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<section id="flucht-aus-pompeji" class="level1">
<h1>Flucht aus Pompeji</h1>
<p>Der Mercedes rollte durch die engen Gassen von Pompeji.</p>
<p>Die Stadt lag still unter der Nacht. Die Laternen warfen orangefarbenes Licht auf die kopfsteingepflasterten Straßen. Hier und da standen Touristen, die den Abend in einer Bar ausklingen ließen, oder ein Paar, das Hand in Hand nach Hause ging. Alles wirkte normal.</p>
<p>Aber nichts war normal.</p>
<p>Martina saß auf dem Rücksitz, die Hand ihrer Mutter in ihrer. Der Doppelgänger war verschwunden – ausgestiegen, bevor der Wagen anfuhr, mit den Worten: „Ich bin gleich da. Fahrt schon mal vor.“ Sie hatte nicht gesehen, wohin er ging.</p>
<p>Jetzt saß ein fremder Fahrer am Steuer. Ein junger Mann, dunkle Haare, Sonnenbrille – mitten in der Nacht. Er sprach kein Wort. Er fuhr schnell, aber nicht zu schnell. Kontrolliert.</p>
<p>„Wer ist er?“, flüsterte Julia zum dritten Mal.</p>
<p>„Ich weiß es nicht“, sagte Martina zum dritten Mal.</p>
<p>Aber sie wusste etwas. Sie wusste, dass er ihr Leben gerettet hatte – oder zumindest versuchte, es zu retten. Und sie wusste, dass er aussah wie ihr Vater. Nur jünger. Viel jünger.</p>
<p>Der Fahrer bog scharf nach rechts.</p>
<p>„Festhalten“, sagte er. Seine Stimme war ruhig, aber seine Hände am Steuer waren weiß.</p>
<p>Martina sah zurück. Ein schwarzer SUV war aufgetaucht – aus dem Nichts, wie ein Raubtier, das aus dem Dunkel springt. Seine Scheinwerfer blendeten. Er kam näher. Schnell.</p>
<p>„Wer ist das?“, fragte Julia.</p>
<p>„InSim“, sagte der Fahrer. „Oder die, die für sie arbeiten. Es ist egal. Halten Sie sich fest.“</p>
<p>Er trat aufs Gas.</p>
<p>Der Mercedes beschleunigte, die Gassen wurden weiter, die Häuser verschwammen. Martina spürte die G-Kräfte, die sie in den Sitz pressten. Julia keuchte.</p>
<p>Der SUV war dicht hinter ihnen. Martina konnte die Konturen des Fahrers erkennen – eine dunkle Silhouette, unbeweglich. Wie ein Jäger, der sicher war, dass seine Beute nicht entkommen würde.</p>
<p>„Er holt auf“, sagte Martina.</p>
<p>„Ich sehe ihn.“</p>
<p>Der Fahrer riss das Steuer herum. Der Mercedes schlingerte, die Reifen quietschten, dann geradeaus, in eine schmale Gasse, die kaum breiter war als der Wagen selbst. Spiegel klappten ein – automatisch, als ob der Wagen wüsste, was von ihm verlangt wurde.</p>
<p>Der SUV folgte. Aber er war breiter. Seine Spiegel blieben an den Hauswänden hängen – ein Kratzen, ein Splittern, dann war er zurückgefallen.</p>
<p>„Das hält ihn nicht auf“, sagte der Fahrer. „Nur für ein paar Sekunden.“</p>
<p>Er hatte recht.</p>
<p>Der SUV tauchte wieder auf – ohne Spiegel, mit zerkratztem Lack, aber unerbittlich. Er war näher als zuvor.</p>
<p>„Da vorne“, sagte der Fahrer und deutete auf eine Kreuzung.</p>
<p>Martina sah eine Ampel – rot. Aber der Fahrer bremste nicht. Er fuhr hindurch, als ob die Farbe keine Bedeutung hätte.</p>
<p>Ein anderer Wagen kreuzte ihre Spur. Der Fahrer riss das Steuer herum, der Mercedes tanzte auf der Straße, dann wieder geradeaus. Der andere Wagen hupte, aber das Geräusch verhallte hinter ihnen.</p>
<p>„Das war knapp“, sagte Julia. Ihre Stimme zitterte.</p>
<p>„Das wird nicht das letzte Mal sein“, sagte der Fahrer.</p>
<p>Der SUV war immer noch da. Aber er war langsamer geworden – nicht viel, aber spürbar. Vielleicht hatte der Fahrer Angst vor einer weiteren riskanten Kreuzung. Vielleicht hatte er einen Funken Vernunft.</p>
<p>Der Fahrer des Mercedes nutzte den Abstand. Er bog links ab, dann rechts, dann links – ein Labyrinth aus Gassen, die Martina nicht kannte. Die Stadt war nachts ein anderer Ort. Unheimlicher. Unberechenbarer.</p>
<p>Dann – Stille.</p>
<p>Der SUV war verschwunden.</p>
<p>„Nicht für lange“, sagte der Fahrer. „Aber vielleicht lange genug.“</p>
<p>Sie erreichten einen kleinen, fast verlassenen Flughafen am Rande der Stadt.</p>
<p>Ein Privatflugzeug stand auf dem Rollfeld, die Treppe heruntergelassen, die Turbinen leise summend. Der Vesuv erhob sich dunkel am Horizont – eine schwarze Wand gegen den Sternenhimmel.</p>
<p>Der Fahrer hielt vor der Treppe. „Aussteigen“, sagte er. „Schnell.“</p>
<p>Martina half ihrer Mutter aus dem Wagen. Julia war blass, aber sie stand fest. Ihre Hand zitterte, aber sie ließ Martinas Hand nicht los.</p>
<p>„Wer ist er?“, fragte sie wieder.</p>
<p>Martina sah sich um. Der Doppelgänger stand am Fuß der Treppe. Er hatte sie erwartet. Sein Gesicht war ruhig, aber seine Augen – seine Augen waren wach.</p>
<p>„Das ist die Frage“, sagte Martina leise. „Ich glaube – ich glaube, er ist mein Vater. Aber nicht der, den wir kennen. Ein anderer. Aus einer anderen Welt.“</p>
<p>Julia starrte sie an. „Das ist verrückt.“</p>
<p>„Ja“, sagte Martina. „Aber es ist wahr.“</p>
<p>Der Doppelgänger trat näher.</p>
<p>„Keine Zeit für Erklärungen“, sagte er. „Das Flugzeug wartet. Es bringt euch nach Deutschland. In ein Kloster. Dort seid ihr sicher – vorerst.“</p>
<p>„Und du?“, fragte Martina.</p>
<p>„Ich bleibe hier. Ich muss etwas erledigen.“ Er lächelte – ein flüchtiges, trauriges Lächeln. „Wir sehen uns wieder. Versprochen.“</p>
<p>Er half Julia die Treppe hinauf. Martina folgte. Im Flugzeug war es warm, die Sitze waren weich, die Fenster waren klein. Es roch nach Leder und Kerosin.</p>
<p>Der Doppelgänger blieb unten stehen. Er sah zu ihnen auf.</p>
<p>„Pass auf sie auf“, sagte er zu Martina. „Auf deine Mutter. Und auf dich.“</p>
<p>Dann drehte er sich um und ging.</p>
<p>Die Tür schloss sich. Die Turbinen heulten auf. Das Flugzeug rollte.</p>
<p>Martina sah durch das Fenster. Der Doppelgänger wurde kleiner – eine Gestalt im Dunkeln, die nicht zurückblickte. Dann war er verschwunden.</p>
<p>„Wer war das wirklich?“, flüsterte Julia.</p>
<p>Martina schüttelte den Kopf. „Vielleicht werden wir es nie erfahren. Vielleicht ist das nicht die Frage.“</p>
<p>„Was ist dann die Frage?“</p>
<p>„Ob wir ihm vertrauen können. Und ob das reicht.“</p>
<p>Das Flugzeug hob ab. Pompeji lag unter ihnen – tausend Lichter, die in der Nacht flimmerten. Der Vesuv war ein Schatten, größer als die Stadt.</p>
<p>Martina dachte an den Doppelgänger. An seine Worte. An sein Gesicht.</p>
<p>In einer anderen Realität bin ich dein Vater.</p>
<p>Sie wusste nicht, ob es stimmte. Aber sie wusste, dass sie ihm vertraute. Vielleicht weil sie keine Wahl hatte. Vielleicht weil sie es spürte – tief in sich, dort, wo das Wissen aufhörte und der Glaube begann.</p>
<p>Julia nahm ihre Hand.</p>
<p>„Wir schaffen das“, sagte sie.</p>
<p>Martina nickte. Sie sagte nichts. Sie sah aus dem Fenster, bis die Lichter von Pompeji verschwunden waren und nur noch Dunkelheit blieb.</p>
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