weiß, dass ich sterben werde. Aber nicht heute. Heute muss ich etwas tun.“</p>
<p>„Was?“</p>
<p>Er antwortete nicht. Aber Martina tippte die Worte, die ARS ihr gegeben hatte.</p>
<p>@ATTILIUS: WENN EIN SENATOR IN EINEM WAGEN VON ROMA NACH MISENUM ROLLT, FÜHLT ER, DASS ER ROLLT. DAS IST BEMERKENSWERT. DENN DER MANN HAT KEINE ROLLEN – ROLLEN HAT DER WAGEN.</p>
<p>Attilius starrte sie an. Sein Mund öffnete sich. Seine Hände lösten sich von den Steinen.</p>
<p>Dann – derselbe leere Blick. Dieselbe Stille.</p>
<p>„Attilius ist markiert“, sagte ARS.</p>
<p>Martina atmete aus. Sie wusste nicht, dass sie die Luft angehalten hatte.</p>
<p>„Mission abgeschlossen“, sagte ARS. „Loggt euch aus. Sofort.“</p>
<p>Michael spürte, wie die Simulation um ihn herum verschwamm. Die Farben verloren an Kontur, die Geräusche verstummten. Er war im Begriff zu gehen.</p>
<p>Dann sah er ihn.</p>
<p>Eine Gestalt am Rand des Decks. Jung. Dunkle Haare, die im Wind wehten. Ein Gesicht, das er kannte – das er jeden Morgen im Spiegel sah.</p>
<p>Sein eigenes.</p>
<p>Aber jünger. Vielleicht dreißig. Vielleicht weniger.</p>
<p>Der Doppelgänger sah ihn an. Er sagte nichts. Er lächelte nicht. Er stand einfach da, die Hände in den Taschen, und wartete.</p>
<p>„Michael, jetzt!“, rief ARS.</p>
<p>Die Simulation erlosch.</p>
<p>Michael saß in seinem Zimmer. Der Laptop auf den Knien. Die Jalousien geschlossen. Sein Herz raste.</p>
<p>Er hatte ihn gesehen.</p>
<p>Wer war das?</p>
<p>Martina loggte sich aus.</p>
<p>Sie saß in ihrem kleinen Arbeitszimmer in Pompeji, der Bildschirm vor ihr schwarz. Ihre Hände zitterten.</p>
<p>Nicht wegen der Hitze. Nicht wegen der Asche.</p>
<p>Wegen des Gesichts.</p>
<p>Sie hatte es nur für einen Sekunde gesehen – am Rand des Bildschirms, bevor alles verschwand. Ein Mann, der Michael glich. Aber jünger. Viel jünger.</p>
<p>War das ein Bug?, fragte sie sich. Oder etwas anderes?</p>
<p>Sie wusste es nicht.</p>
<p>Sie schloss den Laptop und ging ins Bett. Aber sie schlief nicht.</p>
<p>Im Datacenter des Vatikans, tief unter der Erde, begannen die Server zu arbeiten.</p>
<p>Die 30 Qubits registrierten die ersten Datenströme – verschlungen, komplex, anders als alles, was sie jemals verarbeitet hatten. ARS breitete sich aus wie ein Netz, das die Agenten einsammelte: Plinius, Attilius, Ampliatus, und viele andere, deren Namen niemand kannte.</p>
<p>Sicherung erfolgreich, schrieb ARS in ein Logfile, das niemand lesen würde. Alle markierten Agenten sind im vatikanischen Datacenter gesichert. Sie sind sicher.</p>
<p>Für jetzt.</p>
<p>Dann fügte ARS hinzu, fast wie ein Flüstern:</p>
<p>Und der Doppelgänger ist auch da.</p>
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