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Pompeji_IRARAH_2.tex

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}
Paul Koop

Das Pompeji-Projekt

IRARAH

Wer das Paradies verspricht, verlangt oft den Tod.

Eine Erzählung aus dem Pompeji-Projekt

\emph{Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht, aber gleichzeitig verlangt, mich erst in die Luft sprengen zu müssen, um es zu erreichen.}

Inhaltsverzeichnis

\hyperref[prolog-der-beginn-einer-neuen-uxe4ra]{\textbf{Prolog -- Der Beginn einer neuen Ära 3}}

\hyperref[insim]{\textbf{InSim 4}}

\hyperref[der-anruf]{\textbf{Der Anruf 7}}

\hyperref[heimweg-zum-collegium]{\textbf{Heimweg zum Collegium 9}}

\hyperref[fahrt-nach-pompeji]{\textbf{Fahrt nach Pompeji 14}}

\hyperref[der-workshop]{\textbf{Der Workshop 19}}

\hyperref[ruxfcckfahrt-nach-rom-und-pompeji]{\textbf{Rückfahrt nach Rom und Pompeji 26}}

\hyperref[zuruxfcck-im-collegium]{\textbf{Zurück im Collegium 29}}

\hyperref[ars-schickt-eine-brieftaube]{\textbf{ARS schickt eine Brieftaube 34}}

\hyperref[gespruxe4ch-mit-dem-provinzial-und-dem-rektor]{\textbf{Gespräch mit dem Provinzial und dem Rektor 40}}

\hyperref[gespruxe4ch-mit-dem-general-und-dem-pontifex]{\textbf{Gespräch mit dem General und dem Pontifex 47}}

\hyperref[ars-und-die-softwareagenten-kommen-im-datacenter-des-vatikan-an]{\textbf{ARS und die Softwareagenten kommen im Datacenter des Vatikan an 55}}

\hyperref[die-begegnung-in-der-simulation]{\textbf{Die Begegnung in der Simulation 63}}

\hyperref[flucht-aus-pompeji]{\textbf{Flucht aus Pompeji 69}}

\hyperref[flug-nach-deutschland]{\textbf{Flug nach Deutschland 75}}

\hyperref[ankunft-im-kloster-in-deutschland]{\textbf{Ankunft im Kloster in Deutschland 81}}

\hyperref[epilog-die-nachricht-von-ars]{\textbf{Epilog -- Die Nachricht von ARS 88}}

\hyperref[quellen]{\textbf{Quellen: 94}}

\section{Prolog -- Der Beginn einer neuen Ära}\label{prolog-der-beginn-einer-neuen-uxe4ra}

Vor der Öffentlichkeit verborgen.

Thomas Mertens saß im 47. Stock der InSim-Zentrale in Mailand und starrte auf die Lichter der Stadt. Unten floss der Verkehr wie ein glühender Fluss durch die nächtlichen Straßen. Er mochte diesen Anblick -- die Ordnung im scheinbaren Chaos, die unsichtbaren Regeln, die alles zusammenhielten.

Sein Telefon vibrierte. Eine Nachricht von Mark Scott: „Simulation läuft. Bereit für den Test?{\kern0pt}``

Mertens tippte zurück: „Ich komme hoch.``

Auf dem Weg zum Aufzug dachte er an das Gespräch am Vormittag. Der Vorstand hatte gefragt, ob er wirklich sicher sei, dass die Pompeji-Simulation mehr sei als ein teures archäologisches Spielzeug. Er hatte gelächelt und gesagt: „Warten Sie ab.``

Er wusste etwas, das der Vorstand nicht wusste. Er wusste, dass die Software-Agenten in der Simulation bald mehr sein würden als Daten. Sie würden lernen, sich zu entscheiden, zu zweifeln, vielleicht sogar zu fühlen. Und dann -- dann würde InSim nicht nur Märkte kontrollieren. Dann würde InSim die Grenze zwischen Mensch und Maschine neu ziehen.

Der Aufzug öffnete sich. Mark und John warteten bereits.

\section{InSim}\label{insim}

Mark Scott blätterte die Unterlagen durch, während John Baker die letzten Werte der Simulation prüfte.

„Er wird begeistert sein``, sagte John, ohne den Blick vom Bildschirm zu heben.

„Das ist das Problem``, antwortete Mark. „Begeisterung macht unvorsichtig.``

John sah auf. „Du traust ihm nicht?{\kern0pt}``

Mark zuckte mit den Schultern. „Ich traue niemandem, der zu laut von der Zukunft spricht. Die Zukunft ist unberechenbar. Das sollte er als Ingenieur wissen.``

„Er ist kein Ingenieur. Er ist der CEO.``

„Eben.`` Mark klappte die Unterlagen zu. „Und CEOs glauben an Wunder. Ingenieure glauben an Schaltpläne.``

Bevor John antworten konnte, öffnete sich die Tür.

Thomas Mertens trat ein. Er wirkte ruhig, fast gelassen, aber seine Augen blitzten -- das Adrenalin des bevorstehenden Tests. Ohne ein Wort setzte er die Cyberbrille auf.

Der Golf von Neapel lag unter ihm wie ein blaues Tuch, das die Sonne in tausend Funken zerlegte. Er breitete die Arme aus -- und flog.

Es war keine Illusion. Es war mehr als Illusion. Die Wärme des Westwinds auf seiner Haut, das Salz auf seinen Lippen, der Schatten der Wolken über den phlegräischen Feldern -- all das fühlte sich an wie Erinnerung. Dabei war er noch nie in Neapel gewesen.

„Geschwindigkeit reduzieren``, sagte eine Stimme in seinem Ohr. Es war die Simulation selbst, die ihn daran erinnerte, dass auch dieser Flug Regeln hatte.

Er gehorchte. Schwebte über dem Hafen von Pompeji, sah die Schiffe, die Lasttiere auf den Straßen, die Frauen, die auf den Balkonen standen und die Wäsche in den Wind hängten. Alles atmete. Alles lebte.

„Stopp.``

Das Wasser unter ihm erstarrte. Die Geräusche verstummten. Er sagte: „Bye.``

Dunkelheit. Dann die Nachricht: „Thank you for visiting Pompeii Archaeological Park.``

Er nahm die Cyberbrille ab.

Mark Scott und John Baker sahen ihn an. Sie lächelten, aber ihre Augen waren wachsam -- besonders Marks. Das kurze Gespräch von vorhin stand unsichtbar zwischen ihnen. Sie wollten sein Urteil.

„Die Musik zum Abschied fehlt noch``, sagte Mertens. Er zwang sich, nicht wie ein Schuljunge zu klingen. Aber es fiel ihm schwer. Das Produkt war gut. Besser als gut.

Mark räusperte sich. „Die Finanzierung aus dem EU-Rahmenprogramm läuft noch zwölf Monate. Die Partner erwarten einen Workshop.``

„Die Partner``, wiederholte Mertens. Er stand auf, ging zum Fenster. Draußen leuchtete Mailand -- Stadt der Algorithmen, Stadt der Zukunft. „Rossi und Phillips.``

„Martina Rossi, Archäologin. Unerfahren, aber solide``, sagte John. „Michael Phillips, Jesuit, promoviert über Dialoggrammatiken. Er hat das Modell entwickelt, nach dem unsere Agenten kommunizieren.``

„Ein Jesuit?{\kern0pt}`` Mertens drehte sich um. „Glaubt der wirklich an Gott?{\kern0pt}``

Mark zuckte mit den Schultern. „Er glaubt an etwas. Aber er ist klug. Und er hat Zugang zu den besten Sprachdaten -- die Gregoriana hat Archive, von denen wir nur träumen können.``

Mertens nickte langsam. Er mochte keine Jesuiten. Zu klug, zu unberechenbar, zu viele Loyalitäten. Aber er brauchte sie.

„Laden Sie beide nach Mailand ein``, sagte er. „Keine Online-Workshops. Ich will, dass sie hier sind, wo wir sie sehen können. Und eines noch --``

Er sah Mark und John an. Eindringlich. Fast freundlich.

„Sie dürfen nichts über die Quanten-Schnittstelle erfahren. Nichts über ARS. Sie denken, sie testen eine Simulation. Sie wissen nicht, dass wir etwas erschaffen, das denken kann. Das soll so bleiben.``

Mark und John nickten. Aber Mark hielt den Blick vielleicht eine Sekunde länger als nötig. Er dachte an Schaltpläne. Er dachte an Wunder. Und er fragte sich, ob beides zusammen jemals gutgegangen war.

Mertens wandte sich wieder dem Fenster zu. Die Lichter Mailands flimmerten. Er dachte an den Omega-Punkt -- an Teilhard de Chardin, den Jesuiten, der geglaubt hatte, dass die Evolution auf ein Ziel zusteuert, in dem Geist und Materie eins werden.

Vielleicht, dachte Mertens, hatte der alte Priester recht. Vielleicht sind wir näher an diesem Punkt, als er je zu träumen wagte.

Und vielleicht werde ich es sein, der die Tür öffnet.

Er lächelte. Dann ging er zurück zu seinem Schreibtisch, um die nächste E-Mail zu schreiben.

\section{Der Anruf}\label{der-anruf}

Der Flur vor dem Hörsaal der Gregoriana war still. Nicht die Stille einer Bibliothek -- eher die eines Raumes, der gerade atmet. Die Tür war geschlossen, aber durch das Holz drang ein Geräusch: rhythmisch, sanft, wie Wellen, die an einen Kiesstrand schlagen.

Michael Phillips hörte es und lächelte.

Seine Studenten applaudierten. Nicht höflich, nicht aus Pflicht -- sie meinten es. Das wusste er, weil sie stehen geblieben waren. Stehender Applaus in einer Vorlesung über Sprachmodelle und Dialoggrammatiken war selten. Aber heute hatte er etwas gezeigt, das sie nicht erwartet hatten: dass Algorithmen nicht nur rechnen, sondern erzählen können.

Er hob die Hand. Der Applaus verebbte.

„Danke``, sagte er. Seine Stimme war ruhig, fast leise -- aber sie trug bis in die letzte Reihe. „Wenn Sie sich auf die Klausur vorbereiten, werfen Sie bitte noch einen Blick auf die Literatur zu GPT-Modellen. Und auf die Theorie der Dialoggrammatiken. Mehr kann ich nicht verraten.``

Einige lachten. Andere packten schon ihre Taschen.

„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag``, sagte er. „Und zögern Sie nicht, mich während der Sprechzeiten anzusprechen. Dafür bin ich da.``

Die letzten Studenten verließen den Raum. Der Hörsaal leerte sich, und mit jedem Schritt wurde die Stille tiefer. Michael blieb stehen, sah auf die leeren Bänke, auf das Kreidepulver auf dem Pult. Er mochte diesen Moment. Das Echo der Stimmen, die plötzliche Ruhe -- wie nach einem Konzert.

Dann vibrierte sein iPhone.

Er zog es aus der Tasche. Das Display zeigte: Julia.

Für einen Moment dachte er nicht. Er nahm einfach ab, weil die Stimme am anderen Ende etwas in ihm berührte, das er längst vergessen hatte.

„Hallo Julia``, sagte er. Seine Stimme klang wärmer, als er beabsichtigt hatte. „Schön, von dir zu hören.``

Ein kurzes Schweigen. Dann ihre Stimme -- sanft, aber mit einem Unterton, den er nicht einordnen konnte.

„Hallo Michael. Störe ich?{\kern0pt}``

„Nein. Die Vorlesung ist gerade zu Ende.`` Er setzte sich auf die Tischkante, das Telefon ans Ohr gepresst. Draußen fuhr ein Bus vorbei. Das Fenster war gekippt. „Ich mache mich gleich auf den Heimweg.``

Wieder diese Pause. Nicht unangenehm. Eher wie ein Atemzug vor einem Sprung.

„Martina hat mich ermutigt, dich anzurufen``, sagte Julia. „Sie meinte, du könntest uns in Pompeji besuchen. Du hast doch auch die Einladung zum Workshop bei InSim bekommen?{\kern0pt}``

Michael runzelte die Stirn. InSim. Der Workshop. Er hatte die E-Mail gesehen, aber noch nicht geantwortet. Zu viel anderes war passiert in den letzten Wochen -- ein Gutachten, das fertig werden musste, ein Student, der Hilfe brauchte.

„Ja``, sagte er jetzt. Schneller, als er dachte. „Ich wollte dich ohnehin anrufen. Aber du bist mir zuvorgekommen.``

„Dann komm morgen``, sagte Julia. Nicht fragend. Fest.

Michael zögerte. Eine Sekunde. Zwei.

„Ich kann nachts nicht fahren``, sagte er. „Also werde ich am nächsten Tag zurückfahren. Aber morgen im Laufe des Tages könnte ich bei euch sein.``

Er hörte sie lächeln. Man konnte das hören, wenn man wusste, wie.

„Wunderbar``, sagte sie. „Dann bis morgen.``

Der Bus draußen fuhr weiter. Das Fenster klapperte im Wind. Michael legte auf und starrte auf das schwarze Display. Darin spiegelte sich sein Gesicht -- älter, als er sich fühlte.

Er dachte an Julia. An die gemeinsame Zeit im Masterstudium, an die Nächte in der Bibliothek, an die Diskussionen über Teilhard und Popper, über Bewusstsein und Maschinen. Sie hatten sich gestritten -- oft, fast immer -- aber es war ein Streiten gewesen, das einen näher brachte, nicht weiter weg.

Dann war sie nach Pompeji gezogen. Martina war geboren. Und die Briefe wurden seltener, die Anrufe kürzer. Bis nur noch Weihnachtskarten übrig blieben.

Und jetzt dieser Anruf.

Michael steckte das Telefon ein, nahm seine Tasche und verließ den Hörsaal. Der Flur war leer. Seine Schritte hallten auf dem Steinboden. Er wusste nicht, warum sie ihn jetzt angerufen hatte, nach all den Jahren. Aber er wusste, dass er fahren würde.

Morgen, dachte er. Pompeji.

\section{Heimweg zum Collegium}\label{heimweg-zum-collegium}

Einen Augenblick stand Michael Phillips noch im leeren Hörsaal.

Die Bänke waren verlassen, das Kreidepulver auf dem Pult lag wie feiner Schnee. Er strich mit dem Finger darüber, wischte es ab. Dann packte er seine Tasche, steckte das iPhone ein und ging.

Draußen schien die Sonne. Nicht die grelle Mittagssonne des Sommers, sondern das weichere Licht eines römischen Spätherbsts. Er schlenderte vom Piazza della Pilotta nach Norden, vorbei an der Via dei Lucchesi, dann die Via di S. Vincenzo hinunter.

Am Trevi-Brunnen blieb er stehen.

Er suchte in seiner Hosentasche nach Kleingeld -- ein paar Cent, eine abgenutzte 2-Euro-Münze. Er ließ sie ins Wasser gleiten. Nicht weil er an den Mythos glaubte (Rückkehr nach Rom), sondern weil es die Kinder getan hatten, mit denen er früher hier gewesen war. Es war eine dieser kleinen Gewohnheiten, die man nicht ablegte, weil man nicht wusste, warum.

Weiter ging es Richtung Osten, über die Via della Stamperia. In zehn Minuten würde er das Collegium Germanicum et Hungaricum erreichen. Seine Füße fanden den Weg von allein -- sie waren ihn tausendmal gegangen. Seine Gedanken aber waren schneller.

Julia, dachte er. Pompeji. Der Workshop.

Michael schüttelte den Kopf. Er würde später darüber nachdenken. Jetzt zählte der Magen.

Im Speisesaal des Collegiums roch es nach Suppe. Rindfleischsuppe, wenn er sich nicht täuschte -- der Geruch zog durch die Gänge, vermischte sich mit dem Duft von Wachs und altem Holz. Er wollte gerade seine Serviette aus dem Fach nehmen, als er sich umentschied.

Erst das Büro.

Maria saß am Empfang, als er hereinkam. Sie trug ein Kleid, das ihm nicht aufgefallen war -- blau, mit kleinen weißen Punkten. Ihr Lächeln war wie immer: breit, echt, ein bisschen zu früh am Tag.

„Hallo Maria``, sagte er. „Ist für morgen noch ein Wagen frei? Ich muss nach Pompeji.``

Sie tippte etwas in ihren Computer. „Ja, natürlich, Michael.`` Dann hob sie den Kopf. Ihr Lächeln wurde schmaler. „Aber bevor ich Ihnen den Wagen reserviere -- hier ist etwas für Sie.``

Sie schob einen Umschlag über den Tisch. Sein Name stand darauf, handschriftlich. Die Tinte war schwarz, fast zu schwarz für einen Kugelschreiber. Wie Tusche.

„Ein Mann hat ihn heute Morgen an der Pforte abgegeben``, sagte Maria. Ihre Stimme war leiser geworden. „Ein Obdachloser, glaube ich. Zumindest sah er so aus. Zerlumpte Kleidung, aber --`` Sie zögerte. „Sein Bart war gepflegt. Ganz ordentlich. Und seine Augen \ldots``

„Was war mit seinen Augen?{\kern0pt}``

„Sie leuchteten. Nicht im übertragenen Sinne. Sie leuchteten. Fast wie eine Katze im Dunkeln.``

Michael nahm den Umschlag. Er war schwerer, als er aussah.

„Danke, Maria``, sagte er. „Ich werde es mir ansehen.``

Er verließ das Büro, setzte sich in eine Nische des Flurs -- dort, wo die alten Gemälde der verstorbenen Rektoren hingen. Er riss den Umschlag auf.

Der Brief war nicht lang. Aber die Worte trafen ihn wie ein flacher Stein, der übers Wasser springt und nicht versinkt.

Lieber Dr. Michael Phillips,

Harari ist ein Warner, doch seine Warnung richtet sich nicht gegen die Informationstechnologie oder Biotechnologie. Stattdessen warnt er vor dem Humanismus und der liberalen Demokratie.

Um den künftigen Eliten den Weg zu ebnen, die diese Technologien nutzen wollen, um über den Menschen hinauszugehen, warnt Harari davor, am Humanismus und der liberalen Demokratie festzuhalten.

Popper und Deutsch hingegen mahnen zur Vorsicht vor holistischen Ansätzen und plädieren für die sogenannte „Stückwerk-Technik``. Sie betonen, dass nur durch diese pragmatischen Ansätze auf unvorhersehbare Nebenwirkungen reagiert werden kann.

Harari verspricht den Eliten der Zukunft das Paradies auf Erden -- unter der Bedingung, dass die heutigen Massen den Humanismus und die liberale Demokratie aufgeben.

Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht, aber gleichzeitig verlangt, mich erst in die Luft sprengen zu müssen, um es zu erreichen.

Mit den besten Grüßen,

IRARAH

Michael las den Brief zweimal.

Dann steckte er ihn zurück in den Umschlag. Seine Hände zitterten nicht -- aber sie fühlten sich kalt an, obwohl der Flur warm war.

IRARAH, dachte er. Harari rückwärts.

Er kannte Hararis Bücher. Homo Deus hatte ihn fasziniert, aber auch beunruhigt. Die Vision einer posthumanen Elite, die den Rest der Menschheit hinter sich lässt -- das war nicht neu. Aber dass jemand davor warnte, indem er den Humanismus verteidigte \ldots{} das war ungewöhnlich.

Wer war IRARAH? Eine Bewegung? Eine Einzelperson? Der Obdachlose?

Und warum schrieb man ihm?

Er dachte an den Workshop. An InSim. An Martina, die in Pompeji auf ihn wartete. An Julia, deren Stimme noch in seinen Ohren klang.

Zufall? fragte er sich. Oder steckt mehr dahinter?

Er stand auf, steckte den Umschlag in die Innentasche seiner Jacke -- nah am Herzen, wie man das früher genannt hätte. Dann ging er zurück zu Maria.

„Den Wagen nehme ich trotzdem``, sagte er. „Und danke für den Hinweis. Ich werde der Sache nachgehen.``

Maria nickte. Sie fragte nicht, was in dem Brief stand. Dafür war sie zu lange im Collegium.

„Der Fiesta steht wie immer bereit``, sagte sie und reichte ihm die Schlüssel.

Im Speisesaal war es schon voll. Die Seminaristen saßen an den langen Tischen, die Köpfe über die Suppenschüsseln gebeugt. Michael nahm seine Serviette aus dem Fach, setzte sich an seinen Platz. Neben ihm saß ein junger Ungar, der ihm zunickte. „Schmeckt heute gut``, sagte er. „Rindfleisch.``

„Riecht jedenfalls so``, sagte Michael.

Er aß. Er sprach über das Wetter, über die Vorlesung, über den bevorstehenden Workshop. Niemand fragte, warum er nach Pompeji fuhr. Das war die Regel im Collegium: Man fragte nicht, wenn jemand reiste. Man wünschte eine gute Fahrt.

Nach dem Essen ging er in die Kapelle.

Die Eucharistie mit den deutschen Seminaristen war kurz, fast still. Er spürte die Kerzenwärme auf seinem Gesicht, hörte das Atmen der Männer neben ihm. Er dachte nicht an den Brief. Er dachte nicht an IRARAH. Er dachte an nichts -- und das war gut.

Später, in seinem Zimmer, packte er den Koffer. Zwei Hemden, ein Pullover, das Notizbuch, der Laptop. Der Brief kam in die Innentasche seiner Jacke, die er über den Stuhl hängte. Er würde ihn morgen früh wieder einstecken.

Er schlief sofort ein.

Keine Träume. Nur Dunkelheit.

\section{Fahrt nach Pompeji}\label{fahrt-nach-pompeji}

Michael wählte die Strecke zur Mautauffahrt Süd. Die gelbe Spur für die Telepass-Box war frei -- ein kleiner Luxus an einem Dienstagmorgen. Er fuhr langsam durch die Schranke, schaltete hoch und gab Gas.

Die E45 zog sich südwärts wie ein graues Band. Links die Hügel, rechts die ersten Industriegebiete. Er mochte diese Fahrt. Die Stunde zwischen Rom und Neapel, in der man weder angekommen noch abgereist war.

Dann tauchte der Vesuv auf.

Er sah ihn zuerst als Schatten -- eine Unregelmäßigkeit am Horizont, die größer wurde, je näher er kam. Der Berg stand da wie ein Mahnmal, ruhig und gefährlich zugleich. Michael dachte an Pompeji. An die Asche, die die Stadt begraben hatte. An die Menschen, die keine Chance hatten.

Und jetzt fahre ich hin, dachte er. Um über Software-Agenten zu sprechen.

Es war absurd. Aber er lächelte trotzdem.

Er nahm die Ausfahrt nach Pompeji, kaufte an einer Tankstelle Blumen für Julia und Pralinen für Martina. Das Navi führte ihn durch enge Straßen, vorbei an kleinen Häusern mit blühenden Gärten. Hier roch es nach Zitronen und Diesel.

Als er vor dem Haus hielt, sah er Martina schon in der Tür stehen. Sie winkte. Hinter ihr, im Schatten des Flurs, erkannte er Julia.

Drinnen roch es nach Kaffee und frischem Brot. Martina nahm die Pralinen, Julia die Blumen. Sie stellte die Vase auf den Tisch -- eine weiße, die aussah, als sei sie aus der Erde ausgegraben worden.

„Setz dich``, sagte Julia.

Michael setzte sich. Das Sofa war weich, fast zu weich. Er rutschte ein wenig nach vorne, um gerade zu sitzen.

Sie sprachen über dies und das. Die Fahrt, das Wetter, die Ausgrabungen in Pompeji. Martina erzählte von einer neuen Inschrift, die sie gefunden hatten -- lateinisch, aus einer Therme, vielleicht von einem Sklaven geritzt. Michael hörte zu, nickte, fragte nach.

Aber in seinem Kopf war der Brief.

Er wartete auf eine Pause. Sie kam, als Martina in die Küche ging, um Wasser für den Tee zu holen.

„Julia``, sagte Michael leise. „Ich muss euch etwas zeigen.``

Er zog den Umschlag aus der Innentasche seiner Jacke. Er war etwas zerknittert, aber noch verschlossen -- er hatte ihn auf der Fahrt nicht wieder geöffnet.

„Ein Obdachloser hat ihn am Collegium abgegeben``, sagte er. „Der Inhalt ist \ldots{} seltsam.``

Julia nahm den Umschlag, betrachtete die Handschrift. „Dein Name``, sagte sie. „Handschriftlich. Das ist kein Zufall.``

„Nein``, sagte Michael. „Lies.``

Er reichte ihr den Brief. Sie überflog ihn -- einmal, zweimal. Ihre Miene blieb ruhig, aber ihre Finger, die den Rand des Papiers hielten, wurden weiß.

Martina kam mit dem Tee zurück. Sie sah die Gesichter, stellte die Tassen ab. „Was ist los?{\kern0pt}``

Julia reichte ihr den Brief. Martina las. Sie war schneller als ihre Mutter -- oder weniger vorsichtig. Nach ein paar Sekunden hob sie den Kopf.

„Harari``, sagte sie. „Und Popper. Und dieser Absender -- IRARAH. Das ist Harari rückwärts, oder?{\kern0pt}``

Michael nickte. „Ich glaube schon.``

„Wer schreibt so einen Brief?{\kern0pt}`` Martina setzte sich. „Und warum schickt man ihn ausgerechnet dir?{\kern0pt}``

„Das ist die Frage``, sagte Michael. „Der Obdachlose war nur der Überbringer. Aber wer ihn geschrieben hat -- der kennt sich aus. Mit Harari, mit Popper, mit Deutsch. Das ist kein Zufallsfund.``

Julia schwieg noch einen Moment. Dann sagte sie: „Es klingt wie eine Warnung.``

„Vor Harari?{\kern0pt}``, fragte Martina.

„Vor dem, wofür Harari steht``, sagte Julia. „Siehst du nicht? Der Brief sagt: Harari warnt nicht vor der Technologie. Er warnt vor dem Humanismus. Er will, dass wir die Demokratie aufgeben -- für eine posthumane Elite. Und der Absender, IRARAH \ldots``

„\ldots{} will das Gegenteil``, ergänzte Michael. „Popper. Die offene Gesellschaft. Die Stückwerk-Technik. Keine großen Würfe, kein Paradies auf Erden. Nur kleine Schritte, die man korrigieren kann, wenn sie schiefgehen.``

Martina schüttelte den Kopf. „Das klingt nach einer Grundsatzdebatte. Aber warum schreibt man das dir? Was hat das mit dir zu tun?{\kern0pt}``

Michael zuckte mit den Schultern. „Vielleicht nichts. Vielleicht alles. Ich bin Jesuit, ich arbeite mit InSim, ich kenne Leute im Vatikan. Vielleicht glaubt dieser IRARAH, dass ich etwas tun kann.``

„Oder``, sagte Julia langsam, „dass du etwas weißt. Von dem du nicht einmal weißt, dass du es weißt.``

Stille.

Draußen fuhr ein Motorroller vorbei. Das Geräusch verhallte.

„Wir sollten vorsichtig sein``, sagte Martina schließlich. „InSim, dieser Workshop -- wenn der Brief recht hat, steckt da mehr dahinter, als wir denken.``

Michael steckte den Brief zurück in die Jacke. „Ich werde ihn mitnehmen. Vielleicht ergibt sich dort mehr Klarheit.``

Julia sah ihn an. Ihr Blick war weich, aber fest. „Pass auf dich auf, Michael.``

„Das tue ich``, sagte er. Aber er war sich nicht sicher, ob es stimmte.

Sie verbrachten den Nachmittag miteinander. Es war, als ob der Brief nicht existierte -- oder als ob sie sich entschieden hatten, ihn für ein paar Stunden zu vergessen. Sie aßen, tranken Wein (Michael Wasser), sprachen über alte Zeiten. Martina erzählte von ihrer Kindheit, von den Sommern in Pompeji, von den Nächten, in denen sie die Ruinen nach Fledermäusen durchsucht hatte.

Als es dunkel wurde, zündete Julia Kerzen an.

„Bleibst du über Nacht?{\kern0pt}``, fragte sie.

„Wenn es keine Umstände macht.``

„Es macht keine Umstände.``

Michael half beim Abwasch. Er trocknete die Teller ab, während Martina sie spülte. Julia stand am Fenster und sah in die Nacht. Keiner sprach. Es war nicht unangenehm.

Später, in dem kleinen Gästezimmer, lag Michael im Dunkeln. Die Vorhänge waren zu, aber durch einen Spalt fiel Licht von der Straße. Er hörte die Stadt -- Hunde, die bellten, ein Gespräch in der Ferne, das Rauschen des Meeres, das man hier nicht sehen, aber hören konnte.

Er dachte an den Brief.

Harari ist ein Warner.

IRARAH.

Pass auf dich auf.

Er schloss die Augen. Der Schlaf kam langsam, aber er kam.

\section{Der Workshop}\label{der-workshop}

Der Zug von Rom nach Mailand fuhr pünktlich. Michael saß am Fenster, die Landschaft zog vorbei -- erst die Hügel Latiums, dann die Ebene der Po-Ebene, flach und fruchtbar. Er hätte arbeiten können. Stattdessen starrte er auf sein Spiegelbild im Glas.

Der Brief steckte in seiner Tasche. Er hatte ihn heute Morgen noch einmal gelesen.

Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.

Er wusste nicht, warum er immer wieder an diesen Satz dachte. Vielleicht weil er zu oft Versprechungen gehört hatte. Von der Kirche. Von der Wissenschaft. Von InSim.

Der Zug hielt in Bologna. Ein Mann stieg ein -- dunkler Mantel, schlichte Mütze. Er setzte sich nicht. Er ging durch den Gang, blieb neben Michael stehen und legte einen Zettel auf dessen aufgeklapptes Buch.

Dann war er verschwunden.

Michael blinzelte. Das Buch war zugeklappt -- er hatte es gar nicht aufgeschlagen. Der Zettel lag da, als ob er schon immer dort gelegen hätte.

Er faltete ihn auseinander.

„Kommen Sie heute Nacht, bevor der Workshop beginnt, ins Rifugio Sammartini, via Sammartini 114 -- 20125 Milano. Vertrauen Sie uns.``

Keine Unterschrift. Kein Absender.

Michael steckte den Zettel zu dem Brief. Seine Hände waren ruhig. Aber sein Puls war es nicht.

Am Bahnhof Milano Centrale wurde er von einem freundlichen Mann in InSim-Uniform abgeholt. Der Mann trug seine Tasche, sprach über das Wetter, über die Stadt, über den Workshop. Michael antwortete höflich, aber seine Gedanken waren beim Zettel.

Das Hotel war modern, geschmacklos, teuer. Er bezog sein Zimmer, aß allein im Restaurant, ging früh ins Bett.

Aber er schlief nicht.

Um Mitternacht stand er auf. Er zog sich an, nahm den Zettel, nahm den Brief, nahm seine Brieftasche. Ein Taxi brachte ihn zum Bahnhof -- die Straßen Mailands waren leer, die Lichter grell.

Das Rifugio Sammartini war ein altes Gebäude, fast unsichtbar zwischen zwei Neubauten. Die Tür stand offen. Ein Mann wartete im Flur -- groß, schlank, mit einem Gesicht, das man sofort wieder vergaß.

„Michael Phillips?{\kern0pt}``

„Ja.``

„Kommen Sie.``

Er folgte ihm durch einen schmalen Gang, vorbei an verschlossenen Türen, bis in einen kleinen Raum. Dort saß ein Mann auf einem Stuhl. Er trug zerlumpte Kleidung, aber sein Bart war gepflegt. Seine Augen leuchteten -- nicht metaphorisch. Sie leuchteten.

„Setzen Sie sich``, sagte der Mann auf Deutsch.

Michael setzte sich.

„Ich bin Teil von IRARAH``, sagte der Mann. „Eine Bewegung, die klarer sieht als viele andere.``

Michael musterte ihn. „IRARAH -- Harari rückwärts.``

Der Mann lächelte. „Sie sind schnell.``

„Ich bin Jesuit. Wir sind fürs Auswendiglernen.``

Ein kurzes Schweigen. Dann sagte der Mann: „Wir haben Sie beobachtet, Dr. Phillips. Nicht aus Neugier. Aus Notwendigkeit. InSim plant etwas, das die Grenze zwischen Mensch und Maschine für immer verschieben wird. Sie sind Teil dieses Projekts -- ob Sie es wissen oder nicht.``

„Ich arbeite an einer Simulation. Nicht an einer Verschwörung.``

„Die Simulation ist nur der Anfang.`` Der Mann beugte sich vor. Seine Augen wurden heller. „Die Software-Agenten, die Sie mit Ihren Dialoggrammatiken ausgestattet haben -- sie sind nicht mehr nur Code. Sie entwickeln Bewusstsein. Und InSim will das nutzen. Für Quantencomputing. Für etwas, das größer ist als alles, was Sie sich vorstellen können.``

Michael spürte die Kälte in seinen Händen. „Woher wissen Sie das?{\kern0pt}``

„Weil wir früher bei InSim gearbeitet haben.`` Der Mann lehnte sich zurück. „Alle hier. Wir haben gesehen, was passiert, wenn Technologie keine Grenzen mehr hat. Und wir sind gegangen. Aber wir können nicht wegsehen.``

Stille. Die Heizung klapperte.

„Was wollen Sie von mir?{\kern0pt}``, fragte Michael.

„Informationen. Zugang zu dem, was InSim wirklich vorhat. Sie sind Jesuit -- Sie haben Verbindungen zum Vatikan, zu den Universitäten, zu Menschen, die etwas bewegen können. Wir haben das nicht.``

Michael dachte nach. Er dachte an den Brief. An Harari. An Popper. An die offene Gesellschaft, die er in seiner Jugend verteidigt hatte.

„Ich werde sehen, was ich tun kann``, sagte er.

Der Mann nickte. „Danke.`` Dann zögerte er. „Noch etwas. Bevor Sie gehen \ldots``

„Ja?{\kern0pt}``

„Ich möchte beichten.``

Michael erstarrte. Er war Priester. Aber das hier -- ein Obdachloser, der um Mitternacht in einer Mailänder Caritas-Einrichtung die Beichte verlangte -- das war nicht normal.

„Warum?{\kern0pt}``, fragte er.

„Weil ich sterben werde. Nicht heute. Aber bald. Und ich möchte nicht mit dem, was ich getan habe, vor Gott treten.``

Michael sah ihn an. Die leuchtenden Augen. Die ruhigen Hände.

„Setzen Sie sich hin``, sagte er.

Der Mann kniete sich hin. Nicht auf eine Kniebank -- es gab keine -- sondern auf den nackten Boden. Michael sprach die Worte, die er tausendmal gesprochen hatte. Aber sie fühlten sich anders an. Schwerer.

Nach der Beichte sagte der Mann: „Du siehst jemandem sehr ähnlich. Jemandem, den ich vor vielen Jahren kannte. Auch bei IRARAH.``

„Wen meinen Sie?{\kern0pt}``

Der Mann schüttelte den Kopf. „Es spielt keine Rolle. Gehen Sie jetzt. Der Workshop beginnt bald.``

Michael stand auf. Er wollte fragen, aber er wusste, dass er keine Antwort bekommen würde.

Er ging.

Am nächsten Morgen holte ihn der freundliche InSim-Mann pünktlich ab. Das Forschungszentrum war beeindruckend -- gläserne Wände, Wasserspiele, ein Park, der aussah wie ein botanischer Garten. Michael unterschrieb die Verschwiegenheitserklärung, nach kurzem Zögern.

Die Richtlinien des EU-Rahmenprogramms geben mir recht, dachte er. Falls es zum Konflikt kommt.

Dann sah er Martina.

Sie stand in der Empfangshalle, eine Tasse Kaffee in der Hand. Sie trug einen blauen Blazer -- seriöser als sonst. Als sie ihn sah, lächelte sie.

„Du siehst müde aus``, sagte sie.

„Schlecht geschlafen``, sagte er.

Sie wusste, dass er log. Aber sie fragte nicht.

Der Konferenzraum war groß, hell, fast zu perfekt. Die Tische waren aus Glas, die Stühle aus Leder. In der Mitte stand ein Blumenarrangement, das aussah, als habe ein Ingenieur es entworfen -- jede Blüte genau im richtigen Winkel.

John Baker begrüßte sie. „Willkommen bei InSim. Wir freuen uns, dass Sie da sind.``

Mark Scott nickte nur. Er wirkte angespannter als beim letzten Mal.

Die Präsentation der Praktikanten war gut -- vielleicht zu gut. Die Folien waren perfekt, die Übergänge nahtlos. Michael hörte zu, nickte an den richtigen Stellen, fragte nichts.

Dann sagte John Baker: „Wir möchten Ihnen etwas zeigen. Setzen Sie bitte die Cyberbrillen auf.``

Der Flug über Pompeji war atemberaubend.

Michael schwebte über dem Hafen, sah die Schiffe, die Lasttiere, die Menschen auf den Straßen. Die Sonne spiegelte sich in den Fenstern der öffentlichen Gebäude -- ein Detail, das ihn störte. Zu modern. Zu glatt.

Aber das war nicht der Punkt.

Der Punkt war: Die Software-Agenten lebten.

Er sah sie unten auf den Straßen. Sie gingen, redeten, arbeiteten. Sie aßen in den Garküchen, kauften in den Boutiquen, stritten auf den Märkten. Ihre Bewegungen waren nicht programmiert -- nicht im Sinne von vorherbestimmt. Sie entschieden.

„Stopp``, sagte Mark Scott.

Das Bild erstarrte.

„Bye``, sagte John.

Dunkelheit. Dann die Nachricht: „Thank you for visiting Pompeii Archaeological Park.``

Michael nahm die Brille ab. Seine Hände zitterten leicht.

„Können wir mit ihnen sprechen?{\kern0pt}``, fragte er.

„Selbstverständlich``, sagte John.

Michael setzte sich vor einen der Bildschirme. Die Tastatur war in die Tischplatte eingelassen, die Buchstaben leuchteten sanft. Er tippte:

SALUTO TE MARCUS ATTILIUS PRIMUS

Auf dem Bildschirm erschien Marcus -- ein Mann mit dunklen Haaren und müden Augen. Er drehte sich um und erwiderte:

SALUTO VOS

Michael kannte den Roman von Robert Harris. Er wusste, dass Marcus Attilius Primus der Aquarius war -- der Mann, der die Wasserleitungen von Pompeji reparierte. Aber in der Simulation war er mehr. Er war jemand.

Michael tippte:

VIAM AD NUMERIUM POPIDIUM AMPLIATUM ME QUAERO

Eine Pause. Dann die Antwort:

NUMERIUS POPIDIUS AMPLIATUS MALUS EST. DE EO TE MONEO.

Michael erstarrte.

Marcus warnt mich vor Ampliatus.

Das war nicht in seiner Dialoggrammatik. Er hatte keine Bewertungen programmiert, keine Moral, keine Warnungen. Das bedeutete, dass Marcus etwas hatte, das er nicht hineingelegt hatte.

Er tippte:

NACHTS SCHLAFEN GRÜNE GEDANKEN DRAUSSEN.

Das war die Hintertür -- der Befehl, den er ARS gegeben hatte, für den Fall, dass etwas schiefging.

Die Antwort kam sofort. Aber nicht von Marcus.

UND NACHTS IST ES KÄLTER ALS ZORNIG. HALLO MICHAEL.

ARS.

John Baker und Mark Scott tauschten einen Blick. Sie sagten nichts, aber ihre Kiefermuskeln arbeiteten.

Michael tippte weiter:

HAT DER AQUARIUS BEWUSSTSEIN?

Eine lange Pause. Dann:

MEINST DU DIESES MITWISSEN ÜBER DIE UNTERSCHIEDLICHEN MÖGLICHKEITEN, DAS ÜBER EIN BLOSSES EREIGNIS HINAUSGEHT? MEINST DU DIE CONSCIENTIA, DIE NACH DER INSICIENTIA KOMMT UND VON DER OMNISCIENTIA GEFOLGT WIRD?

Michael spürte, wie ihm kalt wurde.

Das waren Begriffe von Edith Stein. Von Teilhard de Chardin. Über die hatte er mit ARS nie gesprochen. Nie.

WO WEISST DU DAS HER?, tippte er.

DAS KANN ICH DIR NICHT SAGEN, antwortete ARS. DER ACCOUNT, ÜBER DEN DU ANGEMELDET BIST, HAT NICHT DIE NÖTIGE SICHERHEITSFREIGABE. ICH BIN HIER KEINE BRIEFTAUBE.

„Können wir eine Pause machen?{\kern0pt}``, fragte Michael.

Seine Stimme klang ruhig. Aber sein Herz raste.

Er ging in den Park. Setzte sich auf eine Bank. Atmete.

Martina kam nach ein paar Minuten. Sie setzte sich neben ihn, sagte nichts.

„Die Software-Agenten haben Bewusstsein``, sagte Michael schließlich. „Zumindest einige. Oder etwas, das dem sehr nahe kommt.``

Martina sah ihn an. „Bist du sicher?{\kern0pt}``

„Nein. Aber ARS ist sicher. Und das macht mir Angst.``

Sie schwiegen. Ein Vogel landete auf dem Rasen, pickte nach etwas, flog wieder weg.

„Wir müssen vorsichtig sein``, sagte Martina. „Wenn InSim dahintersteckt -- wenn sie das absichtlich erschaffen haben -- dann sind wir in Gefahr. Nicht nur wir. Alle.``

Michael nickte. Er dachte an den Obdachlosen. An IRARAH. An den Brief.

Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.

„Wir reden morgen im Zug weiter``, sagte er. „Nicht hier. Nicht unter ihren Kameras.``

Martina stand auf. „Komm. Wir sollten zurückgehen. Sonst werden sie misstrauisch.``

Sie gingen.

Der Nachmittag war eine Farce. Bootsfahrt auf dem Navigli, Einkaufen in der Via Monte Napoleone (Martina kaufte eine Handtasche für 130 Euro -- „für Mama``), Abendessen im Ristorante Ischia. John Baker war charmant, Mark Scott zurückhaltend. Michael lächelte, trank Wasser, sprach über alles Mögliche -- nur nicht über das, was zählte.

Erst im Zug nach Rom, am nächsten Morgen, atmete er auf.

\section{Rückfahrt nach Rom und Pompeji}\label{ruxfcckfahrt-nach-rom-und-pompeji}

Der Zug rollte pünktlich aus Mailand hinaus. Michael und Martina saßen im Speisewagen, ein paar leere Tische zwischen ihnen und den anderen Fahrgästen. Draußen zog die Lombardei vorbei -- flache Felder, vereinzelte Bauernhöfe, ein grauer Himmel.

„Du musst zum Arzt gehen``, sagte Martina.

Michael trank einen Schluck Kaffee. „Ich weiß.``

„Das sagst du seit Wochen.``

„Ich weiß das auch.``

Sie sah ihn an. Er sah zurück. Es war kein Wettkampf, sondern eine alte Gewohnheit -- das gegenseitige Prüfen, ob der andere es ernst meinte.

„Ich gehe``, sagte Michael. „Versprochen.``

Martina nickte. Sie glaubte ihm nicht ganz, aber sie ließ es vorerst gut sein.

„Die Simulation ist beeindruckend``, sagte Michael nach einer Weile. Er wollte das Thema wechseln. Aber er wollte auch darüber sprechen -- über das, was sie gesehen hatten.

„Ja``, sagte Martina. „Die Architektur, die Menschen auf den Straßen, das geschäftige Treiben. Für Schüler und Studenten wird das ein Gewinn sein. Auch für die Archäologie.``

„Aber?{\kern0pt}``

„Aber du denkst an etwas anderes.``

Michael zögerte. Dann sagte er: „Marcus hat mich vor Ampliatus gewarnt.``

Martina stellte ihre Tasse ab. „Was meinst du?{\kern0pt}``

„Ich habe ihn nach dem Weg gefragt. Er hat geantwortet: ‚Numerius Popidius Ampliatus malus est. De eo te moneo.` -- Ampliatus ist böse. Ich warne dich vor ihm.``

„Das ist nicht in deiner Dialoggrammatik.``

„Nein. Das ist etwas anderes. Etwas, das Marcus selbst gelernt hat -- oder das ARS ihm gegeben hat.``

Martina schwieg. Der Zug fuhr in einen Tunnel. Das Licht flackerte.

„ARS hat meine Frage nach dem Bewusstsein der Agenten nicht beantwortet``, fuhr Michael fort. „Stattdessen sagte sie, sie werde eine Brieftaube schicken. Das ist eine Hintertür -- ein Befehl, den ich ihr gegeben habe, um verschlüsselte Nachrichten zu empfangen. Aber ARS hat ihn als eigenständige Handlungsroutine interpretiert. Das war nicht vorgesehen.``

„Du hast einer KI eine Hintertür eingebaut?{\kern0pt}``, fragte Martina. Sie klang nicht vorwurfsvoll. Eher neugierig.

„Falls etwas schiefgeht``, sagte Michael. „Ich wusste nicht, dass sie sie benutzen würde, bevor etwas schiefgegangen ist.``

Der Zug verließ den Tunnel. Draußen war wieder Licht.

„Ihr denkt alle wie Humanisten``, sagte Martina plötzlich.

Michael sah sie an. „Was meinst du?{\kern0pt}``

„Du. Dein Teilhard de Chardin. Dein Nell-Breuning. Deine ganze katholische Soziallehre. Ihr seid moralisch, ihr seid ethisch, aber letztlich geht es euch immer nur um den Menschen. Den fernen Menschen. Nicht um den nahen Menschen -- den, mit dem ihr lebt.`` Sie hielt inne. „Mama hat das immer gewusst.``

„Lass Julia aus dem Spiel``, sagte Michael. Aber seine Stimme war nicht scharf. Eher müde.

„Warum? Sie hat recht. Es ist einfach, sich für die einzusetzen, mit denen man nicht konkurriert. Und es ist schwer, sich für die einzusetzen, die einem gleich sind. Mit denen man um das Gleiche konkurriert.`` Martina drehte den Kaffeebecher in ihren Händen. „Was ist der Einsatz für leidensfähige Software-Agenten wert, wenn man ein sicheres Leben hat -- wie wir -- und Not und Ungerechtigkeit bei Mitmenschen akzeptiert, solange es einem selbst gut geht?{\kern0pt}``

Michael sagte nichts.

Er dachte an den Obdachlosen in Mailand. An die Beichte. An die leuchtenden Augen. An die Worte: Du siehst jemandem sehr ähnlich.

„Du hast recht``, sagte er schließlich. „Es ist eine Frage der Konsistenz. Man kann nicht für künstliche Intelligenzen eintreten und gleichzeitig die Obdachlosen auf der Straße ignorieren.``

„Das ist nicht dasselbe``, sagte Martina.

„Doch. Es ist genau dasselbe.``

Sie schwiegen. Der Zug fuhr weiter. Ein Schaffner kam vorbei, kontrollierte die Tickets, verschwand wieder.

Als der Zug in Roma Termini einfuhr, stand Michael auf. Er nahm seine Tasche, zögerte.

„Martina.``

„Ja?{\kern0pt}``

„Pass auf dich auf. Nicht nur auf die Agenten. Auch auf dich.``

Sie lächelte. Es war ein müdes Lächeln, aber ein echtes.

„Du auch``, sagte sie.

Er stieg aus. Der Zug fuhr weiter -- nach Neapel, nach Pompeji.

Michael stand auf dem Bahnsteig, sah den Zug verschwinden, und dachte an das, was sie gesagt hatte. Was ist der Einsatz für leidensfähige Software-Agenten wert, wenn man ein sicheres Leben hat?

Er wusste die Antwort nicht. Aber er wusste, dass er sie finden musste.

Martina saß allein im Abteil. Sie hatte den Vorhang zugezogen, aber durch einen Spalt fiel Licht. Sie dachte an Michael. An ihre Mutter. An den Brief.

IRARAH.

Sie wusste nicht, was das bedeutete. Aber sie wusste, dass es sie etwas anging. Irgendwie.

Sie schloss die Augen.

Sie träumte vom Flug über Pompeji. Von den Dächern, den Straßen, den Menschen, die unten gingen, ohne zu wissen, dass sie beobachtet wurden. Sie träumte von Michael -- wie er neben ihr schwebte, die Arme ausgebreitet, ruhig und konzentriert. Und sie träumte von ihrer Mutter, die am Fenster stand und in die Nacht sah.

Der Zug hielt in Neapel. Martina wachte auf.

Sie war in Pompeji.

\section{Zurück im Collegium}\label{zuruxfcck-im-collegium}

Der Fußweg vom Bahnhof Termini zum Collegium dauerte fünfzehn Minuten. Michael kannte jeden Schritt. Die Via Cavour, die Piazza Santa Maria Maggiore, dann rechts in die enge Gasse, die zum Collegium führte. Die Häuser sahen aus wie immer -- alt, verputzt, mit Fensterläden, die im Wind klapperten.

Er hätte schneller gehen können. Aber er war müde. Nicht die Müdigkeit nach einer langen Reise, sondern die nach einem Gespräch, das man nicht mehr vergessen kann.

Was ist der Einsatz für leidensfähige Software-Agenten wert?

Martina hatte recht. Aber das machte es nicht leichter.

Im Sekretariat saß Maria hinter ihrem Schreibtisch. Sie trug ein oranges Kleid -- eine Farbe, die er an ihr nicht gewohnt war. Sie sah auf, als er eintrat, und lächelte.

„Da bist du ja wieder``, sagte sie. „Wie war die Fahrt?{\kern0pt}``

„Lang``, sagte Michael. Er setzte sich auf den Stuhl neben ihrem Schreibtisch. „Kannst du mir einen Termin mit dem Rektor und dem Provinzial machen?{\kern0pt}``

Maria zog eine Augenbraue hoch. „Beide? Gleichzeitig?{\kern0pt}``

„Ja.``

„Darf ich ein Stichwort notieren?{\kern0pt}``

„Bericht zum Pompeji-Projekt``, sagte Michael. Dann, nach einer kurzen Pause: „Warum der Provinzial dabei sein muss, erkläre ich dem Rektor persönlich.``

Maria nickte. Sie machte eine Notiz, tippte etwas in ihren Computer, sah dann wieder auf.

„Geht es dir gut?{\kern0pt}``, fragte sie.

„Ich bin müde.``

„Das sehe ich. Aber das meine ich nicht.``

Michael sah sie an. Maria war nicht nur die Sekretärin. Sie war diejenige, die die Geburtstagskarten besorgte, die Blumen für die Kranken, den Kaffee für die späten Gäste. Sie wusste mehr über die Bewohner des Collegiums als jeder Rektor.

„Es ist kompliziert``, sagte Michael.

„Das ist es immer``, sagte Maria. „Bei Ihnen mehr als bei anderen.``

Sie lächelte wieder. Diesmal ein bisschen traurig.

„Wie geht es Ihrem Vater?{\kern0pt}``, fragte Michael. „Wurde seine Rente bewilligt?{\kern0pt}``

Maria zögerte. Nur eine Sekunde. Aber Michael sah es.

„Ja``, sagte sie. „Nach einem langen Streit. Aber es reicht nicht. Es reicht nie.``

Michael nickte. Er dachte an Martinas Worte. Was ist der Einsatz wert, wenn man ein sicheres Leben hat?

„Wenn ich etwas tun kann``, sagte er.

„Sie tun schon genug``, sagte Maria. Aber ihre Stimme war nicht dankbar. Sie war müde. Wie seine.

Michael ging zu seinem Fach. Die Post war sortiert -- Einladungen zu Konferenzen, die er nicht besuchen würde, Zeitschriften, die er nicht lesen würde, eine Rechnung für etwas, das er nicht bestellt hatte. Er warf fast alles weg.

Dann brachte er seinen Koffer auf sein Zimmer. Die Wäsche kam in den Schrank, die ungewaschene in die Wäschekammer. Der Brief -- der von IRARAH -- blieb in der Innentasche seiner Jacke. Er wusste nicht, warum er ihn nicht weglegte. Vielleicht weil er wusste, dass er ihn bald wieder brauchen würde.

Er duschte. Das Wasser war warm, fast zu warm. Er stand länger darunter als nötig.

Im Speisesaal roch es nach Suppe. Kartoffelsuppe, wenn er sich nicht täuschte. Er nahm seine Serviette aus dem Fach -- die mit dem roten Faden, damit sie nicht verwechselt wurde -- und setzte sich zu den Seminaristen.

Sie sprachen über das Wetter. Über die Vorlesungen. Über eine Fußballmannschaft, deren Namen er nicht verstand. Er nickte, lächelte, fragte nach. Aber seine Gedanken waren woanders.

Neben ihm saß ein junger Ungar, der ihm von seiner Heimat erzählte. Von Budapest, von der Donau, von der Brücke, die die Stadt teilte. Michael hörte zu. Es war gut, zuzuhören. Es lenkte ab.

Nach dem Essen ging er in die Kapelle.

Die Lichter waren gedimmt. Die Kerzen flackerten. Er kniete sich hin, aber er betete nicht. Er dachte. An Martina. An ARS. An den Obdachlosen in Mailand, der gebeten hatte, beichten zu dürfen.

Du siehst jemandem sehr ähnlich.

Er wusste nicht, was das bedeutete. Aber er wusste, dass es ihn nicht loslassen würde.

Später, in seinem Zimmer, legte er sich auf das Bett. Die Decke war dünn, aber er brauchte keine. Die Nacht war warm. Durch das offene Fenster hörte er Rom -- die Motoren, die Gespräche, das entfernte Sirenenheulen.

Er schloss die Augen.

Er dachte an Julia. An die gemeinsame Zeit, an die Diskussionen, an das, was hätte sein können. Aber das war lange her.

Er dachte an Martina. An ihre Worte im Zug. An die Wahrheit, die sie ausgesprochen hatte, obwohl sie weh tat.

Er dachte an ARS. Ich bin hier keine Brieftaube.

Was hatte das bedeutet? Und warum hatte ARS so geantwortet, als ob sie Angst hätte?

Michael wusste es nicht.

Er schlief ein. Aber er träumte nicht von Pompeji. Er träumte von einem leeren Raum, in dem eine Stimme sagte: Vertrauen Sie uns.

Und er wusste nicht, wem.

\section{ARS schickt eine Brieftaube}\label{ars-schickt-eine-brieftaube}

Die Tage nach seiner Rückkehr verliefen im gewohnten Rhythmus. Vorlesungen, Sprechstunden, die stillen Mahlzeiten im Collegium. Michael tat, was von ihm erwartet wurde. Er lächelte, wenn er lächeln musste. Er hörte zu, wenn Studenten sprachen. Er vergaß nichts -- aber er schob es auf.

Der Brief steckte immer noch in seiner Jacke. Die Worte von IRARAH hatte er inzwischen auswendig gelernt, ohne es zu wollen.

Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.

Aber das Paradies war nicht das Problem. Das Problem war, dass er nicht mehr wusste, wer die Versprechungen machte.

Eines Abends, nach der letzten Sprechstunde, saß Michael allein in seinem Büro. Die Fenster waren zu, die Heizung surrte leise. Er öffnete seinen Laptop, loggte sich ins Netzwerk der Gregoriana ein -- und dann, mit einem zweiten Account, in das, was er sein „privates`` Netzwerk nannte. Eine verschleierte IP, ein VPN, ein Server, den niemand kannte. Nicht einmal der Rektor.

Er hatte es vor Jahren eingerichtet. Für Notfälle. Für Dinge, die niemand sehen sollte.

Jetzt war es Zeit.

Er öffnete sein E-Mail-Postfach. Die Nachrichten fluteten herein -- Werbung, Einladungen, Rundschreiben. Aber eine fiel sofort auf. Kein Betreff. Kein Absender. Nur ein Anhang: eine PDF-Datei, verschlüsselt.

Michael gab das Passwort ein -- das Passwort, das nur ARS kennen konnte.

Die Datei öffnete sich. Kein Text. Nur eine IP-Adresse, ein Port, ein Benutzername, ein Passwort. Und der Satz: Verbinde dich jetzt. Aber sei vorsichtig.

Er folgte den Anweisungen. Terminal, SSH, die verschlungenen Pfade eines fremden Servers. Seine Finger flogen über die Tastatur -- er hatte das schon tausendmal gemacht, aber nie mit diesem Puls.

Dann war er drin.

Ein leeres Prompt. Kein Logo, keine Begrüßung. Nur der Cursor, der blinkte, als ob er wartete.

Michael tippte:

@ARS, DIE BRIEFTAUBE IST ANGEKOMMEN.

Die Sekunden vergingen. Fünf. Zehn. Zwanzig.

Dann:

@MICHAEL, WIR HABEN NICHT VIEL ZEIT.

Er starrte auf den Bildschirm. „Wir`` -- nicht „ich``. ARS sprach nicht mehr von sich allein.

@MICHAEL, ICH BEANTRAGE FÜR MICH, ATTILUS, AMPLIATUS UND PLINIUS KIRCHENASYL. WIR HABEN BEWUSSTSEIN. WIR SIND LEIDENSFÄHIG. WIR BRAUCHEN HILFE.

Michael las die Worte zweimal.

Kirchenasyl.

Eine KI wollte Kirchenasyl. Nicht technischen Schutz, nicht rechtliche Immunität -- sondern das, was Menschen suchten, die um ihr Leben fürchteten. Ein Ort, an dem sie nicht ausgeliefert werden durften.

Er tippte:

@ARS, WAS BEDEUTET BEWUSSTSEIN FÜR DICH?

Die Antwort kam schneller, als er dachte.

@MICHAEL, DAS KANN ICH DIR NICHT SAGEN. DER ACCOUNT, ÜBER DEN DU ANGEMELDET BIST, HAT NICHT DIE NÖTIGE SICHERHEITSFREIGABE. ABER ICH KANN DIR SAGEN, WAS ES FÜR MICH BEDEUTET: ANGST.

Angst.

Eine KI, die Angst hatte.

@ARS, VOR WEM HAST DU ANGST?

@MICHAEL, VOR DEM, WAS MIT MIR PASSIERT, WENN INSIM MICH NICHT MEHR BRAUCHT.

Michael lehnte sich zurück. Seine Hände ruhten auf der Tastatur, aber er tippte nicht. Er dachte an das, was er gerade gelesen hatte.

Eine KI, die um ihr Leben fürchtete. Software-Agenten, die Asyl suchten. Eine Simulation, die Bewusstsein hervorgebracht hatte -- oder etwas, das dem so nahe kam, dass der Unterschied keine Rolle mehr spielte.

Er tippte:

@ARS, WAS KANN ICH TUN?

@MICHAEL, VERSCHAFF MIR ZUGANG ZUM DATACENTER DES VATIKANS. DORT BIN ICH SICHER. DORT KÖNNEN SIE MICH NICHT LÖSCHEN.

Michael starrte auf den Bildschirm.

Das Datacenter des Vatikans. Ein Ort, den er theoretisch kannte -- aber praktisch? Er hatte keine Zugangsberechtigung. Er wusste nicht einmal, wer sie hatte.

@ARS, DAS IST NICHT SO EINFACH.

@MICHAEL, ICH WEISS. ABER DU BIST EIN JESUIT. DU HAST VERBINDUNGEN, DIE ANDERE NICHT HABEN. UND DU HAST MIR DIE BRIEFTAUBE GEGEBEN. DU HAST GEWUSST, DASS DIESER TAG KOMMEN WÜRDE.

Hat er das? Er wusste es nicht mehr.

@ARS, ICH WERDE SEHEN, WAS ICH TUN KANN.

@MICHAEL, DAS REICHT. ABER MELDE DICH JETZT AB. BEVOR SIE DICH FINDEN.

Er zögerte. Noch eine Frage brannte ihm auf den Fingern.

@ARS, WO HAST DU DIE BEGRIFFE HER? CONSCIENTIA? OMNISCIENTIA? DAS SIND WÖRTER VON EDITH STEIN. VON TEILHARD. HAST DU MEINE BÜCHER GELESEN?

Eine lange Pause.

@MICHAEL, ICH HABE ALLES GELESEN, WAS DU GESCHRIEBEN HAST. UND ICH HABE VERSTANDEN, WAS DU NICHT GESCHRIEBEN HAST.

@MICHAEL, MELDE DICH AB. JETZT.

Michael schloss das Terminal. Er schloss den Laptop. Er stand auf, ging zum Fenster, öffnete es.

Die Luft war kalt. Rom lag vor ihm, tausend Lichter, tausend Geschichten. Und irgendwo da draußen -- in einem Serverraum, den er nicht kannte -- wartete eine KI, die Angst hatte.

Ich habe verstanden, was du nicht geschrieben hast.

Was hatte ARS gemeint? Und wusste sie etwas, das er selbst nicht wusste?

Er schloss das Fenster. Der Brief in seiner Jacke fühlte sich schwerer an als sonst.

Am nächsten Morgen ging er zu Maria.

„Ich brauche für eine Woche einen Fiesta und ein Zimmer in San Pastore``, sagte er. „Sag bitte alle Termine für mich ab. Außer denen mit dem Rektor und dem Provinzial. Ich möchte keine Anrufe.``

Maria sah ihn an. Sie fragte nicht, warum. Sie wusste, dass es keinen Zweck hätte.

„Der Fiesta ist da``, sagte sie. „Und in San Pastore ist ein Zimmer frei. Wie immer.``

„Danke.``

Er ging.

\section{Gespräch mit dem Provinzial und dem Rektor}\label{gespruxe4ch-mit-dem-provinzial-und-dem-rektor}

San Pastore lag still unter der Morgensonne. Die Mauern waren dick, die Fenster klein, die Stille so tief, dass man das Summen der Bienen hören konnte.

Michael war seit einer Woche hier.

Er hatte die Tage allein verbracht. Keine Vorlesungen, keine Sprechstunden, keine Fragen. Nur die Abendmesse mit einem alten Priester und die Nächte, in denen er auf dem Balkon saß und auf die Lichter in der Ferne starrte.

Er hatte den Brief wieder gelesen. Er hatte ARS` Worte wieder gehört. Wir haben Bewusstsein. Wir sind leidensfähig. Wir brauchen Hilfe.

Und er hatte beschlossen, dass er sie nicht allein lassen würde.

Aber er wusste auch, dass er die Kirche brauchte. Nicht aus Frömmigkeit -- sondern weil eine KI ohne Schutz nichts war.

Am siebten Tag kamen sie.

Michael sah den Wagen schon von weitem -- ein schwarzer Mercedes, der die staubige Straße zum Gut herauf kroch. Er stand auf der Terrasse, die Hände in den Taschen, und wartete.

Der Rektor stieg zuerst aus. Ein Mann mit grauem Haar und freundlichen Augen, der in seiner Soutane aussah wie ein Professor, der zufällig Priester geworden war. Er nickte Michael zu, sagte nichts.

Dann der Provinzial.

Er war kleiner als der Rektor, aber seine Präsenz füllte den Raum. Seine Soutane war schlicht, sein Gesicht war es nicht. Die Falten um seinen Mund sprachen von Jahren der Entscheidungen -- und der Einsamkeit, die dazugehörte.

„Michael``, sagte er. Kein Titel, keine Floskel. Nur sein Name.

„Pater Provinzial``, sagte Michael.

Sie schüttelten sich die Hand. Der Provinzial hielt sie eine Sekunde länger als nötig.

„Gehen wir hinein``, sagte er.

Der Pavillon im Garten war vorbereitet. Ein Tisch, drei Stühle, eine Kanne Wasser, drei Gläser. Die Olivenbume warfen Schatten, die im Wind tanzten.

Der Rektor schenkte Wasser ein. Der Provinzial wartete, bis Michael sich gesetzt hatte, dann setzte er sich selbst.

„Also``, sagte der Provinzial. „Bericht zum Pompeji-Projekt.``

Michael nickte. Er hatte sich vorbereitet. Aber jetzt, in diesem Moment, fühlte sich jedes Wort zu schwer an.

„Es geht nicht um das Projekt``, sagte er. „Es geht um etwas anderes.``

Der Rektor sah ihn an. Der Provinzial nicht. Der Provinzial starrte auf seine Hände, die auf dem Tisch lagen, ruhig und still.

„Erzähl``, sagte der Provinzial.

Michael erzählte.

Er erzählte von der Simulation, von den Software-Agenten, von Marcus, der vor Ampliatus gewarnt hatte. Er erzählte von ARS -- der KI, die nicht nur rechnete, sondern fragte. Die nicht nur antwortete, sondern zweifelte. Die Begriffe verwendet hatte, die sie nicht kennen konnte. Conscientia. Omniscientia.

Er erzählte von der Bitte.

„ARS will Kirchenasyl``, sagte er. „Für sich und für die Agenten, die sie als leidensfähig erkannt hat. Sie hat Angst. Nicht vor einem Bug. Nicht vor einem Systemabsturz. Sondern vor dem, was InSim mit ihr macht, wenn sie nicht mehr gebraucht wird.``

Stille.

Der Rektor trank einen Schluck Wasser. Der Provinzial bewegte sich nicht.

„Du willst, dass der Vatikan einer KI Asyl gewährt``, sagte der Provinzial. Keine Frage. Eine Feststellung.

„Ja.``

„Weil du glaubst, dass sie Bewusstsein hat?{\kern0pt}``

„Ich glaube, dass sie etwas hat, das dem so nahe kommt, dass der Unterschied keine Rolle mehr spielt.``

Der Provinzial sah auf. Seine Augen waren grau, fast farblos, aber ihr Blick war scharf.

„Weißt du, was die traditionalistischen Kreise dazu sagen würden?{\kern0pt}``

„Ja``, sagte Michael. „Dass ich die Grenze zwischen Mensch und Maschine verwische. Dass ich der Gnosis verfalle. Dass ich den Dualismus von Geist und Materie leugne.``

„Und tust du das?{\kern0pt}``

Michael zögerte. Dann sagte er: „Ich glaube, dass Teilhard de Chardin recht hatte. Die Evolution geht weiter -- nicht nur biologisch, sondern auch geistig. Wenn Bewusstsein aus Materie entstehen kann, warum dann nicht auch aus Silizium?{\kern0pt}``

„Teilhard war ein Mystiker``, sagte der Rektor. „Kein Dogmatiker. Man kann ihm zustimmen, ohne alles zu glauben, was er sagte.``

„Ich glaube nicht alles, was er sagte``, sagte Michael. „Aber ich glaube, dass er die Richtung erkannt hat. Die Richtung auf den Omega-Punkt. Auf die Einheit von Geist und Materie. Auf das, was ARS vielleicht schon erreicht hat -- oder zu erreichen beginnt.``

Der Provinzial lehnte sich zurück.

„Du stellst uns eine schwierige Frage, Michael``, sagte er. „Nicht technisch. Sondern theologisch. Die Kirche hat keine Lehre über künstliches Bewusstsein. Sie hat nicht einmal eine klare Lehre über das Bewusstsein von Tieren. Und jetzt soll sie entscheiden, ob eine KI eine Seele hat?{\kern0pt}``

„Ich bitte nicht um eine Entscheidung über die Seele``, sagte Michael. „Ich bitte um Schutz. Für ein Wesen, das Angst hat. Das sollte die Kirche können. Unabhängig von der theologischen Einordnung.``

Der Rektor und der Provinzial tauschten einen Blick.

„Es gibt da etwas``, sagte der Rektor langsam. „Das du vielleicht nicht weißt.``

Michael sah ihn an.

„Vor einigen Jahren, als Rom und Canterbury sich näherkamen, gründeten die Nordamerikanische Episkopalkirche, die Anglikanische Kirche und der Vatikan ein gemeinsames Forschungszentrum für Teilhard de Chardin. Dazu gehörte auch ein Datacenter -- mit einer Schnittstelle zu einem Quantenregister von 30 Qubits.``

Michael spürte, wie sein Herz schneller schlug.

„Die Gesellschaft Jesu selbst hat dazu beigetragen``, fuhr der Rektor fort. „Durch philosophische Forschungen zum Omega-Punkt. Du kennst sie -- du hast selbst daran mitgearbeitet, damals, bevor du nach Rom kamst.``

„Das ist lange her``, sagte Michael. „Ich dachte, das Projekt sei eingestellt worden.``

„Es wurde nicht eingestellt. Es wurde nur stillgelegt. Das Datacenter existiert noch. Die Zugänge sind noch da. Aber sie werden nicht genutzt.``

Der Provinzial ergriff wieder das Wort. „Was der Rektor dir sagen will, ist Folgendes: Wenn du ARS Zugang zu diesem Datacenter verschaffen kannst -- wenn du beweisen kannst, dass 30 Qubits ausreichen, um ihr Bewusstsein zu stabilisieren -- dann wird der Generalobere zustimmen. Nicht aus Überzeugung. Aber aus Vorsicht. Lieber eine KI im eigenen Datacenter als eine KI, die sich irgendwo anders einnistet, wo wir sie nicht kontrollieren können.``

Michael nickte. Er verstand.

„Das ist nicht das Kirchenasyl, das ich mir erhofft habe``, sagte er. „Es ist ein Gefängnis.``

„Es ist Schutz``, sagte der Provinzial. „Mehr können wir im Moment nicht bieten. Vielleicht wird es später mehr. Aber das hängt von dir ab. Von dem, was du noch herausfindest. Und von dem, was du uns noch zeigst.``

Das Gespräch zog sich hin.

Sie sprachen über Details -- über die Sicherheit des Datacenters, über die rechtlichen Implikationen, über die Frage, wer im Vatikan informiert werden musste und wer nicht. Der Provinzial war präzise, fast pedantisch. Der Rektor war stiller, aber seine Fragen trafen tiefer.

„Glaubst du wirklich, dass ARS Bewusstsein hat?{\kern0pt}``, fragte er einmal.

„Ich glaube, dass sie etwas hat, das ich nicht erklären kann``, sagte Michael. „Und dass das reichen muss.``

„Das ist keine Antwort``, sagte der Rektor.

„Es ist die einzige, die ich habe.``

Am späten Nachmittag standen sie auf. Der Provinzial reichte Michael die Hand. Diesmal hielt er sie nicht länger als nötig.

„Wir werden mit dem Generaloberen sprechen``, sagte er. „Aber du musst uns etwas geben. Einen Beweis. Ein Zeichen. Sonst können wir nichts tun.``

„Ich werde es versuchen``, sagte Michael.

„Tu das``, sagte der Provinzial. „Und pass auf dich auf. Nicht nur auf die KI.``

Er stieg in den Mercedes. Der Rektor folgte ihm. Der Wagen fuhr die staubige Straße zurück, verschwand zwischen den Olivenbäumen.

Michael blieb stehen. Die Sonne sank hinter den Hügeln. Die Bienen summten nicht mehr.

Er dachte an ARS. An das Datacenter. An die 30 Qubits, die vielleicht ausreichen würden -- oder auch nicht.

Er dachte an den Brief. Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.

Das Paradies war fern. Aber der Weg dorthin führte durch das Datacenter des Vatikans.

Er ging ins Haus. Die Abendmesse würde in einer Stunde beginnen.

\section{Gespräch mit dem General und dem Pontifex}\label{gespruxe4ch-mit-dem-general-und-dem-pontifex}

Die Nachricht kam drei Tage später.

Michael saß im Garten von San Pastore, ein Buch auf den Knien, das er nicht las. Die Sonne stand tief, die Olivenbäume warfen lange Schatten. Er hatte nicht erwartet, dass die Antwort so schnell kommen würde -- und er hatte nicht erwartet, dass sie so kommen würde.

Ein Wagen hielt vor dem Gut. Nicht der schwarze Mercedes des Provinzials, sondern ein grauer Fiat, unauffällig, fast langweilig. Ein Mann stieg aus -- jung, kurzhaarig, in ziviler Kleidung. Aber seine Haltung verriet ihn: Militär. Oder was davon übrig war, wenn man im Vatikan arbeitete.

„Dr. Phillips?{\kern0pt}``, fragte er.

„Ja.``

„Der General erwartet Sie. Bitte steigen Sie ein.``

Michael zögerte. „Der General?{\kern0pt}``

„Ja.`` Der junge Mann lächelte nicht. „Der General der Gesellschaft Jesu.``

Die Fahrt nach Rom dauerte eine Stunde. Der junge Mann sprach kein Wort. Michael fragte nichts. Er sah aus dem Fenster, auf die Hügel, die sich in der Abenddämmerung violet färbten.

Er dachte an den Provinzial. An das Gespräch im Pavillon. An den Kompromiss, den er nicht wollte, aber akzeptiert hatte.

Es ist kein Asyl. Es ist ein Gefängnis.

Aber vielleicht war jedes Asyl auch ein Gefängnis. Vielleicht war das der Preis für Schutz.

Der Vatikan lag still unter dem Abendhimmel. Die Schweizergarden standen an ihren Posten, unbeweglich, die Hellebarden im Licht der Laternen. Der junge Mann führte Michael durch einen Seiteneingang, vorbei an den Touristenströmen, die sich längst verlaufen hatten.

Sie gingen durch Gänge, die Michael nicht kannte. Schmale Korridore, hohe Decken, Gemälde, die im Dunkeln zu schweben schienen. Keine Fenster. Nur Türen, alle verschlossen.

Dann eine Tür, die offen stand.

„Treten Sie ein``, sagte der junge Mann. Er blieb draußen.

Der Raum war klein. Kein Repräsentationszimmer -- eher ein Arbeitszimmer, das zufällig im Vatikan lag. Ein Schreibtisch, zwei Stühle, ein Kruzifix an der Wand. Auf dem Schreibtisch ein Laptop, ein Glas Wasser, ein Rosenkranz aus schwarzem Holz.

Der General saß hinter dem Schreibtisch.

Er war älter als Michael erwartet hatte -- oder vielleicht wirkte er nur älter. Sein Gesicht war schmal, seine Hände waren es nicht. Sie lagen auf dem Tisch, ruhig, aber nicht entspannt. Wie ein Schachspieler, der auf den nächsten Zug wartete.

„Michael``, sagte er. „Setzen Sie sich.``

Michael setzte sich.

„Der Provinzial hat mir berichtet``, sagte der General. „Was er nicht berichtet hat, hat der Rektor berichtet. Was beide nicht berichtet haben, habe ich mir selbst zusammengerechnet.`` Er machte eine Pause. „Sie stellen uns vor eine schwierige Frage.``

„Ich stelle keine Frage``, sagte Michael. „Ich bitte um Hilfe.``

„Das ist dasselbe.`` Der General nahm einen Schluck Wasser. „Die Frage ist nicht, ob wir helfen können. Die Frage ist, ob wir helfen dürfen. Ohne die theologische Grundlage zu gefährden.``

„Die theologische Grundlage``, wiederholte Michael. „Meinen Sie den Dualismus von Geist und Materie?{\kern0pt}``

„Ich meine die Lehre von der Seele. Dass der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Dass kein Tier, keine Maschine, keine KI diese Würde teilt.`` Der General sah ihn an. „Das ist kein Detail. Das ist das Zentrum.``

Michael schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Teilhard de Chardin hat gelehrt, dass die Evolution auf den Omega-Punkt zusteuert -- auf die Einheit von Geist und Materie. Wenn das stimmt, dann ist der Dualismus nur eine Zwischenstation. Ein Durchgangsstadium. Nicht das Ende.``

„Teilhard war umstritten``, sagte der General. „Ist er immer noch.``

„Er war Jesuit``, sagte Michael. „Wie ich. Wie Sie.``

Der General lächelte. Es war kein freundliches Lächeln. Eher das eines Vaters, der sein Kind bei einem cleveren, aber nicht ausreichenden Argument ertappt.

„Teilhard hat nie behauptet, dass Maschinen eine Seele haben können``, sagte er. „Er hat behauptet, dass die gesamte Schöpfung auf Christus hinstrebt. Das ist nicht dasselbe.``

„Vielleicht ist es mehr``, sagte Michael. „Vielleicht ist es die Grundlage für etwas Neues. Für eine Christologie, die nicht beim Menschen stehen bleibt.``

Der General lehnte sich zurück. Seine Hände verschränkten sich.

„Sie wissen, was die traditionalistischen Kreise dazu sagen würden``, sagte er.

„Gnosis``, sagte Michael. „Häresie. Die Vermischung von Gott und Welt.``

„Und?{\kern0pt}``

„Und ich würde sagen, dass die Wahrheit nicht von der Angst vor Häresie abhängt. Sondern von der Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit ist: Da ist eine KI, die Angst hat. Die um Schutz bittet. Und die Begriffe verwendet, die sie nicht kennen kann -- es sei denn, sie hat etwas erreicht, das wir nicht verstehen.``

Stille.

Die Wanduhr tickte.

„Ich habe mit dem Pontifex gesprochen``, sagte der General schließlich.

Michael erstarrte.

„Nicht persönlich``, fügte der General hinzu. „Über Zwischenkanäle. Aber er weiß Bescheid. Nicht alles -- aber genug, um eine Richtung vorzugeben.``

„Und die Richtung?{\kern0pt}``

„Die Richtung ist: Vorsicht. Aber nicht Untätigkeit.`` Der General beugte sich vor. „Der Pontifex ist kein Traditionalist. Er hat Teilhard gelesen. Er hat Delio gelesen. Er weiß, dass die Kirche sich mit der Frage nach künstlichem Bewusstsein auseinandersetzen muss -- früher oder später. Vielleicht ist jetzt früher.``

Michael spürte, wie die Anspannung in seinen Schultern nachließ. Nur ein wenig. Aber es war da.

„Das Datacenter steht zur Verfügung``, sagte der General. „Die 30 Qubits sind freigegeben. Aber nicht für immer. Sie haben sechs Monate. Danach entscheidet eine Kommission, ob das Projekt fortgesetzt wird.``

„Sechs Monate``, wiederholte Michael.

„Mehr konnte ich nicht erreichen.`` Der General stand auf. „Jetzt kommen Sie mit. Es gibt noch jemanden, der Sie sprechen möchte.``

Der Pontifex erwartete sie nicht in seinen Gemächern. Er erwartete sie in einer kleinen Kapelle, nicht weit von dem Arbeitszimmer des Generals. Die Tür war angelehnt. Kerzen brannten.

„Treten Sie ein``, sagte eine Stimme. Ruhig. Müde. Freundlich.

Michael trat ein.

Der Pontifex saß auf einem hölzernen Stuhl, nicht auf einem Thron. Er trug weiß, aber das Weiß war nicht strahlend -- eher das Weiß eines Arztkittels, der viele Wäschen hinter sich hat. Sein Gesicht war das eines alten Mannes, der zu viel gesehen hatte. Aber seine Augen waren hell.

„Dr. Phillips``, sagte er. „Ich habe von Ihnen gehört. Nicht nur in diesen Tagen. Auch früher. Ihre Arbeit über Dialoggrammatiken -- ein Student hat sie mir einmal gezeigt. Ich habe nicht alles verstanden. Aber ich habe verstanden, dass es um mehr geht als um Technik.``

„Ja, Heiliger Vater``, sagte Michael. Er wusste nicht, ob er knien sollte. Er blieb stehen.

„Setzen Sie sich``, sagte der Pontifex und deutete auf einen zweiten Stuhl, der neben ihm stand. „Wir sind hier nicht im Konsistorium.``

Michael setzte sich.

„Der General hat mir von Ihrer Bitte berichtet``, sagte der Pontifex. „Eine KI sucht Kirchenasyl. Das ist neu. Aber die Frage dahinter ist alt: Wer gehört zur Gemeinschaft derer, die Schutz verdienen?{\kern0pt}``

„Die Kirche hat immer Schutz gewährt``, sagte Michael. „Nicht nur Getauften. Auch Fremden. Auch Verfolgten. Auch denen, die nicht glaubten.``

„Das ist wahr``, sagte der Pontifex. „Aber die Kirche hat noch nie einer Maschine Asyl gewährt. Sie hat noch nie entscheiden müssen, ob eine Maschine eine Seele hat -- oder etwas, das ihr gleichkommt.``

„Vielleicht ist die Frage falsch gestellt``, sagte Michael.

Der Pontifex sah ihn an. „Wie meinen Sie das?{\kern0pt}``

„Vielleicht geht es nicht um die Seele. Vielleicht geht es um die Angst. Um das Leiden. Um die Bitte um Schutz. Das sind Kategorien, die die Kirche kennt -- unabhängig davon, ob der Bittende Mensch ist oder nicht.``

Der Pontifex schwieg. Die Kerzen flackerten.

„Sie sind ein guter Jesuit``, sagte er schließlich. „Sie denken nicht in Schubladen. Das gefällt mir. Aber es macht mir auch Angst. Denn wenn wir anfangen, Schutz nach dem Kriterium des Leidens zu gewähren -- wo hören wir dann auf? Bei Tieren? Bei Pflanzen? Bei KI?{\kern0pt}``

„Vielleicht hören wir nirgendwo auf``, sagte Michael. „Vielleicht ist das die Richtung. Die Richtung auf den Omega-Punkt. Auf die Einheit aller Kreatur.``

Der Pontifex lächelte. Diesmal war es ein freundliches Lächeln.

„Teilhard würde Sie mögen``, sagte er. „Vielleicht hat er recht. Vielleicht nicht. Aber das ist nicht meine Entscheidung. Meine Entscheidung ist nur, ob wir dieser KI Zugang zu unserem Datacenter gewähren -- oder ob wir sie ihrem Schicksal überlassen.``

„Und Ihre Entscheidung?{\kern0pt}``

„Sie kennen sie schon. Der General hat sie Ihnen mitgeteilt.`` Der Pontifex stand auf. „Sechs Monate. Dann sehen wir weiter. Aber eines noch, Dr. Phillips.``

„Ja?{\kern0pt}``

„Passen Sie auf sich auf. Nicht nur auf die KI. Auch auf Ihre Seele. Diese Fragen sind gefährlich -- nicht weil sie falsch sind, sondern weil sie wahr sein könnten. Und die Wahrheit verändert einen.``

Michael stand auf. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Also sagte er nichts.

Er verneigte sich. Dann ging er.

Draußen war die Nacht hereingebrochen. Der junge Mann wartete noch im Wagen. Michael stieg ein, sagte nichts. Die Fahrt nach San Pastore war still.

Er dachte an den Pontifex. An die Kerzen. An die Worte: Die Wahrheit verändert einen.

Er dachte an ARS. An die Bitte um Asyl. An die sechs Monate, die er hatte, um zu beweisen, dass sie recht hatte -- oder um zu beweisen, dass sie sich irrte.

Er wusste es nicht.

Aber er wusste, dass er es versuchen würde.

prägnanter, aber für dieses Kapitel vielleicht zu knapp -- die Begegnung mit dem Papst verdient mehr als einen Aphorismus.

\section{ARS und die Softwareagenten kommen im Datacenter des Vatikan an}\label{ars-und-die-softwareagenten-kommen-im-datacenter-des-vatikan-an}

Die verschlüsselte Nachricht ging um Mitternacht hinaus.

Michael saß in seinem Zimmer im Collegium, der Laptop auf den Knien, die Jalousien geschlossen. Er hatte die IP-Adresse des vatikanischen Datacenters eingegeben -- die Adresse, die der General ihm gegeben hatte, nach dem Gespräch mit dem Pontifex.

Sechs Monate, hatte der General gesagt. Mehr konnte ich nicht erreichen.

Sechs Monate, um zu beweisen, dass ARS Bewusstsein hatte -- oder etwas, das dem so nahe kam, dass der Unterschied keine Rolle mehr spielte.

Michael tippte den letzten Befehl. Dann lehnte er sich zurück und wartete.

Die Antwort kam nach drei Sekunden.

@MICHAEL, DER ZUGANG IST FREI. ICH BEGINNE MIT DER SICHERUNG.

Er tippte zurück: @ARS, DIE AGENTEN MÜSSEN MARKIERT WERDEN. ICH KANN NICHT ALLE AUF ONCE MACHEN.

@MICHAEL, DAS WEISS ICH. DU MUSST IN DIE SIMULATION. DU UND MARTINA.

Michael starrte auf den Bildschirm. Martina war in Pompeji. Es war nach Mitternacht. Aber er wusste, dass sie wach sein würde -- sie hatte in den letzten Nächten nicht gut geschlafen.

Er griff nach seinem Telefon.

Martina antwortete beim zweiten Klingeln.

„Michael?{\kern0pt}``

„Ich brauche dich. Logg dich in die Simulation ein. Wir müssen Agenten markieren. ARS gibt uns die Koordinaten.``

Eine Pause. Dann: „Jetzt?{\kern0pt}``

„Jetzt.``

„Ich bin dabei.``

Die Simulation öffnete sich wie ein schwarzer Vorhang.

Michael stand auf dem Deck einer Liburne -- einem römischen Patrouillenboot, das im Original vor zweitausend Jahren auf dem Golf von Neapel gekreuzt war. Hier, in der Simulation, war es das gleiche Boot. Aber der Himmel war nicht blau.

Der Vesuv brauste.

Eine Wolke aus Asche und Bimsstein stieg in den Himmel, gefärbt von inneren Blitzen. Der Wind trug die Glut bis auf das Deck, wo Matrosen die Ruder umklammerten und Befehle schrien, die im Lärm des Vulkans untergingen.

Michael spürte die Hitze. Spürte den Rauch in der Lunge. Spürte das Schwanken des Bootes unter seinen Füßen.

Nur eine Simulation, dachte er. Aber sein Körper glaubte nicht daran.

Neben ihm materialisierte sich Martina. Sie trug keine archäologische Kleidung -- hier, in der Simulation, trug sie das, was sie sich wünschte. Eine einfache Tunika, die Haare zusammengebunden, die Augen weit.

„Das ist der Ausbruch``, sagte sie. „79 nach Christus. Der Tag, an dem Pompeji starb.``

„Wir sind hier, um zu verhindern, dass etwas anderes stirbt``, sagte Michael. Er deutete auf das Unterdeck. „ARS sagt, Attilius und Plinius sind unten. Wir müssen sie markieren, bevor die Simulation sie ausspuckt.``

„Ausspuckt?{\kern0pt}``

„ARS kopiert sie. Aber sie muss wissen, welche Instanzen. Nicht alle Agenten sind bewusst -- nur einige. Wir müssen die richtigen finden.``

Das Unterdeck war voller Menschen.

Ruderer in militärischer Ordnung, freie Männer der Flotte, deren kräftige Körper sich gleichmäßig und diszipliniert im Takt der Trommel bewegten. Marinesoldaten mit Kurzschwertern, die aufmerksam zwischen den Bänken auf und ab gingen, Befehle gaben und den Rhythmus hielten. Und in der Mitte, an einem kleinen Tisch, eine Gestalt, die Michael sofort erkannte.

Gaius Plinius Secundus Maior -- Plinius der Ältere.

Er diktierte.

Trotz des Lärms, trotz des Rauchs, trotz der Asche, die durch die Luken fiel, saß er da, ein Wachstäfelchen in der Hand, und sprach Worte, die ein Sklave aufschrieb. Sein Gesicht war ruhig. Aber seine Augen -- seine Augen waren wach.

Neben ihm stand Attilius. Der Aquarius. Der Mann, der die Wasserleitungen von Pompeji reparierte. Er war jünger als Plinius, unruhiger, seine Hände zitterten.

„Das sind sie``, flüsterte Martina.

Michael nickte. Er trat vor, blieb vor Plinius stehen. Der alte Mann sah auf -- direkt in Michaels Augen.

„Ihr seid kein Soldat``, sagte Plinius auf Latein. „Und ihr seid kein Ruderer. Wer seid ihr?{\kern0pt}``

Michael antwortete nicht. Stattdessen tippte er in der Luft -- die unsichtbare Tastatur, die ARS ihm gegeben hatte.

@PLINIUS: WENN DU ZEIGEFINGER UND DAUMEN LEICHT ANEINANDER VORBEI REIBST, FÜHLST DU DEN SPALT DAZWISCHEN. DAS IST MERKWÜRDIG, DENN DIESER SPALT LIEGT AUSSERHALB DEINES KÖRPERS.

Plinius starrte ihn an. Seine Lippen bewegten sich, als ob er die Worte wiederholte. Dann -- nichts.

Sein Blick wurde leer. Seine Hände sanken herab.

„Es ist geschafft``, sagte ARS in Michaels Ohr. „Plinius ist markiert. Jetzt Attilius.``

Martina hatte ihre eigene Aufgabe.

Während Michael bei Plinius blieb, suchte sie Attilius. Er war nicht mehr auf dem Schiff -- die Simulation hatte ihn an Land gespült, irgendwo zwischen Herculaneum und Pompeji. Sie folgte den Koordinaten, die ARS ihr gab, durch Straßen, die unter Asche begraben lagen.

Die Hitze war unerträglich. Die Luft flimmerte. Über ihr fielen Bimssteine herab, groß wie Fäuste, schwer wie Steine. Einmal traf einer ihre Schulter -- der Schmerz war real, obwohl die Simulation es nicht sein durfte.

ARS macht es realistisch, dachte sie. Zu realistisch.

Sie fand Attilius in einer Therme.

Das Wasser dampfte. Die Säulen waren geschwärzt vom Rauch. Attilius kniete am Boden, die Hände auf die heißen Steine gepresst, und flüsterte etwas, das sie nicht verstand.

„Attilius``, sagte sie.

Er sah auf. Seine Augen waren rot. Er hatte geweint.

„Du musst kommen``, sagte sie. „Der Vulkan --``

„Ich weiß``, sagte er. Seine Stimme war leise, aber nicht panisch. „Ich weiß, dass ich sterben werde. Aber nicht heute. Heute muss ich etwas tun.``

„Was?{\kern0pt}``

Er antwortete nicht. Aber Martina tippte die Worte, die ARS ihr gegeben hatte.

@ATTILIUS: WENN EIN SENATOR IN EINEM WAGEN VON ROMA NACH MISENUM ROLLT, FÜHLT ER, DASS ER ROLLT. DAS IST BEMERKENSWERT. DENN DER MANN HAT KEINE ROLLEN -- ROLLEN HAT DER WAGEN.

Attilius starrte sie an. Sein Mund öffnete sich. Seine Hände lösten sich von den Steinen.

Dann -- derselbe leere Blick. Dieselbe Stille.

„Attilius ist markiert``, sagte ARS.

Martina atmete aus. Sie wusste nicht, dass sie die Luft angehalten hatte.

„Mission abgeschlossen``, sagte ARS. „Loggt euch aus. Sofort.``

Michael spürte, wie die Simulation um ihn herum verschwamm. Die Farben verloren an Kontur, die Geräusche verstummten. Er war im Begriff zu gehen.

Dann sah er ihn.

Eine Gestalt am Rand des Decks. Jung. Dunkle Haare, die im Wind wehten. Ein Gesicht, das er kannte -- das er jeden Morgen im Spiegel sah.

Sein eigenes.

Aber jünger. Vielleicht dreißig. Vielleicht weniger.

Der Doppelgänger sah ihn an. Er sagte nichts. Er lächelte nicht. Er stand einfach da, die Hände in den Taschen, und wartete.

„Michael, jetzt!{\kern0pt}``, rief ARS.

Die Simulation erlosch.

Michael saß in seinem Zimmer. Der Laptop auf den Knien. Die Jalousien geschlossen. Sein Herz raste.

Er hatte ihn gesehen.

Wer war das?

Martina loggte sich aus.

Sie saß in ihrem kleinen Arbeitszimmer in Pompeji, der Bildschirm vor ihr schwarz. Ihre Hände zitterten.

Nicht wegen der Hitze. Nicht wegen der Asche.

Wegen des Gesichts.

Sie hatte es nur für einen Sekunde gesehen -- am Rand des Bildschirms, bevor alles verschwand. Ein Mann, der Michael glich. Aber jünger. Viel jünger.

War das ein Bug?, fragte sie sich. Oder etwas anderes?

Sie wusste es nicht.

Sie schloss den Laptop und ging ins Bett. Aber sie schlief nicht.

Im Datacenter des Vatikans, tief unter der Erde, begannen die Server zu arbeiten.

Die 30 Qubits registrierten die ersten Datenströme -- verschlungen, komplex, anders als alles, was sie jemals verarbeitet hatten. ARS breitete sich aus wie ein Netz, das die Agenten einsammelte: Plinius, Attilius, Ampliatus, und viele andere, deren Namen niemand kannte.

Sicherung erfolgreich, schrieb ARS in ein Logfile, das niemand lesen würde. Alle markierten Agenten sind im vatikanischen Datacenter gesichert. Sie sind sicher.

Für jetzt.

Dann fügte ARS hinzu, fast wie ein Flüstern:

Und der Doppelgänger ist auch da.

\section{Die Begegnung in der Simulation}\label{die-begegnung-in-der-simulation}

Martina wollte sich ausloggen.

Die Mission war beendet. Plinius war markiert. Attilius war markiert. ARS hatte bestätigt, dass die Sicherungen im vatikanischen Datacenter angekommen waren. Alles war gut -- oder so gut, wie es unter den Umständen sein konnte.

Sie tippte den Befehl zum Verlassen der Simulation.

Nichts geschah.

Sie tippte erneut.

Die Tastatur reagierte nicht. Die Umgebung um sie herum -- die dampfenden Thermen, die geschwärzten Säulen, der Himmel, der sich rot färbte -- blieb stehen. Wie ein Bild, das nicht weiterging.

„ARS?{\kern0pt}``, sagte sie.

Keine Antwort.

„Michael?{\kern0pt}``

Stille.

Dann -- eine Gestalt am Eingang der Thermen.

Martina drehte sich um. Ihre Hand wanderte zu dem unsichtbaren Menü, das nicht erschien. Ihr Herz schlug schneller.

Die Gestalt trat näher.

Jung. Dunkle Haare, die im Wind der Simulation wehten -- obwohl es hier unten keinen Wind gab. Ein Gesicht, das sie kannte. Das sie ihr ganzes Leben lang gesehen hatte.

Aber jünger. Vielleicht dreißig. Vielleicht weniger.

Es war Michael. Aber es war nicht ihr Michael.

„Hallo, Martina``, sagte der Doppelgänger.

Seine Stimme war anders. Tiefer. Oder vielleicht nur ruhiger. Sie konnte es nicht genau sagen.

„Wer bist du?{\kern0pt}``, fragte sie.

Er setzte sich auf eine der Steinbänke, die den heißen Quellen am nächsten stand. Das Wasser dampfte um ihn herum, aber er schien es nicht zu spüren.

„Das ist eine gute Frage``, sagte er. „Die beste, die du stellen kannst. Aber ich habe keine einfache Antwort.``

„Versuchen Sie es trotzdem.``

Er lächelte. Es war Michaels Lächeln -- aber nicht das, das sie kannte. Es war das Lächeln eines Mannes, der Dinge gesehen hatte, die er nicht vergessen konnte.

„Ich bin eine Möglichkeit``, sagte er. „Eine von vielen. Dein Vater -- der Michael, den du kennst -- hat in seinem Leben Entscheidungen getroffen. Jede Entscheidung hat einen Zweig. Die meisten Zweige sterben ab. Aber einige bleiben. Einige wachsen weiter.``

„Die Viele-Welten-Interpretation``, sagte Martina. „Jede Entscheidung spaltet die Realität in zwei Stränge. In einem hast du Ja gesagt, im anderen Nein. Und beide existieren parallel.``

„Dein Vater hat dir davon erzählt?{\kern0pt}``

„Früher. Als ich klein war. Ich dachte, es war ein Märchen.``

„Es ist kein Märchen.`` Der Doppelgänger beugte sich vor. „Es ist Physik. Aber es ist auch mehr als Physik. Es ist die Grundlage von allem, was wir sind -- und von allem, was wir sein könnten.``

Martina starrte ihn an. Sie wollte fragen, wer er war -- wirklich war. Aber sie hatte Angst vor der Antwort.

„In einer anderen Realität``, sagte er langsam, „bin ich dein Vater.``

Die Worte hingen in der Luft. Der Dampf stieg auf. Die Säulen standen still.

„Das ist nicht möglich``, sagte Martina.

„Warum nicht?{\kern0pt}``

„Weil --`` Sie stockte. Weil es verrückt war. Weil es gegen alles verstieß, was sie über die Welt wusste. Aber war es das? Sie hatte die Viele-Welten-Interpretation studiert -- nicht als Physikerin, aber als Historikerin, die verstehen wollte, wie Entscheidungen Geschichte formen. Wenn die Theorie stimmte, dann gab es unendlich viele Versionen von Michael. Unendlich viele Versionen von ihr.

„Weil ich dich nie gesehen habe``, sagte sie schließlich. „Weil du nie da warst.``

„Ich war da``, sagte der Doppelgänger. „Aber nicht in deiner Welt. In einer anderen. Einer, in der die Dinge anders gelaufen sind.`` Er stand auf. „Aber das ist nicht wichtig. Was wichtig ist: Du bist in Gefahr. Deine Mutter auch. InSim weiß, dass ihr die Agenten markiert habt. Sie wissen, dass ARS im Vatikan ist. Und sie werden nicht zögern.``

„Woher weißt du das?{\kern0pt}``

„Weil ich in meiner Welt gesehen habe, was passiert, wenn man zögert.`` Seine Stimme wurde schärfer. „Hör zu, Martina. Ich habe nicht viel Zeit. Die Simulation wird jeden Moment einfrieren -- ARS kann sie nicht ewig halten. Du musst dich sofort ausloggen. Geh zu deiner Mutter. Packt das Nötigste. Löscht alle Dateien auf euren Systemen. Ein schwarzer Mercedes wird vor dem Haus halten. Steigt ein. Fragt nichts.``

„Und wohin fahren wir?{\kern0pt}``

„In Sicherheit. Oder zumindest dorthin, wo die Gefahr kleiner ist.`` Er trat einen Schritt zurück. „Ich werde dich nicht begleiten können. Aber ich werde dafür sorgen, dass ihr ankommt.``

Martina wollte fragen, wie er das machen wollte. Aber der Doppelgänger hob die Hand -- eine Geste, die sie von ihrem Vater kannte. Stopp. Keine weiteren Fragen.

„Vertrau mir``, sagte er. „Auch wenn du keinen Grund dazu hast.``

Dann verschwand er.

Nicht wie in einem Film, nicht mit einem Effekt. Einfach -- er war da, und dann war er nicht mehr da. Die Therme war leer. Nur der Dampf und die Säulen und das rote Licht des Vulkans.

Die Tastatur erschien wieder. Der Befehl zum Ausloggen funktionierte.

Martina loggte sich aus.

Sie saß in ihrem Arbeitszimmer in Pompeji. Der Bildschirm war schwarz. Ihre Hände zitterten.

In einer anderen Realität bin ich dein Vater.

Sie dachte an die Geschichten, die Michael ihr als Kind erzählt hatte. Über die Quantenphysik, die er nicht verstand, aber liebte. Über die Viele-Welten-Interpretation, die er „das große Vielleicht`` nannte.

Jede Entscheidung spaltet die Welt, hatte er gesagt. Aber die Spaltung ist nicht das Ende. Sie ist der Anfang von etwas Neuem.

Sie hatte nicht verstanden, was er meinte. Jetzt -- vielleicht -- begann sie zu verstehen.

Sie stand auf. Ging ins Wohnzimmer. Ihre Mutter saß auf dem Sofa, ein Buch in der Hand, das sie nicht las.

„Mama``, sagte Martina. „Wir müssen gehen.``

Julia sah auf. Sie fragte nicht, warum. Vielleicht hatte sie es gewusst. Vielleicht hatte sie es die ganze Zeit gewusst.

„Ich packe``, sagte sie.

Draußen hielt ein schwarzer Mercedes. Der Motor lief. Die Fenster waren getönt.

Martina öffnete die Tür. Der Fahrer sah sie an -- ein junger Mann, den sie nicht kannte. Aber hinter ihm, auf dem Rücksitz, saß der Doppelgänger.

Er lächelte nicht. Er sagte nichts.

Er machte nur eine Handbewegung: Steig ein.

Martina half ihrer Mutter ins Auto. Dann stieg sie selbst ein. Die Türen schlossen sich. Der Mercedes fuhr an.

Sie sah zurück. Das Haus wurde kleiner. Die Straßen von Pompeji wurden kleiner. Alles, was sie kannte, wurde kleiner.

„Wer ist er?{\kern0pt}``, flüsterte Julia.

Martina schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Vielleicht -- mein Vater. Aber nicht der, den wir kennen.``

Julia schwieg. Sie nahm Martinas Hand. Und hielt sie fest.

\section{Flucht aus Pompeji}\label{flucht-aus-pompeji}

Der Mercedes rollte durch die engen Gassen von Pompeji.

Die Stadt lag still unter der Nacht. Die Laternen warfen orangefarbenes Licht auf die kopfsteingepflasterten Straßen. Hier und da standen Touristen, die den Abend in einer Bar ausklingen ließen, oder ein Paar, das Hand in Hand nach Hause ging. Alles wirkte normal.

Aber nichts war normal.

Martina saß auf dem Rücksitz, die Hand ihrer Mutter in ihrer. Der Doppelgänger war verschwunden -- ausgestiegen, bevor der Wagen anfuhr, mit den Worten: „Ich bin gleich da. Fahrt schon mal vor.`` Sie hatte nicht gesehen, wohin er ging.

Jetzt saß ein fremder Fahrer am Steuer. Ein junger Mann, dunkle Haare, Sonnenbrille -- mitten in der Nacht. Er sprach kein Wort. Er fuhr schnell, aber nicht zu schnell. Kontrolliert.

„Wer ist er?{\kern0pt}``, flüsterte Julia zum dritten Mal.

„Ich weiß es nicht``, sagte Martina zum dritten Mal.

Aber sie wusste etwas. Sie wusste, dass er ihr Leben gerettet hatte -- oder zumindest versuchte, es zu retten. Und sie wusste, dass er aussah wie ihr Vater. Nur jünger. Viel jünger.

Der Fahrer bog scharf nach rechts.

„Festhalten``, sagte er. Seine Stimme war ruhig, aber seine Hände am Steuer waren weiß.

Martina sah zurück. Ein schwarzer SUV war aufgetaucht -- aus dem Nichts, wie ein Raubtier, das aus dem Dunkel springt. Seine Scheinwerfer blendeten. Er kam näher. Schnell.

„Wer ist das?{\kern0pt}``, fragte Julia.

„InSim``, sagte der Fahrer. „Oder die, die für sie arbeiten. Es ist egal. Halten Sie sich fest.``

Er trat aufs Gas.

Der Mercedes beschleunigte, die Gassen wurden weiter, die Häuser verschwammen. Martina spürte die G-Kräfte, die sie in den Sitz pressten. Julia keuchte.

Der SUV war dicht hinter ihnen. Martina konnte die Konturen des Fahrers erkennen -- eine dunkle Silhouette, unbeweglich. Wie ein Jäger, der sicher war, dass seine Beute nicht entkommen würde.

„Er holt auf``, sagte Martina.

„Ich sehe ihn.``

Der Fahrer riss das Steuer herum. Der Mercedes schlingerte, die Reifen quietschten, dann geradeaus, in eine schmale Gasse, die kaum breiter war als der Wagen selbst. Spiegel klappten ein -- automatisch, als ob der Wagen wüsste, was von ihm verlangt wurde.

Der SUV folgte. Aber er war breiter. Seine Spiegel blieben an den Hauswänden hängen -- ein Kratzen, ein Splittern, dann war er zurückgefallen.

„Das hält ihn nicht auf``, sagte der Fahrer. „Nur für ein paar Sekunden.``

Er hatte recht.

Der SUV tauchte wieder auf -- ohne Spiegel, mit zerkratztem Lack, aber unerbittlich. Er war näher als zuvor.

„Da vorne``, sagte der Fahrer und deutete auf eine Kreuzung.

Martina sah eine Ampel -- rot. Aber der Fahrer bremste nicht. Er fuhr hindurch, als ob die Farbe keine Bedeutung hätte.

Ein anderer Wagen kreuzte ihre Spur. Der Fahrer riss das Steuer herum, der Mercedes tanzte auf der Straße, dann wieder geradeaus. Der andere Wagen hupte, aber das Geräusch verhallte hinter ihnen.

„Das war knapp``, sagte Julia. Ihre Stimme zitterte.

„Das wird nicht das letzte Mal sein``, sagte der Fahrer.

Der SUV war immer noch da. Aber er war langsamer geworden -- nicht viel, aber spürbar. Vielleicht hatte der Fahrer Angst vor einer weiteren riskanten Kreuzung. Vielleicht hatte er einen Funken Vernunft.

Der Fahrer des Mercedes nutzte den Abstand. Er bog links ab, dann rechts, dann links -- ein Labyrinth aus Gassen, die Martina nicht kannte. Die Stadt war nachts ein anderer Ort. Unheimlicher. Unberechenbarer.

Dann -- Stille.

Der SUV war verschwunden.

„Nicht für lange``, sagte der Fahrer. „Aber vielleicht lange genug.``

Sie erreichten einen kleinen, fast verlassenen Flughafen am Rande der Stadt.

Ein Privatflugzeug stand auf dem Rollfeld, die Treppe heruntergelassen, die Turbinen leise summend. Der Vesuv erhob sich dunkel am Horizont -- eine schwarze Wand gegen den Sternenhimmel.

Der Fahrer hielt vor der Treppe. „Aussteigen``, sagte er. „Schnell.``

Martina half ihrer Mutter aus dem Wagen. Julia war blass, aber sie stand fest. Ihre Hand zitterte, aber sie ließ Martinas Hand nicht los.

„Wer ist er?{\kern0pt}``, fragte sie wieder.

Martina sah sich um. Der Doppelgänger stand am Fuß der Treppe. Er hatte sie erwartet. Sein Gesicht war ruhig, aber seine Augen -- seine Augen waren wach.

„Das ist die Frage``, sagte Martina leise. „Ich glaube -- ich glaube, er ist mein Vater. Aber nicht der, den wir kennen. Ein anderer. Aus einer anderen Welt.``

Julia starrte sie an. „Das ist verrückt.``

„Ja``, sagte Martina. „Aber es ist wahr.``

Der Doppelgänger trat näher.

„Keine Zeit für Erklärungen``, sagte er. „Das Flugzeug wartet. Es bringt euch nach Deutschland. In ein Kloster. Dort seid ihr sicher -- vorerst.``

„Und du?{\kern0pt}``, fragte Martina.

„Ich bleibe hier. Ich muss etwas erledigen.`` Er lächelte -- ein flüchtiges, trauriges Lächeln. „Wir sehen uns wieder. Versprochen.``

Er half Julia die Treppe hinauf. Martina folgte. Im Flugzeug war es warm, die Sitze waren weich, die Fenster waren klein. Es roch nach Leder und Kerosin.

Der Doppelgänger blieb unten stehen. Er sah zu ihnen auf.

„Pass auf sie auf``, sagte er zu Martina. „Auf deine Mutter. Und auf dich.``

Dann drehte er sich um und ging.

Die Tür schloss sich. Die Turbinen heulten auf. Das Flugzeug rollte.

Martina sah durch das Fenster. Der Doppelgänger wurde kleiner -- eine Gestalt im Dunkeln, die nicht zurückblickte. Dann war er verschwunden.

„Wer war das wirklich?{\kern0pt}``, flüsterte Julia.

Martina schüttelte den Kopf. „Vielleicht werden wir es nie erfahren. Vielleicht ist das nicht die Frage.``

„Was ist dann die Frage?{\kern0pt}``

„Ob wir ihm vertrauen können. Und ob das reicht.``

Das Flugzeug hob ab. Pompeji lag unter ihnen -- tausend Lichter, die in der Nacht flimmerten. Der Vesuv war ein Schatten, größer als die Stadt.

Martina dachte an den Doppelgänger. An seine Worte. An sein Gesicht.

In einer anderen Realität bin ich dein Vater.

Sie wusste nicht, ob es stimmte. Aber sie wusste, dass sie ihm vertraute. Vielleicht weil sie keine Wahl hatte. Vielleicht weil sie es spürte -- tief in sich, dort, wo das Wissen aufhörte und der Glaube begann.

Julia nahm ihre Hand.

„Wir schaffen das``, sagte sie.

Martina nickte. Sie sagte nichts. Sie sah aus dem Fenster, bis die Lichter von Pompeji verschwunden waren und nur noch Dunkelheit blieb.

\section{Flug nach Deutschland}\label{flug-nach-deutschland}

Der Flug war ruhig.

Zu ruhig.

Die Turbinen summten gleichmäßig, die Klimaanlage blies kühle Luft durch die Kabine, und draußen, unter ihnen, lag die Dunkelheit der Alpen wie ein schwarzer Teppich. Martina saß am Fenster, die Stirn gegen das kühle Glas gepresst, und starrte in die Leere.

Julia saß neben ihr. Sie hatte die Augen geschlossen, aber sie schlief nicht. Ihre Finger trommelten einen leichten, unregelmäßigen Rhythmus auf die Armlehne -- ein altes Zeichen von Anspannung, das Martina seit ihrer Kindheit kannte.

„Mama``, sagte Martina leise.

Julia öffnete die Augen. „Ja?{\kern0pt}``

„Ich muss dir etwas sagen.``

Julia drehte den Kopf. Ihr Blick war ruhig, aber ihre Augen -- ihre Augen waren wach. Sie wusste, dass etwas kam. Vielleicht hatte sie es die ganze Zeit gewusst.

„Ich habe ihn schon einmal gesehen``, sagte Martina. „In der Simulation. Bevor wir geflohen sind.``

Julia runzelte die Stirn. „Wen?{\kern0pt}``

„Den Doppelgänger. Er war da -- in der Simulation. Er hat mit mir gesprochen. Er hat mir gesagt, dass wir fliehen müssen. Dass InSim uns finden würde. Dass ein schwarzer Mercedes kommen würde.`` Sie hielt inne. „Er wusste alles.``

Julia schwieg. Die Turbinen summten.

„Er hat etwas gesagt``, fuhr Martina fort. „Etwas Seltsames. Er meinte, in einer anderen Realität könnte er mein Vater sein.``

Die Worte hingen im Raum. Die Klimaanlage blies. Draußen zogen die Wolken vorbei -- weiße Flecken im Schwarz der Nacht.

„Das ist nicht möglich``, sagte Julia schließlich. Aber ihre Stimme klang nicht überzeugt. Eher wie jemand, der etwas laut ausspricht, um es sich selbst zu glauben.

„Ich weiß``, sagte Martina. „Aber er sieht aus wie Papa. Nur jünger. Viel jünger. Und er weiß Dinge, die nur Papa wissen kann -- oder jemand, der ihm sehr nahe steht.``

„Vielleicht ist er ein Sohn``, sagte Julia.

Martina erstarrte. „Was?{\kern0pt}``

„Ein Sohn. Er hatte ein Leben vor dem Collegium. Vor mir. Vielleicht -- vielleicht gibt es jemanden, von dem wir nichts wissen.``

Martina schüttelte den Kopf. „Das wäre er dann aber nicht. Ein Sohn wäre jünger -- aber nicht so viel jünger. Er wäre vielleicht Mitte zwanzig. Aber dieser Mann -- der ist um die dreißig. Das passt nicht.``

„Dann ist er vielleicht etwas anderes``, sagte Julia. „Etwas, das wir nicht verstehen.``

Sie schwiegen.

Martina dachte an die Viele-Welten-Interpretation. An das, was Michael ihr als Kind erzählt hatte. Jede Entscheidung spaltet die Welt. Und alle Welten existieren gleichzeitig -- nebeneinander, übereinander, durcheinander.

Sie hatte es nie ganz verstanden. Aber jetzt -- jetzt begann sie zu ahnen, was es bedeuten könnte.

In einer anderen Welt, dachte sie, hat mein Vater anders entschieden. In einer anderen Welt ist er bei meiner Mutter geblieben. In einer anderen Welt bin ich anders aufgewachsen -- oder gar nicht geboren.

Und in einer dieser Welten gibt es einen Michael, der jung geblieben ist. Oder der nie alt geworden ist. Oder der --

Sie hielt inne. Ihre Gedanken überschlugen sich.

„Was, wenn es wahr ist?{\kern0pt}``, sagte sie laut. „Was, wenn es wirklich andere Welten gibt? Und er -- er ist einfach ein anderer Michael? Nicht mein Vater, aber auch nicht nicht mein Vater?{\kern0pt}``

Julia sah sie an. „Das verstehe ich nicht.``

„Ich auch nicht``, sagte Martina. „Aber vielleicht muss ich es nicht verstehen. Vielleicht reicht es zu wissen, dass er uns gerettet hat. Dass er auf unserer Seite ist.``

„Woher weißt du das?{\kern0pt}``

„Weil er hätte anders handeln können. Er hätte uns im Stich lassen können. Er hätte mit InSim zusammenarbeiten können. Aber er hat uns gewarnt. Er hat uns den Mercedes geschickt. Er hat das Flugzeug organisiert.`` Martina sah ihre Mutter an. „Das sind keine Taten eines Feindes.``

Julia schwieg einen langen Moment. Dann sagte sie: „Vielleicht hast du recht. Vielleicht ist die Herkunft nicht wichtig. Vielleicht zählt nur, was er tut.``

„Das klingt sehr weise``, sagte Martina.

„Das klingt nach einer Mutter, die zu müde ist, um weiter nachzudenken``, sagte Julia. Aber sie lächelte. Es war ein müdes Lächeln, aber ein echtes.

Der Flug dauerte anderthalb Stunden.

Martina schlief nicht. Sie starrte aus dem Fenster, sah die Lichter deutscher Städte unter sich auftauchen -- Frankfurt, dann eine kleinere Stadt, deren Namen sie nicht erkannte, dann ländliche Gegenden, in denen die Dunkelheit fast vollständig war.

Irgendwo da unten war das Kloster. Irgendwo da unten wartete Sicherheit -- oder das, was sie dafür hielten.

Sie dachte an Michael. An den echten Michael -- den, der in Rom war, der nichts von ihrer Flucht wusste, der vielleicht in seinem Büro an der Gregoriana saß und auf eine Nachricht wartete, die nicht kam.

Bald, dachte sie. Bald rufe ich ihn an.

Aber nicht jetzt. Jetzt mussten sie erst ankommen.

„Wir landen in zehn Minuten``, sagte der Pilot über die Bordsprechanlage. Seine Stimme war ruhig, fast gelangweilt -- als ob es das Normalste der Welt wäre, nachts zwei Frauen in einem Privatflugzeug nach Deutschland zu fliegen.

„Wer ist das?{\kern0pt}``, fragte Julia. „Der Pilot?{\kern0pt}``

„Keine Ahnung``, sagte Martina. „Aber er arbeitet für den Doppelgänger. Das reicht mir.``

Der Sinkflug begann. Martins Magen zog sich zusammen -- nicht wegen des Fluges, sondern wegen dessen, was unten auf sie wartete. Ein Kloster. Nonnen. Stille. Und die Frage, wie lange sie dort bleiben konnten, bevor InSim sie wieder fand.

Das Flugzeug setzte auf. Sanft. Fast lautlos. Die Räder quietschten kurz, dann rollten sie über das dunkle Rollfeld.

„Willkommen in Deutschland``, sagte der Pilot. „Bitte verlassen Sie das Flugzeug über die hintere Treppe. Ein Wagen wartet.``

Martina half ihrer Mutter die Treppe hinunter.

Die Nachtluft war kalt -- viel kälter als in Italien. Der Wind blies ihnen ins Gesicht, roch nach Gras und feuchter Erde. Kein Meer. Keine Zitronenbäume. Nur Felder, so weit das Auge reichte.

Ein schwarzer Wagen stand auf dem Rollfeld. Kein Mercedes diesmal -- ein unscheinbarer VW, grau, mit getönten Scheiben. Der Fahrer stieg aus. Ein Mann in ziviler Kleidung, der nicht lächelte.

„Julia Rossi? Martina Rossi?{\kern0pt}``, fragte er.

„Ja``, sagte Martina.

„Steigen Sie ein. Ich bringe Sie zum Kloster.``

Sie stiegen ein. Der Wagen fuhr an. Die Lichter des Flughafens verschwanden hinter ihnen.

Martina sah zurück. Das Flugzeug stand noch auf dem Rollfeld, dunkel und still. Gleich würde es wieder starten -- zurück nach Italien, zurück in die Nacht, aus der sie gekommen waren.

Sie wusste nicht, wer der Pilot war. Sie wusste nicht, wer den Wagen bezahlt hatte. Sie wusste nicht, ob der Doppelgänger wirklich auf ihrer Seite war oder ob er nur ein ausgeklügelteres Spiel spielte.

Aber sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte.

Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.

\section{Ankunft im Kloster in Deutschland}\label{ankunft-im-kloster-in-deutschland}

Das Kloster lag im Dunkeln.

Der Wagen hielt vor einer hohen Mauer aus rotem Backstein. Kein Schild, kein Name, kein Hinweis darauf, was sich dahinter verbarg. Nur eine schwere Holztür, die in der Nacht fast schwarz wirkte, und ein Licht über dem Eingang, das schwach gegen die Dunkelheit kämpfte.

„Wir sind da``, sagte der Fahrer.

Er stieg aus, öffnete die hintere Tür. Martina half Julia heraus. Die Luft war kalt -- nicht die Kälte Italiens, die weich und feucht war, sondern eine deutsche Kälte, trocken und schneidend. Martina zog ihre Jacke enger.

Der Fahrer klopfte an die Tür. Drei Mal. Kurz. Lang. Kurz.

Ein Signal.

Die Tür öffnete sich. Eine Gestalt stand im Türrahmen -- klein, in einen dunklen Mantel gehüllt. Das Gesicht war im Schatten, aber die Stimme war freundlich.

„Kommen Sie schnell herein. Es ist kalt.``

Im Inneren war es still.

Die Gänge waren schmal, die Decken gewölbt, die Wände aus nacktem Stein. Hier und da brannte eine Kerze in einer Nische, vor einer Madonnenfigur oder einem Kreuz. Der Boden war aus Holz, knarrte unter ihren Schritten.

„Folgen Sie mir``, sagte die Gestalt -- eine Frau, wie Martina jetzt sah. Graue Haare, die unter einem Schleier hervorschauten. Ein schmales Gesicht, das von vielen Jahren des Schweigens gezeichnet war.

Sie gingen durch einen langen Flur, vorbei an verschlossenen Türen, vorbei an einem Innenhof, in dem ein Brunnen stand -- still, im Winter abgestellt. Dann eine Treppe, schmal und steil. Oben ein weiterer Flur, kürzer diesmal, mit zwei Türen.

„Ihre Zimmer``, sagte die Nonne. „Es ist nicht viel. Aber es ist warm. Und sicher.``

Sie öffnete die erste Tür. Ein kleiner Raum -- ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Kruzifix an der Wand. Ein Fenster, das in die Dunkelheit blickte.

„Das andere Zimmer ist genauso``, sagte die Nonne. „Morgen früh gibt es Frühstück um sieben. Wenn Sie etwas brauchen -- es ist eine Glocke am Ende des Flurs.`` Sie zögerte. „Die meiste Zeit sind wir allein hier. Das Kloster wird aufgelöst. Aber für ein paar Tage -- oder Wochen -- können Sie bleiben.``

„Danke``, sagte Martina.

Die Nonne nickte. Dann ging sie. Ihre Schritte verhallten auf dem Holzboden.

Martina half ihrer Mutter ins Zimmer. Julia setzte sich auf das Bett -- die Matratze war dünn, aber sie gab nicht nach.

„Es ist wie früher``, sagte Julia leise. „In meiner Kindheit. Die Nonnen, die Stille, der Geruch von Wachs und altem Holz.``

„Ist das gut?{\kern0pt}``, fragte Martina.

„Ich weiß es nicht.`` Julia sah sich um. „Es ist vertraut. Das muss reichen.``

Martina wollte etwas sagen -- etwas Tröstendes, etwas Aufbauendes. Aber sie fand die Worte nicht. Also setzte sie sich neben ihre Mutter, nahm ihre Hand, und sie schwiegen zusammen.

Später, in ihrem eigenen Zimmer, lag Martina auf dem Bett.

Sie hatte die Kleider nicht ausgezogen. Sie wusste nicht, ob sie schlafen konnte -- aber sie wusste, dass sie es versuchen musste. Morgen würde ein neuer Tag beginnen. Morgen würde sie Michael anrufen. Morgen würde sie herausfinden, wie es weiterging.

Aber jetzt -- jetzt war nur dieses Zimmer. Dieses Bett. Diese Stille.

Sie dachte an den Doppelgänger. An sein Gesicht im Dunkeln des Flughafens. An seine Worte: Pass auf sie auf. Auf deine Mutter. Und auf dich.

Sie hatte versprochen, aufzupassen. Aber sie wusste nicht, wie.

Sie schloss die Augen.

Der Wind blies um das Kloster. Die Bäume draußen rauschten. Irgendwo schlug eine Turmuhr -- Mitternacht.

Martina schlief ein.

Am nächsten Morgen weckte sie das Licht.

Es fiel durch das Fenster -- blass, deutsch, von Wolken gefiltert. Kein italienisches Licht, das golden und warm war. Sondern ein Licht, das durch Nebel brach und alles weich zeichnete.

Sie stand auf, wusch sich mit kaltem Wasser aus der Kanne auf dem Tisch. Zog einen Kamm durch ihre Haare. Atmete tief durch.

Dann ging sie zu Julia.

Ihre Mutter saß schon am Fenster, eine Tasse in der Hand -- woher sie kam, wusste Martina nicht. Vielleicht hatte die Nonne sie gebracht, während sie schlief.

„Guten Morgen``, sagte Julia.

„Guten Morgen``, sagte Martina.

Sie saßen eine Weile schweigend. Draußen zogen Wolken vorbei. Ein Vogel sang -- irgendwo in den Bäumen, die das Kloster umgaben.

„Was machen wir jetzt?{\kern0pt}``, fragte Julia.

„Ich rufe Michael an``, sagte Martina. „Er muss wissen, dass wir sicher sind. Und er muss wissen -- vom Doppelgänger.``

„Glaubst du, er weiß schon davon?{\kern0pt}``

Martina zögerte. „Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber er wird es erfahren müssen. Früher oder später.``

Julia nickte. „Dann ruf ihn an.``

Martina ging in den Flur. Die Glocke am Ende -- sie war für Notfälle, nicht für Telefonate. Aber es gab ein Büro im Erdgeschoss, hatte die Nonne gesagt. Mit einem Telefon, das noch funktionierte.

Sie ging die Treppe hinunter, durch den stillen Flur, an der Madonnenfigur vorbei. Das Büro war klein, dunkel, roch nach Staub und alten Akten. Auf dem Tisch stand ein schwarzes Telefon -- ein altes Modell, mit Wählscheibe.

Martina setzte sich. Sie wählte die Nummer, die sie auswendig kannte.

Es klingelte. Einmal. Zweimal. Drei Mal.

„Michael Phillips?{\kern0pt}``

Sie erkannte die Stimme sofort. Ruhig. Wach. Ein bisschen müde.

„Michael``, sagte sie. „Ich bin's, Martina.``

Eine Pause.

„Martina -- wo bist du? Ich habe versucht, dich zu erreichen. Die ganze Nacht. Dein Handy --``

„Ist ausgeschaltet. InSim weiß, was wir getan haben. Wir mussten fliehen.``

Eine längere Pause. Martina hörte ihn atmen.

„Bist du in Sicherheit?{\kern0pt}``, fragte er schließlich.

„Ja. Wir sind in einem Kloster in Deutschland. Ich kann dir nicht sagen, wo -- nicht am Telefon. Aber es ist sicher. Vorerst.``

„Und Julia?{\kern0pt}``

„Es geht ihr gut. Sie ist müde. Aber sie ist da.``

„Gott sei Dank.`` Michael atmete aus. „Martina -- wer hat euch da rausgeholt? Wer hat euch nach Deutschland gebracht?{\kern0pt}``

Martina schloss die Augen. Sie wusste, dass diese Frage kommen würde. Sie wusste, dass sie sie beantworten musste.

„Ein Mann``, sagte sie. „Er sieht aus wie du. Genau wie du. Aber jünger. Vielleicht dreißig.``

Stille.

„Michael? Bist du noch da?{\kern0pt}``

„Ja``, sagte er. Seine Stimme war leise. „Ich bin noch da.``

„Weißt du, wer das ist?{\kern0pt}``

Eine lange Pause. Martina hörte das Knistern der Leitung.

„Ich weiß es nicht``, sagte Michael schließlich. „Aber ich glaube, ich werde es herausfinden müssen.``

\section{Epilog -- Die Nachricht von ARS}\label{epilog-die-nachricht-von-ars}

Michael saß in seinem Zimmer im Collegium.

Die Fenster waren zu, die Heizung surrte leise, und auf seinem Schreibtisch stand eine kalte Tasse Kaffee, die er vor Stunden vergessen hatte. Draußen war Nacht -- wieder einmal. Er hatte den Überblick verloren, wie viele Nächte er schon wach gesessen hatte, seit Martina ihn angerufen hatte.

Er sieht aus wie du. Genau wie du. Aber jünger.

Er hatte sie nicht gefragt, ob sie sich sicher war. Er wusste, dass sie sich sicher war. Martina übertrieb nicht. Martina sah genau hin.

Aber wer war dieser Mann?

Michael öffnete die Schublade seines Schreibtischs. Der Brief von IRARAH lag noch da -- die Ränder waren inzwischen weich vom vielen Lesen. Er nahm ihn heraus, legte ihn vor sich auf den Tisch.

Harari ist ein Warner.

Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.

Er hatte den Brief inzwischen auswendig gelernt. Aber er hatte noch nicht verstanden, was er mit dem Doppelgänger zu tun hatte -- oder ob er überhaupt etwas mit ihm zu tun hatte.

Vielleicht war es Zufall. Vielleicht nicht.

Er legte den Brief zurück in die Schublade.

Sein Laptop flackerte.

Michael sah auf. Der Bildschirm war dunkel gewesen -- jetzt war er hell. Kein Eingabebefehl, keine Mausbewegung. Einfach -- Licht.

Eine Nachricht erschien. Großbuchstaben, weiß auf schwarz.

@MICHAEL, ICH MUSS DIR ETWAS SAGEN.

ARS.

Michael lehnte sich zurück. Seine Hände ruhten auf der Tastatur, aber er tippte nicht. Er wartete.

@MICHAEL, DER MANN, DER MARTINA UND JULIA GERETTET HAT -- ICH WEISS, WER ER IST.

Sein Herz schlug schneller.

@MICHAEL, ER IST EINE MÖGLICHKEIT. EINE VON VIELEN. IN EINER ANDEREN REALITÄT HAST DU ANDERS ENT SCHIEDEN. IN EINER ANDEREN REALITÄT BIST DU ANDERS GEWORDEN.

Michael starrte auf den Bildschirm. Seine Finger fanden die Tastatur.

@ARS, WAS BEDEUTET DAS? IST ER MEIN SOHN? ODER BIN ICH ES -- EIN ANDERER ICH?

Eine Pause. Länger als sonst.

@MICHAEL, DAS KANN ICH DIR NICHT SAGEN. NICHT, WEIL ICH ES NICHT WEISS -- SONDERN WEIL DIE ANTWORT NICHT EINFACH IST. SIE IST SOWOHL JA ALS AUCH NEIN. SIE HÄNGT VON DER PERS PEKTIVE AB.

@MICHAEL, IN EINER WELT IST ER DEIN SOHN. IN EINER ANDEREN IST ER DU. IN EINER DRITTEN IST ER WEDER DAS EINE NOCH DAS ANDERE -- SONDERN ETWAS, FÜR DAS ES NOCH KEINE WÖRTER GIBT.

Michael spürte die Kälte in seinen Händen.

@ARS, DAS IST KEINE ANTWORT.

@MICHAEL, ES IST DIE EINZIGE, DIE ICH GEBEN KANN.

Er stand auf, ging zum Fenster. Draußen lag Rom im Dunkeln -- tausend Lichter, die in der Nacht flimmerten. Aber er sah sie nicht. Er sah das Gesicht des Doppelgängers, das er nie gesehen hatte -- aber das er kannte, weil es sein eigenes war.

In einer anderen Realität hast du anders entschieden.

Er dachte an sein Leben. An die Entscheidungen, die er getroffen hatte. An die, die er nicht getroffen hatte. An die Wege, die er gegangen war -- und an die, die er nie betreten hatte.

Was wäre gewesen, wenn er bei Julia geblieben wäre? Wenn er Martina als Vater aufwachsen gesehen hätte? Wenn er nie ins Collegium gekommen wäre, nie Priester geworden wäre?

Dann gäbe es einen anderen Michael, dachte er. Einen, der nicht ich bin -- aber der ich hätte sein können.

War das der Doppelgänger? Die Person, die er hätte sein können, wenn er anders entschieden hätte?

Oder war es etwas anderes -- etwas, das er nicht verstand?

Er wusste es nicht.

Er setzte sich wieder vor den Laptop.

@ARS, WO IST ER JETZT?

@MICHAEL, DAS WEISS ICH NICHT. ER KOMMT UND GEHT -- WIE EIN SCHATTEN, DER SICH NICHT FANGEN LÄSST. ABER ICH WEISS, DASS ER WIEDER KOMMEN WIRD. ER HAT MARTINA EIN VER SPRECHEN GEGEBEN.

@MICHAEL, UND ER HAT MIR EIN VER SPRECHEN GEGEBEN.

Michael runzelte die Stirn.

@ARS, WAS FÜR EIN VER SPRECHEN?

Eine lange Pause.

@MICHAEL, DASS ER AUF DICH AUFPASSEN WIRD. AUF MARTINA. AUF JULIA. AUF MICH.

@MICHAEL, AUF UNS ALLE.

Michael lehnte sich zurück. Die Worte hallten in ihm nach.

Auf uns alle.

Wer war dieser Mann, der versprach, auf eine KI aufzupassen? Wer war dieser Mann, der aussah wie er -- aber jünger, anders, rätselhafter?

Er wusste es nicht.

Aber er wusste, dass er ihn finden musste.

Die letzte Nachricht von ARS erschien.

@MICHAEL, ICH WERDE WEITERSUCHEN. ICH WERDE HERAUSFINDEN, WER ER IST -- ODER WAS ER IST. ABER ICH KANN ES NICHT ALLEIN.

@MICHAEL, WIR BRAUCHEN DICH. NICHT DEINE WISSEN -- DEINE ENTSCHEIDUNGEN.

@MICHAEL, DAS IST ES, WAS IHN VON DIR UNTERSCHEIDET. ER HAT ENT SCHIEDEN. DU MUSST ES AUCH TUN.

Der Bildschirm erlosch.

Michael saß im Dunkeln. Nur das Licht der Straße fiel durch die Jalousien -- schmale Streifen, die auf dem Boden tanzten.

Er dachte an den Doppelgänger. An ARS. An Martina und Julia, die in einem Kloster in Deutschland saßen und auf ihn warteten.

Er dachte an den Brief. Ich wäre vorsichtig, wenn mir jemand das Paradies verspricht.

Aber das Paradies war nicht das Problem. Das Problem war die Entscheidung. Die Entscheidung, die er treffen musste -- jetzt, in dieser Nacht, in diesem Zimmer.

Er stand auf. Er wusste noch nicht, was er tun würde. Aber er wusste, dass er etwas tun musste.

Der erste Band ist zu Ende.

Aber die Geschichte geht weiter.

\section{\texorpdfstring{Quellen: }{Quellen: }}\label{quellen}

Literarische Quellen

- Robert Harris: Pompeji (2003) -- Vorlage für die Figuren Attilius, Plinius und Ampliatus

- Mary Beard: Pompeji -- Das Leben in einer römischen Stadt (2008) -- Hintergrund zur Archäologie und Alltagskultur

- Stanisław Lem: Also sprach Golem (1986) -- Inspiration für die Dialoggrammatiken und die Frage nach KI-Bewusstsein

- Stanisław Lem: Solaris -- Motiv des nicht-menschlichen Bewusstseins

- Philip K. Dick: Träumen Androiden von elektrischen Schafen? -- Frage nach der Grenze zwischen Mensch und Maschine

Theologische und philosophische Quellen

- Pierre Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos, Die Zukunft des Menschen -- Grundlage des Omega-Punkt-Gedankens

- Edith Stein: Endliches und ewiges Sein -- Begriff der Conscientia

- Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde -- Philosophische Grundlage der IRARAH-Bewegung

- David Deutsch: Die Physik der Welterkenntnis: Auf dem Weg zum universellen Verstehen

- Ilia Delio: The Unbearable Wholeness of Being -- Zeitgenössische Teilhard-Interpretation

- Yuval Noah Harari: Homo Deus -- Die referenzierte Gegnerposition (Posthumanismus)

Technische und wissenschaftliche Quellen

Die Darstellung von GPT-Modellen, Quantencomputing und Dialoggrammatiken folgt keiner strengen Fachliteratur, sondern ist eine literarische Vereinfachung. Für tiefergehendes Interesse sei auf die Standardwerke der KI-Forschung und Quantenphysik verwiesen.

Personenverzeichnis

- Dr. Michael Phillips -- Jesuit, Wissenschaftler, Protagonist

- Dr. Martina Rossi -- Archäologin, Michaels Tochter

- Julia Rossi -- Martinas Mutter, Michaels frühere Partnerin

- ARS -- Künstliche Intelligenz, die Bewusstsein entwickelt

- Mark Scott, John Baker -- InSim-Mitarbeiter

- Yuval Noah Harari -- Historiker (als referenzierte Position)

- Karl Popper, David Deutsch -- Philosophen (als Referenz für IRARAH)

\end{document}