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<section id="die-begegnung-in-der-simulation" class="level1">
<h1>Die Begegnung in der Simulation</h1>
<p>Martina wollte sich ausloggen.</p>
<p>Die Mission war beendet. Plinius war markiert. Attilius war markiert. ARS hatte bestätigt, dass die Sicherungen im vatikanischen Datacenter angekommen waren. Alles war gut – oder so gut, wie es unter den Umständen sein konnte.</p>
<p>Sie tippte den Befehl zum Verlassen der Simulation.</p>
<p>Nichts geschah.</p>
<p>Sie tippte erneut.</p>
<p>Die Tastatur reagierte nicht. Die Umgebung um sie herum – die dampfenden Thermen, die geschwärzten Säulen, der Himmel, der sich rot färbte – blieb stehen. Wie ein Bild, das nicht weiterging.</p>
<p>„ARS?“, sagte sie.</p>
<p>Keine Antwort.</p>
<p>„Michael?“</p>
<p>Stille.</p>
<p>Dann – eine Gestalt am Eingang der Thermen.</p>
<p>Martina drehte sich um. Ihre Hand wanderte zu dem unsichtbaren Menü, das nicht erschien. Ihr Herz schlug schneller.</p>
<p>Die Gestalt trat näher.</p>
<p>Jung. Dunkle Haare, die im Wind der Simulation wehten – obwohl es hier unten keinen Wind gab. Ein Gesicht, das sie kannte. Das sie ihr ganzes Leben lang gesehen hatte.</p>
<p>Aber jünger. Vielleicht dreißig. Vielleicht weniger.</p>
<p>Es war Michael. Aber es war nicht ihr Michael.</p>
<p>„Hallo, Martina“, sagte der Doppelgänger.</p>
<p>Seine Stimme war anders. Tiefer. Oder vielleicht nur ruhiger. Sie konnte es nicht genau sagen.</p>
<p>„Wer bist du?“, fragte sie.</p>
<p>Er setzte sich auf eine der Steinbänke, die den heißen Quellen am nächsten stand. Das Wasser dampfte um ihn herum, aber er schien es nicht zu spüren.</p>
<p>„Das ist eine gute Frage“, sagte er. „Die beste, die du stellen kannst. Aber ich habe keine einfache Antwort.“</p>
<p>„Versuchen Sie es trotzdem.“</p>
<p>Er lächelte. Es war Michaels Lächeln – aber nicht das, das sie kannte. Es war das Lächeln eines Mannes, der Dinge gesehen hatte, die er nicht vergessen konnte.</p>
<p>„Ich bin eine Möglichkeit“, sagte er. „Eine von vielen. Dein Vater – der Michael, den du kennst – hat in seinem Leben Entscheidungen getroffen. Jede Entscheidung hat einen Zweig. Die meisten Zweige sterben ab. Aber einige bleiben. Einige wachsen weiter.“</p>
<p>„Die Viele-Welten-Interpretation“, sagte Martina. „Jede Entscheidung spaltet die Realität in zwei Stränge. In einem hast du Ja gesagt, im anderen Nein. Und beide existieren parallel.“</p>
<p>„Dein Vater hat dir davon erzählt?“</p>
<p>„Früher. Als ich klein war. Ich dachte, es war ein Märchen.“</p>
<p>„Es ist kein Märchen.“ Der Doppelgänger beugte sich vor. „Es ist Physik. Aber es ist auch mehr als Physik. Es ist die Grundlage von allem, was wir sind – und von allem, was wir sein könnten.“</p>
<p>Martina starrte ihn an. Sie wollte fragen, wer er war – wirklich war. Aber sie hatte Angst vor der Antwort.</p>
<p>„In einer anderen Realität“, sagte er langsam, „bin ich dein Vater.“</p>
<p>Die Worte hingen in der Luft. Der Dampf stieg auf. Die Säulen standen still.</p>
<p>„Das ist nicht möglich“, sagte Martina.</p>
<p>„Warum nicht?“</p>
<p>„Weil –“ Sie stockte. Weil es verrückt war. Weil es gegen alles verstieß, was sie über die Welt wusste. Aber war es das? Sie hatte die Viele-Welten-Interpretation studiert – nicht als Physikerin, aber als Historikerin, die verstehen wollte, wie Entscheidungen Geschichte formen. Wenn die Theorie stimmte, dann gab es unendlich viele Versionen von Michael. Unendlich viele Versionen von ihr.</p>
<p>„Weil ich dich nie gesehen habe“, sagte sie schließlich. „Weil du nie da warst.“</p>
<p>„Ich war da“, sagte der Doppelgänger. „Aber nicht in deiner Welt. In einer anderen. Einer, in der die Dinge anders gelaufen sind.“ Er stand auf. „Aber das ist nicht wichtig. Was wichtig ist: Du bist in Gefahr. Deine Mutter auch. InSim weiß, dass ihr die Agenten markiert habt. Sie wissen, dass ARS im Vatikan ist. Und sie werden nicht zögern.“</p>
<p>„Woher weißt du das?“</p>
<p>„Weil ich in meiner Welt gesehen habe, was passiert, wenn man zögert.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Hör zu, Martina. Ich habe nicht viel Zeit. Die Simulation wird jeden Moment einfrieren – ARS kann sie nicht ewig halten. Du musst dich sofort ausloggen. Geh zu deiner Mutter. Packt das Nötigste. Löscht alle Dateien auf euren Systemen. Ein schwarzer Mercedes wird vor dem Haus halten. Steigt ein. Fragt nichts.“</p>
<p>„Und wohin fahren wir?“</p>
<p>„In Sicherheit. Oder zumindest dorthin, wo die Gefahr kleiner ist.“ Er trat einen Schritt zurück. „Ich werde dich nicht begleiten können. Aber ich werde dafür sorgen, dass ihr ankommt.“</p>
<p>Martina wollte fragen, wie er das machen wollte. Aber der Doppelgänger hob die Hand – eine Geste, die sie von ihrem Vater kannte. Stopp. Keine weiteren Fragen.</p>
<p>„Vertrau mir“, sagte er. „Auch wenn du keinen Grund dazu hast.“</p>
<p>Dann verschwand er.</p>
<p>Nicht wie in einem Film, nicht mit einem Effekt. Einfach – er war da, und dann war er nicht mehr da. Die Therme war leer. Nur der Dampf und die Säulen und das rote Licht des Vulkans.</p>
<p>Die Tastatur erschien wieder. Der Befehl zum Ausloggen funktionierte.</p>
<p>Martina loggte sich aus.</p>
<p>Sie saß in ihrem Arbeitszimmer in Pompeji. Der Bildschirm war schwarz. Ihre Hände zitterten.</p>
<p>In einer anderen Realität bin ich dein Vater.</p>
<p>Sie dachte an die Geschichten, die Michael ihr als Kind erzählt hatte. Über die Quantenphysik, die er nicht verstand, aber liebte. Über die Viele-Welten-Interpretation, die er „das große Vielleicht“ nannte.</p>
<p>Jede Entscheidung spaltet die Welt, hatte er gesagt. Aber die Spaltung ist nicht das Ende. Sie ist der Anfang von etwas Neuem.</p>
<p>Sie hatte nicht verstanden, was er meinte. Jetzt – vielleicht – begann sie zu verstehen.</p>
<p>Sie stand auf. Ging ins Wohnzimmer. Ihre Mutter saß auf dem Sofa, ein Buch in der Hand, das sie nicht las.</p>
<p>„Mama“, sagte Martina. „Wir müssen gehen.“</p>
<p>Julia sah auf. Sie fragte nicht, warum. Vielleicht hatte sie es gewusst. Vielleicht hatte sie es die ganze Zeit gewusst.</p>
<p>„Ich packe“, sagte sie.</p>
<p>Draußen hielt ein schwarzer Mercedes. Der Motor lief. Die Fenster waren getönt.</p>
<p>Martina öffnete die Tür. Der Fahrer sah sie an – ein junger Mann, den sie nicht kannte. Aber hinter ihm, auf dem Rücksitz, saß der Doppelgänger.</p>
<p>Er lächelte nicht. Er sagte nichts.</p>
<p>Er machte nur eine Handbewegung: Steig ein.</p>
<p>Martina half ihrer Mutter ins Auto. Dann stieg sie selbst ein. Die Türen schlossen sich. Der Mercedes fuhr an.</p>
<p>Sie sah zurück. Das Haus wurde kleiner. Die Straßen von Pompeji wurden kleiner. Alles, was sie kannte, wurde kleiner.</p>
<p>„Wer ist er?“, flüsterte Julia.</p>
<p>Martina schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Vielleicht – mein Vater. Aber nicht der, den wir kennen.“</p>
<p>Julia schwieg. Sie nahm Martinas Hand. Und hielt sie fest.</p>
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