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<section id="ankunft-im-kloster-in-deutschland" class="level1">
<h1>Ankunft im Kloster in Deutschland</h1>
<p>Das Kloster lag im Dunkeln.</p>
<p>Der Wagen hielt vor einer hohen Mauer aus rotem Backstein. Kein Schild, kein Name, kein Hinweis darauf, was sich dahinter verbarg. Nur eine schwere Holztür, die in der Nacht fast schwarz wirkte, und ein Licht über dem Eingang, das schwach gegen die Dunkelheit kämpfte.</p>
<p>„Wir sind da“, sagte der Fahrer.</p>
<p>Er stieg aus, öffnete die hintere Tür. Martina half Julia heraus. Die Luft war kalt – nicht die Kälte Italiens, die weich und feucht war, sondern eine deutsche Kälte, trocken und schneidend. Martina zog ihre Jacke enger.</p>
<p>Der Fahrer klopfte an die Tür. Drei Mal. Kurz. Lang. Kurz.</p>
<p>Ein Signal.</p>
<p>Die Tür öffnete sich. Eine Gestalt stand im Türrahmen – klein, in einen dunklen Mantel gehüllt. Das Gesicht war im Schatten, aber die Stimme war freundlich.</p>
<p>„Kommen Sie schnell herein. Es ist kalt.“</p>
<p>Im Inneren war es still.</p>
<p>Die Gänge waren schmal, die Decken gewölbt, die Wände aus nacktem Stein. Hier und da brannte eine Kerze in einer Nische, vor einer Madonnenfigur oder einem Kreuz. Der Boden war aus Holz, knarrte unter ihren Schritten.</p>
<p>„Folgen Sie mir“, sagte die Gestalt – eine Frau, wie Martina jetzt sah. Graue Haare, die unter einem Schleier hervorschauten. Ein schmales Gesicht, das von vielen Jahren des Schweigens gezeichnet war.</p>
<p>Sie gingen durch einen langen Flur, vorbei an verschlossenen Türen, vorbei an einem Innenhof, in dem ein Brunnen stand – still, im Winter abgestellt. Dann eine Treppe, schmal und steil. Oben ein weiterer Flur, kürzer diesmal, mit zwei Türen.</p>
<p>„Ihre Zimmer“, sagte die Nonne. „Es ist nicht viel. Aber es ist warm. Und sicher.“</p>
<p>Sie öffnete die erste Tür. Ein kleiner Raum – ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Kruzifix an der Wand. Ein Fenster, das in die Dunkelheit blickte.</p>
<p>„Das andere Zimmer ist genauso“, sagte die Nonne. „Morgen früh gibt es Frühstück um sieben. Wenn Sie etwas brauchen – es ist eine Glocke am Ende des Flurs.“ Sie zögerte. „Die meiste Zeit sind wir allein hier. Das Kloster wird aufgelöst. Aber für ein paar Tage – oder Wochen – können Sie bleiben.“</p>
<p>„Danke“, sagte Martina.</p>
<p>Die Nonne nickte. Dann ging sie. Ihre Schritte verhallten auf dem Holzboden.</p>
<p>Martina half ihrer Mutter ins Zimmer. Julia setzte sich auf das Bett – die Matratze war dünn, aber sie gab nicht nach.</p>
<p>„Es ist wie früher“, sagte Julia leise. „In meiner Kindheit. Die Nonnen, die Stille, der Geruch von Wachs und altem Holz.“</p>
<p>„Ist das gut?“, fragte Martina.</p>
<p>„Ich weiß es nicht.“ Julia sah sich um. „Es ist vertraut. Das muss reichen.“</p>
<p>Martina wollte etwas sagen – etwas Tröstendes, etwas Aufbauendes. Aber sie fand die Worte nicht. Also setzte sie sich neben ihre Mutter, nahm ihre Hand, und sie schwiegen zusammen.</p>
<p>Später, in ihrem eigenen Zimmer, lag Martina auf dem Bett.</p>
<p>Sie hatte die Kleider nicht ausgezogen. Sie wusste nicht, ob sie schlafen konnte – aber sie wusste, dass sie es versuchen musste. Morgen würde ein neuer Tag beginnen. Morgen würde sie Michael anrufen. Morgen würde sie herausfinden, wie es weiterging.</p>
<p>Aber jetzt – jetzt war nur dieses Zimmer. Dieses Bett. Diese Stille.</p>
<p>Sie dachte an den Doppelgänger. An sein Gesicht im Dunkeln des Flughafens. An seine Worte: Pass auf sie auf. Auf deine Mutter. Und auf dich.</p>
<p>Sie hatte versprochen, aufzupassen. Aber sie wusste nicht, wie.</p>
<p>Sie schloss die Augen.</p>
<p>Der Wind blies um das Kloster. Die Bäume draußen rauschten. Irgendwo schlug eine Turmuhr – Mitternacht.</p>
<p>Martina schlief ein.</p>
<p>Am nächsten Morgen weckte sie das Licht.</p>
<p>Es fiel durch das Fenster – blass, deutsch, von Wolken gefiltert. Kein italienisches Licht, das golden und warm war. Sondern ein Licht, das durch Nebel brach und alles weich zeichnete.</p>
<p>Sie stand auf, wusch sich mit kaltem Wasser aus der Kanne auf dem Tisch. Zog einen Kamm durch ihre Haare. Atmete tief durch.</p>
<p>Dann ging sie zu Julia.</p>
<p>Ihre Mutter saß schon am Fenster, eine Tasse in der Hand – woher sie kam, wusste Martina nicht. Vielleicht hatte die Nonne sie gebracht, während sie schlief.</p>
<p>„Guten Morgen“, sagte Julia.</p>
<p>„Guten Morgen“, sagte Martina.</p>
<p>Sie saßen eine Weile schweigend. Draußen zogen Wolken vorbei. Ein Vogel sang – irgendwo in den Bäumen, die das Kloster umgaben.</p>
<p>„Was machen wir jetzt?“, fragte Julia.</p>
<p>„Ich rufe Michael an“, sagte Martina. „Er muss wissen, dass wir sicher sind. Und er muss wissen – vom Doppelgänger.“</p>
<p>„Glaubst du, er weiß schon davon?“</p>
<p>Martina zögerte. „Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber er wird es erfahren müssen. Früher oder später.“</p>
<p>Julia nickte. „Dann ruf ihn an.“</p>
<p>Martina ging in den Flur. Die Glocke am Ende – sie war für Notfälle, nicht für Telefonate. Aber es gab ein Büro im Erdgeschoss, hatte die Nonne gesagt. Mit einem Telefon, das noch funktionierte.</p>
<p>Sie ging die Treppe hinunter, durch den stillen Flur, an der Madonnenfigur vorbei. Das Büro war klein, dunkel, roch nach Staub und alten Akten. Auf dem Tisch stand ein schwarzes Telefon – ein altes Modell, mit Wählscheibe.</p>
<p>Martina setzte sich. Sie wählte die Nummer, die sie auswendig kannte.</p>
<p>Es klingelte. Einmal. Zweimal. Drei Mal.</p>
<p>„Michael Phillips?“</p>
<p>Sie erkannte die Stimme sofort. Ruhig. Wach. Ein bisschen müde.</p>
<p>„Michael“, sagte sie. „Ich bin’s, Martina.“</p>
<p>Eine Pause.</p>
<p>„Martina – wo bist du? Ich habe versucht, dich zu erreichen. Die ganze Nacht. Dein Handy –“</p>
<p>„Ist ausgeschaltet. InSim weiß, was wir getan haben. Wir mussten fliehen.“</p>
<p>Eine längere Pause. Martina hörte ihn atmen.</p>
<p>„Bist du in Sicherheit?“, fragte er schließlich.</p>
<p>„Ja. Wir sind in einem Kloster in Deutschland. Ich kann dir nicht sagen, wo – nicht am Telefon. Aber es ist sicher. Vorerst.“</p>
<p>„Und Julia?“</p>
<p>„Es geht ihr gut. Sie ist müde. Aber sie ist da.“</p>
<p>„Gott sei Dank.“ Michael atmete aus. „Martina – wer hat euch da rausgeholt? Wer hat euch nach Deutschland gebracht?“</p>
<p>Martina schloss die Augen. Sie wusste, dass diese Frage kommen würde. Sie wusste, dass sie sie beantworten musste.</p>
<p>„Ein Mann“, sagte sie. „Er sieht aus wie du. Genau wie du. Aber jünger. Vielleicht dreißig.“</p>
<p>Stille.</p>
<p>„Michael? Bist du noch da?“</p>
<p>„Ja“, sagte er. Seine Stimme war leise. „Ich bin noch da.“</p>
<p>„Weißt du, wer das ist?“</p>
<p>Eine lange Pause. Martina hörte das Knistern der Leitung.</p>
<p>„Ich weiß es nicht“, sagte Michael schließlich. „Aber ich glaube, ich werde es herausfinden müssen.“</p>
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