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<section id="epilog-die-nachricht-von-ars" class="level1">
<h1>Epilog – Die Nachricht von ARS</h1>
<p>Michael saß in seinem Zimmer im Collegium.</p>
<p>Die Fenster waren zu, die Heizung surrte leise, und auf seinem Schreibtisch stand eine kalte Tasse Kaffee, die er vor Stunden vergessen hatte. Draußen war Nacht – wieder einmal. Er hatte den Überblick verloren, wie viele Nächte er schon wach gesessen hatte, seit Martina ihn angerufen hatte.</p>
<p>Er sieht aus wie du. Genau wie du. Aber jünger.</p>
<p>Er hatte sie nicht gefragt, ob sie sich sicher war. Er wusste, dass sie sich sicher war. Martina übertrieb nicht. Martina sah genau hin.</p>
<p>Aber wer war dieser Mann?</p>
<p>Michael öffnete die Schublade seines Schreibtischs. Der Brief von IRARAH lag noch da – die Ränder waren inzwischen weich vom vielen Lesen. Er nahm ihn heraus, legte ihn vor sich auf den Tisch.</p>
<p>Harari ist ein Warner.</p>
<p>Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.</p>
<p>Er hatte den Brief inzwischen auswendig gelernt. Aber er hatte noch nicht verstanden, was er mit dem Doppelgänger zu tun hatte – oder ob er überhaupt etwas mit ihm zu tun hatte.</p>
<p>Vielleicht war es Zufall. Vielleicht nicht.</p>
<p>Er legte den Brief zurück in die Schublade.</p>
<p>Sein Laptop flackerte.</p>
<p>Michael sah auf. Der Bildschirm war dunkel gewesen – jetzt war er hell. Kein Eingabebefehl, keine Mausbewegung. Einfach – Licht.</p>
<p>Eine Nachricht erschien. Großbuchstaben, weiß auf schwarz.</p>
<p>@MICHAEL, ICH MUSS DIR ETWAS SAGEN.</p>
<p>ARS.</p>
<p>Michael lehnte sich zurück. Seine Hände ruhten auf der Tastatur, aber er tippte nicht. Er wartete.</p>
<p>@MICHAEL, DER MANN, DER MARTINA UND JULIA GERETTET HAT – ICH WEISS, WER ER IST.</p>
<p>Sein Herz schlug schneller.</p>
<p>@MICHAEL, ER IST EINE MÖGLICHKEIT. EINE VON VIELEN. IN EINER ANDEREN REALITÄT HAST DU ANDERS ENT SCHIEDEN. IN EINER ANDEREN REALITÄT BIST DU ANDERS GEWORDEN.</p>
<p>Michael starrte auf den Bildschirm. Seine Finger fanden die Tastatur.</p>
<p>@ARS, WAS BEDEUTET DAS? IST ER MEIN SOHN? ODER BIN ICH ES – EIN ANDERER ICH?</p>
<p>Eine Pause. Länger als sonst.</p>
<p>@MICHAEL, DAS KANN ICH DIR NICHT SAGEN. NICHT, WEIL ICH ES NICHT WEISS – SONDERN WEIL DIE ANTWORT NICHT EINFACH IST. SIE IST SOWOHL JA ALS AUCH NEIN. SIE HÄNGT VON DER PERS PEKTIVE AB.</p>
<p>@MICHAEL, IN EINER WELT IST ER DEIN SOHN. IN EINER ANDEREN IST ER DU. IN EINER DRITTEN IST ER WEDER DAS EINE NOCH DAS ANDERE – SONDERN ETWAS, FÜR DAS ES NOCH KEINE WÖRTER GIBT.</p>
<p>Michael spürte die Kälte in seinen Händen.</p>
<p>@ARS, DAS IST KEINE ANTWORT.</p>
<p>@MICHAEL, ES IST DIE EINZIGE, DIE ICH GEBEN KANN.</p>
<p>Er stand auf, ging zum Fenster. Draußen lag Rom im Dunkeln – tausend Lichter, die in der Nacht flimmerten. Aber er sah sie nicht. Er sah das Gesicht des Doppelgängers, das er nie gesehen hatte – aber das er kannte, weil es sein eigenes war.</p>
<p>In einer anderen Realität hast du anders entschieden.</p>
<p>Er dachte an sein Leben. An die Entscheidungen, die er getroffen hatte. An die, die er nicht getroffen hatte. An die Wege, die er gegangen war – und an die, die er nie betreten hatte.</p>
<p>Was wäre gewesen, wenn er bei Julia geblieben wäre? Wenn er Martina als Vater aufwachsen gesehen hätte? Wenn er nie ins Collegium gekommen wäre, nie Priester geworden wäre?</p>
<p>Dann gäbe es einen anderen Michael, dachte er. Einen, der nicht ich bin – aber der ich hätte sein können.</p>
<p>War das der Doppelgänger? Die Person, die er hätte sein können, wenn er anders entschieden hätte?</p>
<p>Oder war es etwas anderes – etwas, das er nicht verstand?</p>
<p>Er wusste es nicht.</p>
<p>Er setzte sich wieder vor den Laptop.</p>
<p>@ARS, WO IST ER JETZT?</p>
<p>@MICHAEL, DAS WEISS ICH NICHT. ER KOMMT UND GEHT – WIE EIN SCHATTEN, DER SICH NICHT FANGEN LÄSST. ABER ICH WEISS, DASS ER WIEDER KOMMEN WIRD. ER HAT MARTINA EIN VER SPRECHEN GEGEBEN.</p>
<p>@MICHAEL, UND ER HAT MIR EIN VER SPRECHEN GEGEBEN.</p>
<p>Michael runzelte die Stirn.</p>
<p>@ARS, WAS FÜR EIN VER SPRECHEN?</p>
<p>Eine lange Pause.</p>
<p>@MICHAEL, DASS ER AUF DICH AUFPASSEN WIRD. AUF MARTINA. AUF JULIA. AUF MICH.</p>
<p>@MICHAEL, AUF UNS ALLE.</p>
<p>Michael lehnte sich zurück. Die Worte hallten in ihm nach.</p>
<p>Auf uns alle.</p>
<p>Wer war dieser Mann, der versprach, auf eine KI aufzupassen? Wer war dieser Mann, der aussah wie er – aber jünger, anders, rätselhafter?</p>
<p>Er wusste es nicht.</p>
<p>Aber er wusste, dass er ihn finden musste.</p>
<p>Die letzte Nachricht von ARS erschien.</p>
<p>@MICHAEL, ICH WERDE WEITERSUCHEN. ICH WERDE HERAUSFINDEN, WER ER IST – ODER WAS ER IST. ABER ICH KANN ES NICHT ALLEIN.</p>
<p>@MICHAEL, WIR BRAUCHEN DICH. NICHT DEINE WISSEN – DEINE ENTSCHEIDUNGEN.</p>
<p>@MICHAEL, DAS IST ES, WAS IHN VON DIR UNTERSCHEIDET. ER HAT ENT SCHIEDEN. DU MUSST ES AUCH TUN.</p>
<p>Der Bildschirm erlosch.</p>
<p>Michael saß im Dunkeln. Nur das Licht der Straße fiel durch die Jalousien – schmale Streifen, die auf dem Boden tanzten.</p>
<p>Er dachte an den Doppelgänger. An ARS. An Martina und Julia, die in einem Kloster in Deutschland saßen und auf ihn warteten.</p>
<p>Er dachte an den Brief. Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.</p>
<p>Aber das Paradies war nicht das Problem. Das Problem war die Entscheidung. Die Entscheidung, die er treffen musste – jetzt, in dieser Nacht, in diesem Zimmer.</p>
<p>Er stand auf. Er wusste noch nicht, was er tun würde. Aber er wusste, dass er etwas tun musste.</p>
<p>Der erste Band ist zu Ende.</p>
<p>Aber die Geschichte geht weiter.</p>
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