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<h1>Flug nach Deutschland</h1>
<p>Der Flug war ruhig.</p>
<p>Zu ruhig.</p>
<p>Die Turbinen summten gleichmäßig, die Klimaanlage blies kühle Luft durch die Kabine, und draußen, unter ihnen, lag die Dunkelheit der Alpen wie ein schwarzer Teppich. Martina saß am Fenster, die Stirn gegen das kühle Glas gepresst, und starrte in die Leere.</p>
<p>Julia saß neben ihr. Sie hatte die Augen geschlossen, aber sie schlief nicht. Ihre Finger trommelten einen leichten, unregelmäßigen Rhythmus auf die Armlehne – ein altes Zeichen von Anspannung, das Martina seit ihrer Kindheit kannte.</p>
<p>„Mama“, sagte Martina leise.</p>
<p>Julia öffnete die Augen. „Ja?“</p>
<p>„Ich muss dir etwas sagen.“</p>
<p>Julia drehte den Kopf. Ihr Blick war ruhig, aber ihre Augen – ihre Augen waren wach. Sie wusste, dass etwas kam. Vielleicht hatte sie es die ganze Zeit gewusst.</p>
<p>„Ich habe ihn schon einmal gesehen“, sagte Martina. „In der Simulation. Bevor wir geflohen sind.“</p>
<p>Julia runzelte die Stirn. „Wen?“</p>
<p>„Den Doppelgänger. Er war da – in der Simulation. Er hat mit mir gesprochen. Er hat mir gesagt, dass wir fliehen müssen. Dass InSim uns finden würde. Dass ein schwarzer Mercedes kommen würde.“ Sie hielt inne. „Er wusste alles.“</p>
<p>Julia schwieg. Die Turbinen summten.</p>
<p>„Er hat etwas gesagt“, fuhr Martina fort. „Etwas Seltsames. Er meinte, in einer anderen Realität könnte er mein Vater sein.“</p>
<p>Die Worte hingen im Raum. Die Klimaanlage blies. Draußen zogen die Wolken vorbei – weiße Flecken im Schwarz der Nacht.</p>
<p>„Das ist nicht möglich“, sagte Julia schließlich. Aber ihre Stimme klang nicht überzeugt. Eher wie jemand, der etwas laut ausspricht, um es sich selbst zu glauben.</p>
<p>„Ich weiß“, sagte Martina. „Aber er sieht aus wie Papa. Nur jünger. Viel jünger. Und er weiß Dinge, die nur Papa wissen kann – oder jemand, der ihm sehr nahe steht.“</p>
<p>„Vielleicht ist er ein Sohn“, sagte Julia.</p>
<p>Martina erstarrte. „Was?“</p>
<p>„Ein Sohn. Er hatte ein Leben vor dem Collegium. Vor mir. Vielleicht – vielleicht gibt es jemanden, von dem wir nichts wissen.“</p>
<p>Martina schüttelte den Kopf. „Das wäre er dann aber nicht. Ein Sohn wäre jünger – aber nicht so viel jünger. Er wäre vielleicht Mitte zwanzig. Aber dieser Mann – der ist um die dreißig. Das passt nicht.“</p>
<p>„Dann ist er vielleicht etwas anderes“, sagte Julia. „Etwas, das wir nicht verstehen.“</p>
<p>Sie schwiegen.</p>
<p>Martina dachte an die Viele-Welten-Interpretation. An das, was Michael ihr als Kind erzählt hatte. Jede Entscheidung spaltet die Welt. Und alle Welten existieren gleichzeitig – nebeneinander, übereinander, durcheinander.</p>
<p>Sie hatte es nie ganz verstanden. Aber jetzt – jetzt begann sie zu ahnen, was es bedeuten könnte.</p>
<p>In einer anderen Welt, dachte sie, hat mein Vater anders entschieden. In einer anderen Welt ist er bei meiner Mutter geblieben. In einer anderen Welt bin ich anders aufgewachsen – oder gar nicht geboren.</p>
<p>Und in einer dieser Welten gibt es einen Michael, der jung geblieben ist. Oder der nie alt geworden ist. Oder der –</p>
<p>Sie hielt inne. Ihre Gedanken überschlugen sich.</p>
<p>„Was, wenn es wahr ist?“, sagte sie laut. „Was, wenn es wirklich andere Welten gibt? Und er – er ist einfach ein anderer Michael? Nicht mein Vater, aber auch nicht nicht mein Vater?“</p>
<p>Julia sah sie an. „Das verstehe ich nicht.“</p>
<p>„Ich auch nicht“, sagte Martina. „Aber vielleicht muss ich es nicht verstehen. Vielleicht reicht es zu wissen, dass er uns gerettet hat. Dass er auf unserer Seite ist.“</p>
<p>„Woher weißt du das?“</p>
<p>„Weil er hätte anders handeln können. Er hätte uns im Stich lassen können. Er hätte mit InSim zusammenarbeiten können. Aber er hat uns gewarnt. Er hat uns den Mercedes geschickt. Er hat das Flugzeug organisiert.“ Martina sah ihre Mutter an. „Das sind keine Taten eines Feindes.“</p>
<p>Julia schwieg einen langen Moment. Dann sagte sie: „Vielleicht hast du recht. Vielleicht ist die Herkunft nicht wichtig. Vielleicht zählt nur, was er tut.“</p>
<p>„Das klingt sehr weise“, sagte Martina.</p>
<p>„Das klingt nach einer Mutter, die zu müde ist, um weiter nachzudenken“, sagte Julia. Aber sie lächelte. Es war ein müdes Lächeln, aber ein echtes.</p>
<p>Der Flug dauerte anderthalb Stunden.</p>
<p>Martina schlief nicht. Sie starrte aus dem Fenster, sah die Lichter deutscher Städte unter sich auftauchen – Frankfurt, dann eine kleinere Stadt, deren Namen sie nicht erkannte, dann ländliche Gegenden, in denen die Dunkelheit fast vollständig war.</p>
<p>Irgendwo da unten war das Kloster. Irgendwo da unten wartete Sicherheit – oder das, was sie dafür hielten.</p>
<p>Sie dachte an Michael. An den echten Michael – den, der in Rom war, der nichts von ihrer Flucht wusste, der vielleicht in seinem Büro an der Gregoriana saß und auf eine Nachricht wartete, die nicht kam.</p>
<p>Bald, dachte sie. Bald rufe ich ihn an.</p>
<p>Aber nicht jetzt. Jetzt mussten sie erst ankommen.</p>
<p>„Wir landen in zehn Minuten“, sagte der Pilot über die Bordsprechanlage. Seine Stimme war ruhig, fast gelangweilt – als ob es das Normalste der Welt wäre, nachts zwei Frauen in einem Privatflugzeug nach Deutschland zu fliegen.</p>
<p>„Wer ist das?“, fragte Julia. „Der Pilot?“</p>
<p>„Keine Ahnung“, sagte Martina. „Aber er arbeitet für den Doppelgänger. Das reicht mir.“</p>
<p>Der Sinkflug begann. Martins Magen zog sich zusammen – nicht wegen des Fluges, sondern wegen dessen, was unten auf sie wartete. Ein Kloster. Nonnen. Stille. Und die Frage, wie lange sie dort bleiben konnten, bevor InSim sie wieder fand.</p>
<p>Das Flugzeug setzte auf. Sanft. Fast lautlos. Die Räder quietschten kurz, dann rollten sie über das dunkle Rollfeld.</p>
<p>„Willkommen in Deutschland“, sagte der Pilot. „Bitte verlassen Sie das Flugzeug über die hintere Treppe. Ein Wagen wartet.“</p>
<p>Martina half ihrer Mutter die Treppe hinunter.</p>
<p>Die Nachtluft war kalt – viel kälter als in Italien. Der Wind blies ihnen ins Gesicht, roch nach Gras und feuchter Erde. Kein Meer. Keine Zitronenbäume. Nur Felder, so weit das Auge reichte.</p>
<p>Ein schwarzer Wagen stand auf dem Rollfeld. Kein Mercedes diesmal – ein unscheinbarer VW, grau, mit getönten Scheiben. Der Fahrer stieg aus. Ein Mann in ziviler Kleidung, der nicht lächelte.</p>
<p>„Julia Rossi? Martina Rossi?“, fragte er.</p>
<p>„Ja“, sagte Martina.</p>
<p>„Steigen Sie ein. Ich bringe Sie zum Kloster.“</p>
<p>Sie stiegen ein. Der Wagen fuhr an. Die Lichter des Flughafens verschwanden hinter ihnen.</p>
<p>Martina sah zurück. Das Flugzeug stand noch auf dem Rollfeld, dunkel und still. Gleich würde es wieder starten – zurück nach Italien, zurück in die Nacht, aus der sie gekommen waren.</p>
<p>Sie wusste nicht, wer der Pilot war. Sie wusste nicht, wer den Wagen bezahlt hatte. Sie wusste nicht, ob der Doppelgänger wirklich auf ihrer Seite war oder ob er nur ein ausgeklügelteres Spiel spielte.</p>
<p>Aber sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte.</p>
<p>Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.</p>
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